Robin van Persie vs. Borussia Dortmund 2:1

Daddy Arsenal

Nie war er so gut wie heute: Arsenals Stürmer Robin van Persie hat Borussia Dortmund in der Champions League quasi im Alleingang besiegt. Für den Erfolg hat der Holländer Dreck fressen müssen – und das nicht zu knapp. Denn für sein Talent hat er stets einen hohen Preis gezahlt. Robin van Persie vs. Borussia Dortmund 2:1

Wenn das hier ein Werbespot wäre, müsste dieser Text folgendermaßen beginnen: »Er hat für sein Talent büßen müssen. Aber jetzt ist er da, wo er hingehört. An der Weltspitze. Robin van Persie ist: Daddy Arsenal!« Ein bisschen martialische Musik im Hintergrund, Robin van Persie in Slowmotion-Nahaufnahme (enttäuscht) und im Gegenschnitt Robin van Persie in Slowmotion-Jubelpose (enthusiastisch) – fertig wäre der 45-Sekunden-Einspieler. Tut uns leid, das hier ist kein Werbespot. Ein wenig mehr Zeit muss man sich also nehmen, um den Fußballer Robin van Persie verstehen zu wollen.

2011/12 ist Arsenal Robin van Persie und Robin van Persie ist Arsenal. Ohne den mittlerweile 28-jährigen Holländer wäre das Arsenal der Gegenwart nur noch so sexy wie ein angeschwitztes Stück Käse. 25 Tore haben die Londoner in bislang zwölf Spielen in der Premier League geschossen. 13 davon gehen auf das Konto von Robin van Persie. Noch Fragen? Einen besseren Van Persie hat die Fußball-Welt noch nie gesehen.

»Er spielt ab sofort in der Reserve!«

Für seinen gegenwärtigen Erfolg hat Van Persie, pardon, viel Scheiße fressen müssen. Das begann schon als 19-jähriger Nachwuchsmann von Feyenoord Rotterdam. Wie oft sah er im Training die deutlich weniger talentierten Mitspieler über den Rasen stolpern? Und wie oft waren es genau diese Mitspieler, die am Wochenende auf dem Platz standen, während er, das Super-Talent nur auf der Bank Platz nehmen musste? Zu oft für seinen Geschmack. Der Grünschnabel, vom eigenen Können überzeugt, muckte auf. Und das nicht nur einmal. Als ihm Pierre van Hooijdonk, der große alte Mann in Feyenoords Offensive, mit dem 2002 noch das UEFA-Cup-Finale gegen Dortmund gewonnen hatte, einen eigentlich zugesagten Termin beim Mannschaftsmasseur vor der Nase wegschnappte, rastete der Jüngling aus. Für Trainer Bert van Marwijk der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Schon vor dem UEFA-Supercup-Finale 2002 gegen Real Madrid war es zum Eklat zwischen Trainer und Talent gekommen. Weil Van Marwijk es dem Angreifer übel nahm, dass der sich beim Warmlaufen nur semi-professionell verhielt, schickte er den Youngster kurzerhand nach Hause. Nun, nach dem Vorfall an der Massagebank, reichte es dem Coach. Er verkündete: »Sein Verhalten macht es mir unmöglich, ihn weiterhin in der ersten Mannschaft zu behalten. Bis auf weiteres spielt er für die Reserve!«

Und es wäre wohl das vorzeitige Ende dieser jungen Karriere gewesen, wenn sich im Sommer 2004 nicht Arsenal-Trainer Arsene Wenger für Van Persie interessiert hätte. Neun Millionen Euro Ablöse verlangte Feyenoord. Arsenal bot die Hälfte an. Der Wechsel kam zustande. Feyenoord Rotterdam wollte den verzogenen Bengel einfach nur los werden.

Die Eltern: Vater Bildhauer, Mutter Malerin

Journalisten sind immer froh, wenn ein Fußballer eine besondere Geschichte zu erzählen hat. Robin van Persies Biografie ist eine Steilvorlage für jeden Schreiberling. Der Vater Bildhauer, die Mutter Malerin, die ganze Familie eine einzige Ansammlung an Künstlern. Klar, dass der Sohn kein stumpfer Innenverteidiger, sondern extravaganter Außenstürmer wurde. Ein Mann für die besonderen Momente. Für die schönen Tore. Ein Künstler unter all den Fußball-Malochern. Ein Spieler, wie geschaffen für das Arsenal von Arséne Wenger, einem Klub, der unter der Ägide des französischen Trainers zu einem Magneten für all die bolzenden Ästheten heranreifte. Arsénes Arsenal und Feyenoords Van Persie, der Beginn einer wunderbaren Beziehung?

Fast. In seiner ersten Saison für den neuen Klub macht Van Persie in allen Wettbewerben 41 Spiele, schießt zehn Tore und gibt eine Torvorlage. Die für Premier-League-Verhältnisse lächerlichen 4,5 Millionen Euro Ablöse hat er damit locker wieder eingespielt und was auch immer jetzt kommen mag, Arsenals Verantwortliche können sich auf die Schulter klopfen für den Transfer dieses hoch begabten Schnäppchens. Aber für einen Spieler mit Van Persies Veranlagungen ist das alles noch zu wenig. Wenger hat den schnellen Angreifer auch deswegen unbedingt haben wollen, um ihn als Nachfolger des großen Dennis Bergkamp aufzubauen. Bergkamp, die Arsenal-Legende. Es spricht für den stillen Holländer, das er seinem Landsmann, diesem Früchtchen, mit Rat und Tat zur Seite steht. »Ich hatte so viele Fragen. Und wenn es Dennis Bergkamp ist, der dir diese Fragen beantworten soll, dann hörst du nicht auf zu fragen«, erinnert sich Van Persie. Der wissbegierige Künstlersohn bombardiert seinen Mentor so penetrant mit Fragezeichen, dass der schon lachen muss, wenn er seinen Nachfolger in spe in der Kabine sitzen sieht: »Nicht du schon wieder!« Es hat schon schlechtere Lehrmeister gegeben. Aber noch sind die Bergkampschen Fußstapfen zu groß. Robin van Persie wird seinem Talent einfach nicht gerecht.

