Richtig geil: Pierre Littbarski wird 50

Icke und er

Gestern Entlassung, heute Geburtstag, morgen Hospitanz: Pierre Littbarski kann sich derzeit nicht über Langeweile beklagen. Zu seinem 50. Geburtstag gratulieren wir dem Mann, der nicht mehr der kleine Litti sein will.  Richtig geil: Pierre Littbarski wird 50 Manche Dinge ändern sich wohl nie.

Am Montag surrt die Meldung über den Ticker: Unter unglücklichen Umständen ist Pierre Littbarski als Trainer beim Liechtensteiner Profiklub FC Vaduz entlassen worden. Der erste Gedanke: Der Litti, mit ihm kann man es ja machen.

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Montagmorgen: Littbarski, der seit 2008 Trainer im Fürstentum ist, tritt flotten Schrittes aus einer Zahnarztpraxis. Routineuntersuchung. Und schon ruft der nächste Termin. Der Vorstand bittet zum Gespräch. Vor den letzen Wochen der Saison soll die dürftige Punkteausbeute analysiert werden. Als Littbarski über den Parkplatz schlendert, erreicht ihn ein Anruf seines Co-Trainers Dietmar Schacht. Der hatte eine gute und eine schlechte Nachricht für seinen Chef.

Die gute zuerst: Das Gespräch mit den Bossen fällt aus. Unverhoffte Freizeit also. Die schlechte allerdings: Littbarski ist entlassen, mit ihm sein gesamter Trainerstab. »Dass man mich nicht persönlich informiert und die Entscheidung im Internet verbreitet hat, sagt alles. Aber hier laufen die Uhren halt anders«, so der frisch Geschasste hinterher gegenüber der Sport-Bild. Mit machen Leuten kann man es eben machen.

Schlemihl wäre eifersüchtig

Es muss ihm vorgekommen sein wie ein Rückfall in alte Zeiten. Denn gerade während seiner aktiven Karriere schleppte Littbarski eine schwere Last mit sich umher: Alle liebten ihn, den Litti, diesen Spaßvogel vom Dienst, den kleinen Dribbler mit den Sichelbeinen, die ein O formten, auf das selbst Schlemihl aus der Sesamstraße neidisch geworden wäre. Doch als Spaßvogel hat man vor allem ein Problem: Im echten Leben nimmt einen keiner für voll.

Natürlich, die Anekdoten aus Littbarski Spielerlaufbahn sind Evergreens: Während der WM 1990 in Italien, bei der er – in der Blüte seines fußballerischen Schaffens – durchaus das Potenzial zum großen Star der Weltmeistermannschaft gehabt hätte, dann aber irgendwie doch im Schatten der Alphamännchen Matthäus, Völler und Co. verblasste, spielte Littbarski den Witzonkel für die gesamte Presse. Die personifizierte Heiterkeit versüßte den Wontorras und Rubenbauers die öden Ruhetage. Mit umgedrehter Schirmmütze und Ballonseide am Leib imitierte er die Abc-Schützen aus der Ratesendung »Dingsda«, trat als Reporter verkleidet auf oder trug, als Beckenbauer ihn wieder einmal ausgebootet hatte, vor einer Pressekonferenz ein Pappschild mit der Aufschrift: »Ich weigere mich, heute Auskunft über die Mannschaftsaufstellung zu geben.«

Icke war immer an seiner Seite

Sein treuer Begleiter in jenen Tagen: der nur einen Zentimeter kleinere Kollege Thomas Häßler. Der erinnert sich noch heute an die tollen Tage von Erba. »Pierre war einer, der immer einen Witz drauf hatte. Da konnte kommen, wer wollte, er hat sie alle verarscht. In dem Bereich hatte er ordentlich was auf dem Kasten«, sagt Icke heute. Und nach der WM, da wollte Littbarski dann auch Profit aus seiner medialen Charmeoffensive schlagen, denn bei der Verteilung der lukrativen Werbeverträge waren sie wieder da gewesen: Völler, Matthäus, Klinsmann, die Platzhirsche, die sich mit Ellenbogeneinsatz in Position schoben und Geld und Ruhm einheimsten. Littbarski, gefangen in seinem Image als Schelm, veröffentlichte das Buch »Mein WM-Album«, quasi ein Best-Of seiner privaten WM-Fotos. Doch der Bildband brachte ihm vor allem eins: Ärger mit den Nationalmannschaftskollegen, die ihm den allzu intimen Blick hinter die WM-Kulissen bis heute krumm nehmen. Letztendlich verkommt das Buch zum Ladenhüter, Littbarski muss sogar noch draufzahlen.

