Rolf Töpperwien im Interview
05.11.2011

Rolf Töpperwien im Interview

»Grenzen gibt es nicht!«

Lange war er das, jetzt geht er einfach: Rolf Töpperwien verlässt die Bühne der Fieldreportage. Und sagt ganz laut Servus. Wir sprachen einst mit dem Reporter-Dino über Rasensprints in München und den alten Kumpel Rehhagel.

Text:
Johannes Ehrmann und Alex Raack
Bild:
Imago

Rolf Töpperwien, wissen Sie noch, bei wie vielen Spielen Sie in Ihrer Karriere als Reporter anwesend waren?

1410.

Das ist Rekord, vor Thomas Wark. Der hat...


...597. Ich zähle ja nicht nur bei mir mit, sondern bei allen. Ich kann jedem sagen, wie viele Spiele er hat.

Sie zählen mit?


Jawohl, Strichliste per Hand. Das fing damit an, dass der inzwischen verstorbene Kollege Harald Clausen zu Beginn meiner Karriere in den Siebzigern immer monierte, er würde zu wenige Spiele abbekommen. Bis ich anfing mitzuzählen. Clausen hat sich danach nicht mehr beschwert.

Wissen Sie noch, wann Sie über Ihr erstes Spiel berichtet...

(unterbricht sofort) 23. August 1974. Wuppertaler SV gegen MSV Duisburg. 1:4.

Ihr Detailwissen beeindruckt.

Das brauche ich auch. In der gesamten ZDF-Redaktion bin ich der Einzige, der keinen Computer und keine E-Mails kennt. Ich habe alles im Kopf.

Ein Gerücht besagt, dass Sie die klassische Feld-Reportage beim Fußball eingeführt haben...

Der Deutsche Fußball-Bund hat zu meinem damaligen Chef Hans-Joachim Friedrichs gesagt: »Was haben Sie da für einen Wahnsinnigen, der unsere Spieler bei Schlusspfiff am Spielfeldrand überfällt.« Friedrichs hat geantwortet: »Töpperwien ist mein Terrier, der buddelt so lange, bis er etwas findet.« Ich wollte die Leute vor dem Fernseher eben wach halten. Dabei habe ich mich bei einem meiner ersten Interviews ordentlich blamiert. 

Bei welchem Spiel war das?


Kaiserslautern gegen Hertha. 1:0 für den FCK durch ein Eigentor von Uwe Kliemann. Ihr kennt den Namen Kliemann? Der Funkturm?

Leider nicht.


Uwe Kliemann, fast zwei Meter groß, solche Locken. Der Funkturm aus Berlin. Einer der fünf bekanntesten Spieler, die je bei der Hertha waren. Den muss man doch bei 11FREUNDE kennen!

(...)

Ich stand jedenfalls nach dem Spiel vor diesem Hünen und fragte: »Herr Kliemann, wie fühlt man sich, wenn man das einzige Tor im Spiel geschossen hat und dann noch gegen die eigene Mannschaft?« Er hat mich von oben angeguckt und gesagt: »Saublöde Frage! Beschissen, wie denn sonst?« Da ist mir keine zweite Frage mehr eingefallen. (lacht)

Vor einigen Wochen haben Sie sogar freiwillig auf Fragen verzichtet, als Sie nach dem Spiel gegen die Bayern ein Interview mit Freiburgs Trainer Robin Dutt abgebrochen haben...

...und Robin Dutt mir damit eines der größten Geschenke meiner Laufbahn gemacht hat. In 36 Jahren ist es noch nicht passiert, dass ich ein Interview vorzeitig beende. Als ich mit dieser Geschichte kurz darauf auch noch im »Streiflicht« auf Seite Eins der »Süddeutschen Zeitung« auftauchte, rief mich meine Schwester an und sagte: »Jetzt musst Du aufhören!«


Sie machen Ihren Job seit mehr als drei Jahrzehnten. Wie beurteilen Sie aktuell das Zusammenspiel zwischen Medien und Fußball-Profis?

Die Einführung der Pressesprecher hat den direkten Zugang zu den Spielern erschwert. Für den Verein ist es viel einfacher, eine Anfrage per E-Mail einfach nicht zu beantworten. Wenn ich aber Ottmar Hitzfeld, Christoph Daum oder Otto Rehhagel anrufe und sage: Wir müssen Samstag mal was machen, dann machen wir auch was.

