Romarios Wandlung zum Politiker

Bad Boy a. D.

Der Weltmeister von 1994 war als Fußballer genial, aber auch ein fast unerträglicher Egomane. Als er sich in Brasiliens Nationalkongress wählen ließ, rechnete deshalb niemand mit einem engagierten Kämpfer für die Rechte des Volkes. Dann aber geschah ein kleines Wunder.

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Der Sicherheitsmann öffnet die Tür in der mannshohen Mauer, an deren oberem Ende ein elektrischer Sicherheitszaun angebracht ist. In der Garage parkt ein roter Ferrari, dessen Besitzer mit Flip-Flops, Shorts und einer Weste am Pool lümmelt und mit einem Freund telefoniert. Das Anwesen liegt an einem künstlichen See, der Ende der Fünfziger angelegt wurde, um die neugebaute brasilianische Hauptstadt Brasilia mit Wasser zu versorgen. An einem Steg ist das Motorboot des Hauseigners verankert, das Ufer ist mit Palmen gesäumt. Die blassgrüne Villa mit weißen Ecken würde Wohnraum für ein halbes Dutzend Familien bieten, doch hier hat ein einziger Mann das Sagen. Sein Name ist Romário de Souza Faria und er ist Mitglied des brasilianischen Nationalkongresses. Fußballfans indes kennen ihn nur als Romário.

Wie kaum ein anderer verkörperte Romário das Klischee des ebenso talentierten wie schwer erziehbaren Straßenfußballers, der es als Junge aus den Favelas zu Ruhm und Reichtum gebracht hat. Dabei geriet Baixinho (der Kurze), wie er genannt wurde, nicht nur durch seine Tore, sondern immer wieder auch durch Skandale in die Schlagzeilen – sei es wegen Ärgers mit seiner Ex-Frau oder den Steuerbehörden. Seine streng bewachte Villa zeugt davon, dass der heute 47-Jährige nach wie vor nicht zum Understatement neigt. Umso überraschender ist es, dass Romário mittlerweile nicht nur als Kongressabgeordneter arbeitet, sondern dabei als echtes Vorbild gilt, wie ihm unter anderem das unabhängige Politikmagazin »Congresso em Foco« bescheinigt.

»Willkommen«, sagt Romário, als er sein Telefonat beendet hat, und fragt, ob es okay sei, das Interview im Garten zu führen. Wir gehen durch die Küche, wo seine achtjährige Tochter Ivy mit ihrer Nanny und zwei Sicherheitsleuten zu Mittag isst. Wie hat es den einstigen Rebellen aus Rio de Janeiro überhaupt in die mitten in den Urwald gebaute brasilianische Hauptstadt verschlagen? Und wie hat er es geschafft, vom bösen Buben des Fußballs zu einem Musterknaben der Politik zu mutieren? Was ist bloß passiert?

Romário lacht schallend. »Was soll das heißen? Ein böser Bube bin ich nach wie vor und werde es auch immer bleiben.« Er lehnt sich in seinem Gartenstuhl zurück. »Dies ist passiert: Mit wurde ein wunderbares kleines Mädchen geschenkt, das mir vor Augen geführt hat, wie dumm und arrogant ich vorher war, ein echter Egomane. Es ging immer nur um mich. Ivy hat das alles verändert, sie hat mir die Augen geöffnet.«

Romário de Souza Faria kam 1966 in Jacarézinho zur Welt, einer der am dichtesten besiedelten Favelas von Rio, wo sich auf einem Quadratkilometer rund 60 000 Menschen drängen. Als Romário vier Jahre alt war, zog die Familie nach Vila de Penha um, einen der schäbigen Vororte der Zona Norte. Sein Vater liebte Fußball und gründete einen Nachbarschaftsklub, in dem sich Romário mit älteren Jungs aus dem Viertel messen konnte. Über Olaria kam der begabte Angreifer zu Vasco da Gama, wo er es bereits als 19-Jähriger in die erste Mannschaft schaffte und neben Roberto Dinamite stürmte, dem erfolgreichsten Stürmer der Vereinsgeschichte. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, als er die Seleção bis ins Finale schoss, wo sie dann nach Verlängerung der Sowjetunion unterlag. Romário musste sich mit der Torjägerkrone begnügen und erhielt anschließend ein Angebot des amtierenden Europapokalsiegers der Landesmeister, PSV Eindhoven.

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