Er soll eine Schönheitskönigin vergewaltigt haben

Und er muss weiter büßen. 2005 kommt es knüppeldick. Eine holländische Schönheitskönigin beschuldigt den Fußballer, sie in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben. Zwei Wochen lang sitzt Van Persie in Untersuchungshaft, dann wird die Anklage gegen ihn fallen gelassen. Der Fall ist bis heute nicht ganz geklärt. Noch heute bezeichnet Van Persie die 14 Tage hinter Gittern als »die schlimmste Zeit meines Lebens. Es war so wahnsinnig heiß in meiner Zelle, dass ich kurz davor war, durchzudrehen.« So beschissen, wie die Saison 2005/06 beginnt, so beschissen geht sie für den Holländer auch zu Ende. Beim Champions-League-Finale 2006 gegen den FC Barcelona sitzt Van Persie 90 Minuten lang nur auf der Bank. Ein Schlag ins Gesicht.

Es hört nicht auf. In der Saison 2006/07 blüht Van Persie an der Seite des großartigen Thierry Henry auf, in 22 Ligaspielen erzielt er elf Tore. Eine fantastischer Wert. Doch nur Van Persie schafft das Kunststück, sich bei seinem letzten Saisontreffer – dem späten 1:1-Ausgleich im Prestige-Duell gegen Manchester United – so gemein den Fuß zu verdrehen, dass die Ärzte anschließend einen Bruch des fünften Mittelfußknochens feststellen. Für Van Persie ist die Saison vorzeitig beendet. Vom Schicksal gefickt? Robin van Persie kann inzwischen ein Lied davon singen.

»Mein Sohn nennt mich Daddy Arsenal!«

Schon als Kind soll er ein Querkopf gewesen sein. Ein Rabauke, den den Lehrer phasenweise täglich aus dem Unterricht schmissen, weil er mal wieder die Klappe zu weit aufriss. 2006 wird er selber Vater und auch wenn man ihm zum Vorwurf machen muss, seinem Sohn den Vornamen »Shaqueel« verpasst zu haben – selten hat ein Fußballer mehr von der neuen Verantwortung im Alltag profitiert, wie das schlampige Genie der »Gunners«. »Er nennt mich Daddy Arsenal«, protzt der stolze Papa im Sommer 2010. Da ist aus dem Talent längst ein Führungsspieler geworden. Zwar ist er im Viertelfinal-Rückspiel gegen Barcelona mit einer unbrechtigten Gelb-Roten Karte vom Platz geflogen und hat damit Arsenals (letztlich verdientes) Ausscheiden mit zu verantworten, doch hat dieser neuerliche Nackenschlag ganz andere Folgen, als die Vorfälle aus den vorangegangen Jahren. Statt sich in sein innerliches Schneckenhaus zu verkriechen, übernimmt er jetzt Verantwortung. Die Zeit ist reif, der (inzwischen zweifache) Familienvater und Premier-League-Routinier ein anderer Mensch, als noch mit Anfang 20. Trainer Arsene Wenger spürt das – und ernennt Robin van Persie zu Beginn der Saison 20011/12 zu seinem neuen Kapitän. Das ewige Talent ist endlich erwachsen geworden. Selbst das verlorene WM-Finale 2010 gegen Spanien – Van Persie vergibt die größte holländische Chance des Spiels – kann daran nichts mehr ändern.

13 Tore in zwölf Spielen – es ist schon Ironie des Schicksals, dass Arsenal ausgerechnet in der bislang stärksten Saison seines Nationalspielers (58 Spiele, 25 Tore) so mäßigen Erfolg hat. Momentan rangieren die Londoner auf Platz sieben der Tabelle, zwölf Punkte hinter Spitzenreiter Manchester City. Kaum auszudenken, wo der Klub ohne seinen Kapitän stehen würde. Doch die Dortmunder werden Van Persies Arsenal nicht unterschätzen, denn die Tabelle trügt die gegenwärtige Verfassung des Klubs mit der Kanone im Logo. Wettbewerbsübergreifend hat Arsenal acht der vergangenen zehn Partien gewonnen, darunter das verrückte Derby gegen den FC Chelsea. Drei der fünf Tore beim 5:3-Auswärtserfolg erzielte Van Persie, der nach den Experimenten als linker (Feyenoord/Arsenal) und rechter (Holland) Außenstürmer seinen Platz im System von Arsene Wenger gefunden zu haben scheint. »Target man« nennt man auf den Insel den Stoßstürmer in der Zentrale, Spielmacher, Torjäger, Rammbock und Ideengeber zugleich. Zielperson für nahezu jeden Angriff.

Er ist nun der »target man«

Es ist schon kurios. Der Mann, den das Schicksal jahrelang als Ziel auserkor, hat sich nun als »target man« neu erfunden. »Er war die Zielscheibe des Schicksals. Aber jetzt ist er da, wo er hingehört. An der Weltspitze. Robin van Persie ist: der target man!« Auf so eine verrückte Idee wären wahrscheinlich nicht einmal seine Künstler-Eltern gekommen.


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