Das zeugt von einem hohen Vertrauen. Wie haben Sie es beispielsweise geschafft, Ihr enges Verhältnis zu Otto Rehhagel aufzubauen, der ja gemeinhin als äußerst medienscheu gilt?

Zehn Jahre Steine klopfen, zehn Jahre saubere Arbeit.

Ist Otto Rehhagel der ideale Gesprächspartner?


Nicht unbedingt. Weil ich ihn auch heutzutage noch pflegen, streicheln und bitten muss, bis ich ihn vor die Kamera bekomme. Eine unglaubliche Herausforderung.  

Sind die Spieler und auch Trainer heutzutage im Umgang mit den Medien professioneller geworden?

Nein. Langweiliger. Professionell ist für mich, wenn ein Spieler etwas sagt, dass seinen Verein und das Medium Fußball ins Gespräch  bringt. Glatt gebügelte Antworten mag ich überhaupt nicht.

Können sich die Spieler heutzutage überhaupt noch spektakuläre Antworten leisten?

Das kann sich jeder erlauben, der genug Mumm hat und gute Leistungen auf dem Platz abliefert.

Wo sind bei Ihnen als Journalist die Grenzen der Geduld?


Die gibt es nicht. Zur Not warte ich bis auf den letzten Drücker. Ich habe schon vor 20 Jahren zu einem Typen wie Uli Stein, der nach einer 0:4-Niederlage gegen Uerdingen keinen Kommentar abgeben wollte, gesagt: »Uli, das Sportstudio fängt um zehn Uhr an. Du hast um acht einen Tisch in Dreieich bestellt, ich steh bis acht hier vor der Tür.« Um sieben kam er dann raus.

Woher kommt diese Radikalität?

Ich war schon immer ein Schwarz-Weiß-Typ. Ich übertreibe – nach oben und nach unten –  ich engagiere mich mit vollem Einsatz für etwas, das ich toll finde und lehne völlig ab, was mir nicht gefällt. Eine Grauzone, dieses Moderate, Ausgleichende, geht mir völlig ab.

Man verspürt bei Ihnen auch einen gewissen investigativen Impetus...


Viel zu akademisch ausgedrückt! So würde ein Marcel Reif vielleicht reden, aber nicht ich. Ich möchte dem Zuschauer eine interessante Reportage mit spektakulären O-Tönen bieten. Und ich möchte, wenn Otto Rehhagel irgendwann seine Karriere als griechischer Nationaltrainer beendet, von diesem Mann einen O-Ton bekommen. Selbst wenn er dabei seine Frau grüßt.

Wie schaffen Sie es, in einem vollbesetzten Stadion Ihren Job zu machen?


Ich habe einen ganz großen Vorteil, der ein ganz großer Nachteil ist. Wenn ich in Aktion bin vergesse ich das Umfeld in dem ich arbeite und für das ich arbeite. Deshalb fange ich auch manchmal an zu brüllen: »Wo ist die Kamera?« Mein Chef ruft mir dann immer ins Ohr: »Funkdisziplin, Töppi! Funkdisziplin!«

Gibt es dafür konkrete Beispiele?

Beim Endspiel im UEFA-Cup zwischen Leverkusen und Espanyol Barcelona wollte ich direkt nach dem Elfmeterschießen direkt aus dem Strafraum senden. Aber das Kabel der Kamera war zu kurz und reichte nicht aus. Klaus Täuber verwandelt den entscheidenden Strafstoß und mich hört man nur brüllen: »Verflucht, mach das Kabel länger!« Das ist alles über den Sender gegangen. Für solche Aktionen bin ich  immer kritisiert worden. Und wurde trotzdem bei den wichtigen Spielen immer wieder eingesetzt.

Apropos Kameramann. Stellen Sie an die besondere Ansprüche?

Andere Ansprüche. Wenn ich in München bin und brülle: »Da hinten verpisst sich der Hoeneß!«, sprinte ich los und stelle ihn, kurz bevor er das Stadion verlässt. Da muss mein Mann mit der Kamera im Laufschritt mithalten. Totale Leidenschaft, mehr erwarte ich nicht.

Kann man heute überhaupt noch jemanden so kommentieren lassen, oder wird er gleich gefeuert?

Gute Frage! Dieter Stolte, einer meiner früheren Intendanten, hat mal gesagt: »Herr Töpperwien, Sie besetzen bei uns im Sender, im konservativen ZDF, den äußersten Rand dessen, was noch fürs ZDF möglich ist. Aber die Zuschauer lieben Sie.«

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden