05.06.2012

Roman Shirokov, Russlands Chef im Mittelfeld

Säufer und Stratege

Spätestens nach dem 3:0-Erfolg im Testspiel gegen Italien gilt Russland als Geheimfavorit auf den EM-Titel. Zweifacher Torschütze gegen Italien: Roman Shirokov. Wer ist der Mann, der einst als Säufer und Zocker abgestempelt war und nun Russlands wichtigster Spieler ist?

Text:
Ivan Kalashnikov
Bild:
Imago

Als Zenit St. Petersburg im Jahr 2008 in der russischen Premier League und im UEFA-Cup von Erfolg zu Erfolg schwebte, hob Dick Advocaat einen Spieler besonders hervor: »Eines Tages«, sagte der niederländische Trainer, »kann Roman Shirokov der beste Verteidiger Russlands werden.« Er preiste einen Spieler an, der vier Jahre zuvor noch im Amateurbereich gespielt hatte, dem es gerade gelungen war, im russischen Nationalteam debütieren, der erst seit einer Saison das Trikot von Zenit trug. Andere wären bei dieser Huldigung vor Schamesröte dahingeflossen. Doch nicht so Shirokov. »Ich will das nicht sein«, entgegnete er Advocaats Defensivplänen. Um nachzuschieben: »Ich hoffe vielmehr darauf, der beste Mittelfeldspieler Russlands zu werden.«

Roman Shirokov hat Wort gehalten. Vor der EM 2012 hat Russland keinen besseren Mittelfeldspieler zu bieten. Während der erfolgreichen Qualifikation war 30-Jährige ein wichtigerer Bestandteil für das russische Team als Stürmerstar Andrey Arshavin. Außerdem führte er Zenit in der Champions League erstmals in die K.o.-Runde und stellte mit fünf Toren den russischen Rekord von Valery Karpin und Yuri Nikiforov in der Königsklasse ein. »Ich möchte mich auf dem höchsten europäischen Level testen«, sagte er jüngst zu seinen Zielen. Dass er sich einmal derart ambitioniert äußern würde, schien vor einigen Jahren undenkbar. In jungen Jahren lag die Karriere, die noch gar nicht richtig begonnen hatte, in Trümmern. Vom Säufer zum Volltreffer – es ist ein steiniger Weg, den Shirokov hinter sich gebracht hat.

Barbecue-Party, vorgetäuschter Beinbruch, Alkoholexzesse

Im Jahr 2001 bekam ein vielversprechendes Talent aus der Jugendakademie von ZSKA Moskau die Chance, Spielpraxis in der ersten russischen Liga zu sammeln. Shirokov, dem sie beim Armeeklub aus der Hauptstadt den Sprung in die erste Mannschaft noch nicht zutrauten, wurde als Leihspieler beim FC Torpedo Moskau geparkt. Eine Chance, um die ihn viele junge Kollegen beneideten. Doch anstatt sie zu nutzen, driftete Shirokov ab. Als sie ihn eines Tages beim Training erwarteten, zog es der Querkopf vor, mit seinen Kumpels eine Barbecue-Party zu feiern. Dem Training blieb er auch in den folgenden zwei Monaten fern – unentschuldigt, versteht sich. Als er wiederkam, täuschte Shirokov einen Beinbruch vor, einen Gips hatte er sich vorsorglich anlegen lassen. Natürlich flog die Geschichte auf. Der gerade 21-Jährige ging mit der Erfahrung von einem Einsatz in der ersten Liga zurück zu ZSKA. Beim Armee-Verein durfte er fortan zwar weiterhin trainieren, doch seine Hauptaufgabe war eine andere: Gräben ausheben, Wände streichen – in rot und blau, den Farben von ZSKA.

Mit körperlicher Ertüchtigung wollten sie ihn zur Raison rufen, doch die Maßnahmen zeigten keine Wirkung. Der Rebell muckte weiterhin auf. Aus der ZSKA-Karriere wurde folglich nichts. Für Shirokov zunächst kein Problem – er begnügte sich irgendwann damit, beim Amateurklub Istra in der Nähe von Moskau zu kicken. Nächtelange Kartenspiele und Alkoholexzesse waren ihm wichtiger. Ein Lebenswandel, der sich nicht mit seinem Talent in Einklang bringen ließ. Shirokov geriet in Vergessenheit.

Trainer-Beleidigung sorgt für Rauswurf in Kasan

Bis er Katya kennenlernte. »Es war meine Hochzeit, die meinen freien Fall stoppte«, erinnert sich Shirokov heute. Dabei machte seine Freundin zunächst mit beim feucht-fröhlichem Treiben, doch irgendwann hatte sie davon genug. Katya redete so lange auf ihren Freund ein, bis sie Shirokov zum Umdenken gebracht hatte. Er investierte fortan wieder mehr in den Fußball. 2004 wechselte er zum FK Widnjoje in die dritte Liga. Ein Jahr später spielte er in der Premier League.

