Robert Schlienz, einarmiger Held

Der Besieger

Es ist eine Geschichte des unbändigen Willens: Robert Schlienz verlor bei einem Autounfall seinen linken Arm – und war doch der beste Fußballer, den der VfB Stuttgart je hervorgebracht hat. Wir erinnern an den großen Kapitän. Robert Schlienz, einarmiger HeldArchiv
Heft #74 01 / 2008
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Der 14. August 1948 ist ein heißer Sommertag. Robert Schlienz sitzt im Auto und hat es eilig. Der Kapitän des VfB Stuttgart ist zu spät zum Mannschaftstreffpunkt gekommen, nun fährt er auf holprigen Straßen zum Pokalspiel nach Aalen hinterher. Um die Hitze ein wenig erträglicher zu machen, lehnt er den linken Arm zum Fenster hinaus. Plötzlich rumpelt der Wagen bei voller Fahrt in ein Schlagloch, überschlägt sich und zerschmettert den Arm. Zwei Stunden später entscheiden sich die Ärzte für eine Amputation und die Karriere eines großen Fußballers scheint jäh beendet worden zu sein.

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So prophezeien es jedenfalls die Journalisten, vermuten es die Ärzte. Niemand ahnt, dass zehn Jahre später der große Alfredo di Stefano nach einem Gastspiel des VfB bei der spanischen Nationalelf sagen wird: »Der beste Mann auf dem Platz war der Einarmige. Was ich von dem gesehen habe, war für mich bis jetzt unvorstellbar.« Kurz nach dem Unfall glaubt jedoch auch Robert Schlienz nicht an die Fortsetzung seiner Karriere. Wie soll sich ein Einarmiger im Kampfsport Fußball durchsetzen können? Wie soll er fallen, wie das Gleichgewicht halten? Es ist Georg Wurzer, der Stuttgarter Trainer, der Schlienz aus den trüben Gedanken reißt. Künftig, so beschließt es Wurzer, soll Schlienz den Nahkampf im Strafraum meiden und als Außenläufer das Spiel machen.

»Ohne Schlienz wäre der VfB nie Deutscher Meister geworden«

Es dauert keine vier Monate, dann geschieht das, was keiner für möglich hielt. Gegen den FC Bayern München steht Robert Schlienz wieder auf dem Platz, das Trikot um den Armstumpf herum ist hochgebunden. Wer glaubt, hier könne ein Versehrter nicht von seiner Leidenschaft lassen, wird spätestens am 22. Juni 1952 eines Besseren belehrt. Im Ludwigshafener Südweststadion drängeln sich 86000 begeisterte Zuschauer beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, der VfB liegt gegen den 1.FC Saarbrücken 0:1 zurück. Außenläufer Schlienz gibt die Initialzündung, nimmt eine Ecke von links volley und drischt die Kugel ins Kreuzeck. Und damit nicht genug, Schlienz ist an diesem Tag überall. Er hilft in der Defensive, dirigiert das Mittelfeld, setzt die Stürmer ein. Nach dem Spiel urteilt das »Sport-Magazin«: »Ohne Schlienz wäre der VfB nie Deutscher Meister geworden.« Denn am Ende siegen die Rot-Weißen mit 3:2, Schlienz und seine Kameraden fahren im offenen Wagen nach Stuttgart zurück.

Es ist der Triumph eines Fußballers, der schon früh zu Großem berufen schien. 1924 in Zuffenhausen geboren, wird er beim örtlichen FV von seinem Vater Paul trainiert. Mit 16 Jahren hilft er bereits in der 1. Mannschaft aus und wird mit der A-Jugend 1942 württembergischer Jugendmeister, mit der sagenhaften Tordifferenz von 371:45 nach 79 Spielen in zwei Jahren.

Dann aber ist Schlienz alt genug für den Krieg, er wird an die Ostfront abkommandiert. Dort schießt ihm eine russische Gewehrkugel den Kiefer kaputt, eine Narbe im Gesicht bleibt zeitlebens.

1945, der Krieg ist kaum vorbei, holt ihn Wurzer nach Stuttgart, der VfB wird noch in der gleichen Saison Süddeutscher Meister. Schlienz hat in 30 Spielen 45 Tore geschossen. »Ein Rekord, der nie gefährdet sein wird«, schreibt der Autor Hans Blickensdörfer in seinem Nekrolog, als Schlienz 1995 stirbt. Und er fährt fort: »Robert Schlienz ist die allerhöchste Stufe von dem gewesen, was die Engländer ›Matchwinner‹ und die Franzosen ›Gagneur‹ nennen.« In der Tat, dieser Mann gewann Spiele. Er war dabei kein Feingeist, der körperlos durch die Abwehrreihen glitt, sondern ein Kämpfer und Antreiber. »Wenn du beim Schlienz nicht marschiert bist«, sagt sein Mitspieler Lothar Weise, »dann ist er über den Platz gerannt und hat dir in den Hintern getreten.« Weise war Schlienz nah wie kaum ein anderer, half ihm nach dem Duschen beim Anlegen der Kunsthandmanschette und beim Ankleiden. Er sagt: »Auf dem Platz war Robert ein Drecksack, aber nach dem Spiel war er mein bester Freund.« Insgesamt schießt Schlienz in 391 Oberliga-Spielen 143 Tore, wird mit dem VfB noch zweimal Deutscher Pokalsieger und trägt dreimal das Nationaltrikot. Bundestrainer Sepp Herberger hatte lange gezögert, den Einarmigen zu berufen, weil er fürchtete, Gegner würden sich im Zweikampf absichtlich zurücknehmen.

Dann, 1959, ist plötzlich Schluss. Nach dem Spiel gegen eine tschechische Elf kommt Trainer Georg Wurzer in die Kabine und sagt zur überraschten Mannschaft: »Ihr braucht gar nicht auf ihn zu warten. Robert Schlienz wird nicht mehr für uns spielen.« Über die Gründe rätselt Lothar Weise noch heute. Abgeschoben zu den Alten Herren, nimmt Schlienz in der Sommerpause 1961 leise Abschied, ohne dass ihm die VfB-Führung dazu richtig Gelegenheit gibt. Er bleibt dennoch bis zu seinem Tod im Juni 1995 Vereinsmitglied. Kurz darauf benennt der VfB sein Amateur-Stadion nach Schlienz, eingedenk der Worte von Blickensdörfer: »Wir werden nie mehr einen Robert Schlienz erleben. Aber wir können alle von ihm lernen.«

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