31.12.2013

Romarios Wandlung zum Politiker

Bad Boy a. D.

Seite 2/4: Romário wird das Kind schon schaukeln!
Text:
Henrik Brandao Jönsson
Bild:
imago

Damals waren brasilianische Spieler in Europa noch eine Seltenheit, doch Trainer Guus Hiddink flog persönlich nach Rio, um Romário für die damalige Rekordsumme von umgerechnet fünf Millionen Dollar zu verpflichten. Der spielte fünf Jahre in Holland und erzielte für den PSV 165 Tore in 163 Spielen. Auch durch seine Extravaganzen machte er von sich reden: 1990 verletzte er sich am Handgelenk, so dass er seinem Klub in der Endphase der Meisterschaft nicht zur Verfügung stand. Romário flog kurzerhand heim, wo er trotz seiner Verletzung am Strand kickte. Unterdessen wurde der PSV noch von Ajax Amsterdam überholt, was der Stürmer lapidar kommentierte: »Jeder weiß, dass Eindhoven ohne Romário nicht spielen kann.«

Obwohl er ein schwieriger Charakter war und – wie zum Beispiel auch Pelé – gerne von sich in der dritten Person sprach, hält Hiddink ihn noch heute für den besten Spieler, mit dem er je gearbeitet hat. »Vor einem wichtigen Match, wenn alle nervös waren, kam er zu mir und sagte: ›Keine Sorge, Trainer, Romário wird das Kind schon schaukeln!‹ Und das tat er auch! Natürlich nicht immer, aber in acht von zehn Spielen erzielte er das entscheidende Tor.« Seine Leistungen beim PSV überzeugten Johan Cruyff davon, Romário zum FC Barcelona zu holen, wo er gleich in seinem ersten Jahr Torschützenkönig und spanischer Meister wurde.

In der brasilianischen Nationalmannschaft lief es nicht ganz so rund. Aufgrund einer Verletzung verpasste Romário die WM 1990. Mit Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira lag er im Clinch, nachdem der ihn bei einem Freundschaftsspiel auf der Bank hatte schmoren lassen. »Romário fliegt nicht den ganzen Weg nach Brasilien, um auf der Ersatzbank zu sitzen«, hatte Romário verkündet und war abgereist. Parreiras Problem war allerdings, dass er auf ihn angewiesen war. Nach einem 0:0 in Ecuador und einem 0:2 in Bolivien – Brasiliens erster Niederlage in einem WM-Qualifikationsspiel überhaupt – drohte die Seleção allen Ernstes die Teilnahme am Turnier 1994 in den USA zu verpassen. Im letzten Match musste im Maracanã gegen Uruguay unbedingt ein Sieg her. Romário liebte solche Situationen, also wurde er aus Barcelona eingeflogen und erzielte beide Tore des Spiels. Bei der Weltmeisterschaft bildete er dann mit Bebeto das beste brasilianische Sturmduo seit den Tagen von Pelé und Tostão und schoss Brasilien zu seinem vierten WM-Titel. Anschließend wechselte er zu Flamengo, Brasiliens größtem Klub, und wurde von einer Million Fans begeistert empfangen.

In den folgenden Jahren fiel er indes eher durch Streitereien mit Trainern, Kollegen, Fans und Freundinnen auf. Für die WM 1998 wurde er nicht nominiert, angeblich wegen einer Verletzung. In Wahrheit hatte Trainer Mario Zagallo Sorgen, er könnte mit seiner undisziplinierten Art einen negativen Einfluss auf die Mitspieler ausüben. Trotz alledem traf Romário weiter, wie er wollte. 2001 wurde er im zarten Alter von 35 Jahren noch einmal Torschützenkönig. Wäre es nach den Flamengo-Anhängern gegangen, wäre er 2002 noch einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei gewesen, doch Luiz Felipe Scolari entschied sich dagegen, ihn mitzunehmen. Zwei Jahre später, er spielte mittlerweile bei Fluminense, wurde Romário nach der handgreiflichen Auseinandersetzung mit einem Fan vorübergehend verhaftet. Der Mann hatte ein Hühnchen aufs Spielfeld geworfen – eine Anspielung darauf, dass der Stürmer angeblich lieber den Hühnern am Strand als dem Ball hinterherjagte.

Ein Jahr später kam Ivy zur Welt. Romário erinnert sich: »Unmittelbar nach der Geburt stand ich unter Schock und fragte mich, was ich verbrochen hatte und warum gerade mir das passiert war.«

Um die Gerüchte, die bald kursierten, zu stoppen, ließ der Stürmer eine Woche später eine Pressekonferenz einberufen. Er erklärte, dass seine Tochter mit dem Downsyndrom zur Welt gekommen und er ein sehr stolzer und glücklicher Vater sei. Einen Monat später, am 25. April 2005, verabschiedete sich Romário aus der Nationalmannschaft. Nachdem er im Maracanã gegen Guatemala das 2:0 geschossen hatte, zog er sein Trikot hoch und präsentierte ein weißes Shirt, auf dem stand: »Ich habe ein kleines Mädchen mit Downsyndrom. Sie ist eine Prinzessin.« Als er in der zweiten Halbzeit ausgewechselt wurde, kämpfte er mit den Tränen und warf Kusshände ins Publikum. Der berüchtigte Rebell des brasilianischen Fußballs hatte seine empfindsame Seite entdeckt.

Romário war 39 Jahre alt und hatte in seiner Karriere 944 Tore erzielt. Plötzlich entwickelte er Ehrgeiz: Er wollte, genau wie damals Pelé, die Marke von 1000 Toren übertreffen. Romário unterschrieb noch einmal bei Vasco da Gama, dem Klub, bei dem er groß geworden war, und schoss in seiner ersten Saison 18 Tore. Pelé wurde langsam unruhig und drängte Romário, »angesichts seines fortgeschrittenen Alters« die Schuhe an den Nagel zu hängen – Pelé selbst war 29 Jahre alt gewesen, als ihm sein tausendster Treffer gelungen war. Romário erwiderte, man möge Pelé mit einem Socken das Maul stopfen und ergänzte: »Ein schweigender Pelé ist wie ein Poet.«

 
 
 
 
 
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