Bis zur Etablierung in der ersten Liga sollte noch einige Zeit vergehen. Denn Shirokow blieb sich treu. Auf Anpassungsfähigkeit gab er weiterhin nicht viel, dafür legte er sich zu gerne mit seinen Vorgesetzten an. Das brachte ihn bei Rubin Kasan um eine große Chance. Kurban Berdyev hatte dort ab 2006 damit angefangen, etwas Großes aufzubauen. Shirokov hätte daran teilhaben können. Beim Gewinn zweier Meisterschaften und dem sensationellen Erfolg in der Champions League gegen den FC Barcelona war er jedoch schon längst nicht mehr dabei. Auslöser dafür war eine verbale Attacke in Richtung Berdyev. Die russische Medienlandschaft hatte den gläubigen Trainer als einen »Rosenkranz tragenden Schamanen« charakterisiert, der durch seine Gebete immer die richtige Taktik findet. Shirokov konnte darüber nur lachen. »Der einzige Gott, den er wahrnimmt«, posaunte er, »ist Mr. Franklin auf der 100-Dollar-Banknote.« Ein Satz, der seine Kasan-Karriere beendete.

Aufgrund dieser Entgleisungen spielte Shirokov erst 2007 seine erste vollständige Saison in der Premier League – als 26-Jähriger. Für den Underdog FC Khimki bestritt er 27 Spiele und beeindruckte unter anderem mit einem spektakulären Treffer gegen Zenit St. Petersburg. Beim aktuellen Meister unterschrieb er am Saisonende denn auch einen Vertrag. Auch hier sahen ihn viele schon wieder auf dem absteigenden Ast. Dass sich Shirokov im mit Nationalspielern gespickten Zenit-Mittelfeld würde behaupten können, glaubte keiner. Doch Dick Advocaat hatte andere Pläne und bot ihn in der Innenverteidigung auf. Ein überraschender Schachzug, denn in puncto Zweikampfverhalten konnte er seinem Kontrahenten Martin Skrtel keineswegs das Wasser reichen. Dafür überzeugte er mit exzellentem Positions- und Aufbauspiel. Als Skrtel in der Winterpause 2008 zum FC Liverpool wechselte, steigerte dies Shirokovs Wertschätzung in der Defensive noch weiter. Die St. Petersburger gewannen einige Monate später den UEFA-Cup, und Shirokov überzeugte in den Spielen gegen Bayer Leverkusen  und Bayern München ebenso wie im Finale in Manchester gegen die Glasgow Rangers (2:0).

»Spanien kann nichts!«


Alles schien perfekt zu laufen. Zwei Pokale mit St. Petersburg in seiner ersten Saison, dazu nominierte Guus Hiddink ihn für die EM 2008. Doch dort stand sich der Exzentriker einmal mehr selbst im Weg. Das Turnier, bei dem Russland das Halbfinale erreichte, wurde für die meisten Spieler zum Sprungbrett. Gleich vier Russen (Zhirkov, Pavlyuchenko, Arshavin, Bilyaletdinov) wechselten wenig später nach England, andere erhielten innerhalb der russischen Premier League neue Verträge mit fürstlicher Entlohnung. Shirokov ging leer aus. Er hatte seinen Mund mal wieder zu weit aufgerissen.

Im Vorfeld des ersten Gruppenspiels gegen Spanien erklärte der als Innenverteidiger eigentlich gesetzte Shirokov: »Spanien kann nichts. Die Spieler halten ihre Positionen, aber sind nicht in der Lage, Chancen zu kreieren.« Die Spanier bewiesen eindrucksvoll das Gegenteil, gewannen mit 4:1 und ließen den Vorlauten ganz schlecht aussehen. An zwei Treffern trug der Innenverteidiger die Hauptschuld. Seine schwache Leistung unterbot er nur noch durch eine Aussage nach Schlusspfiff. »Wir hatten nicht erwartet, dass David Villa in der Startelf steht«, beschwerte sich Shirokov. Eine Ausrede, die niemand so recht verstand und die Villas Tore – immerhin drei an der Zahl – auch nicht wieder rückgängig machte. Ex-Nationalspieler Viktor Gusev, der das Spiel als Experte für das russische Fernsehen analysierte, hatte die Faxen dicke: »Er lebt nicht den Standard vor, den man von einem russischen Nationalspieler erwarten muss.« Diese Aussage stand fortan sinnbildlich für Shirokovs Turnier. Er versauerte als nicht mehr benötigter Reservespieler auf der Ersatzbank.

Und auch nach der EM setzte es weiterhin Nackenschläge. Shirokov flog aus der Nationalmannschaft, saß bei Zenit im Jahr 2009 zumeist auf der Bank und lieferte sich darüberhinaus einen hitzigen Streit mit seinem neuen Trainer Luciano Spaletti kurz nach dessen Ankunft in St. Petersburg. Nachdem sich die Wogen geglättet hatten, startete er jedoch durch, holte sich im Verein den Stammplatz zurück und feierte sein Comeback in der Nationalmannschaft, die mittlerweile von seinem einstigen Förderer Advocaat trainiert wurde. Im Unterschied zu früher spielte er nun dort, wo er sich am liebsten sieht: im Mittelfeld.

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