Das Bild vom traurigen Clown liegt nah beim Fußballer Littbarski, denn kaum ein anderer deutscher Spieler wurde für sein Talent so wenig respektiert. Bei den Zuschauern war er natürlich beliebt für seine waghalsigen Dribblings, die dem immergleichen Schema folgten: Ball schnappen, losrennen, linksrum, rechtsrum. Hinten schrien sich die Mitspieler die Stimmbänder wund und vorne wetzten die Gegner die Messer, um Littis Soli zu vernichten. »Er war der einzige Fußballer, der mit sich selbst einen Doppelpass spielen konnte. Er hat seine Gegenspieler immer gern alt aussehen lassen. Es war einfach Augenweide, ihm beim Fußballspielen zu zuschauen«, schwärmt auch sein ehemals engster Vertrauter Häßler. Littbarski war ein Entertainer, auf und neben dem Platz, einer dem Der Spiegel einst das Stigma anhängte » ...ein vom Schicksal unglücklich platzierter Prototyp zu sein, der zehn Jahre zu spät kam, um mit seinem Stil zur Legende zu werden, und zehn Jahre zu früh, um in der Bundesliga das große Geld zu verdienen.«

Der Sven Glückspilz der Neunziger sozusagen, einer der für seine Gutgläubigkeit in aller Regelmäßigkeit bestraft wurde: Etwa als er beim Vertrag mit Racing Paris vergaß, sich die Gage netto zusichern zu lassen, und vier Jahre später eine Million Mark Steuern nachzahlen musste. Oder als ihn ein CDU-Politiker 1989 im Vorbeigehen fragte, ob er nicht als Wahlmann für den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker antreten möchte und versprach, dass er nur kurz Vorbeikommen müsse, um sein Kreuzchen zu machen. Littbarski sagte einfach zu, ohne zu merken, dass ihn die Partei als Werbefigur missbrauchte. Plötzlich war Littbarski, der sich stets als unpolitisch bezeichnete, ein Politikum, musste sich den Fans erklären.

Zwei große Titel waren zu wenig

Auch sportlich lag Litti meistens knapp daneben: zweimal Vize-Weltmeister, dreimal Vize-Meister mit dem 1. FC Köln, einmal im Uefa-Pokalfinale gescheitert. Auch bei der Wahl zum Fußballer des Jahres 1982 reichte es nur zum zweiten Platz. Einzig ein DFB-Pokal-Sieg und der Weltmeistertitel werten seinen Trophäenschrank auf. Immerhin, mag man sagen, aber für einen Spitzenfußballer wie Littbarski zu wenig.

Schon als Knabe brachte Littbarski seine Mitspieler auf den Bolzplätzen in Berlin-Schöneberg mit seiner Liebe zum Ball zur Weißglut. Littbarski übte Dribblings, die einzige Waffe, mit der ein krummbeiniger Kleinwüchsiger den großen Schlacksen gefährlich werden konnte. Mit dem Mofa fuhr der blutjunge Littbarski 1978 beim ersten Training am Geißbockheim vor. Doch der damalige FC-Trainer Hennes Weisweiler konnte nur wenig mit dem Ballkünstler anfangen. Erst musste er durch die harte Schule gehen: Bälle schleppen und Schuhe putzen für die Alten, von denen er sich dann später auch noch beim Kartenspielen ausnehmen ließ. Hach, der kleine Litti. Eben einer zum Veräppeln. Doch als Littbarski selbst zum Alteingesessenen aufstieg, zeigte sich, dass er anders war. »Er hat mir in meiner Anfangszeit bei Köln sehr geholfen. Hat mich bei Fragen unterstützt und stand mir bei meinen Problemen zur Seite. Er war wie ein Bruder für mich«, lobt Häßler Littbarskis menschlichen Stärken.

Vielleicht war es die Flucht vor dem eigenen Image, der Ausbruch aus dem Schutzgefieder des Spaßvogels. Vielleicht hatte er es satt, dieses Gefühl, stets auf den knuffigen Dribbler minimiert zu werden. Vielleicht hatte er auch einfach nur die Schnauze voll von den kumpeligen Sprüchen seiner Kollegen, den findigen Anlagetipps der Berater. Was auch immer es war, Littbarski trat die Flucht aus Fußballdeutschland an, bevor das Alter ihn wirklich zu einem traurigen Clown machte. Littbarski verabschiedete sich in japanische J-League zum JEF United Furukawa, um fortan für ein fürstliche Jahresgage gemeinsam mit den Altstars Gary Lineker und Zico für etwas Glanz in der Sushi-Liga zu sorgen.

Ein bitterer Gruß zum Abschied

Seine fußballerische Heimat verließ er jedoch nicht ohne einen bitter-süßen Gruß. In den Zeitungen war zu lesen: »In Asien lechzt man nach Littbarski. Man erwartet den Superstar und Weltmeister. Dort bin ich nicht der kleine Litti, weil die auch nicht größer sind. Dort bin ich eine Respektsperson.« Respekt bringt ihm auch Häßler für diesen Schritt entgegen: »Er ist jemand, der es nicht lange an einem Ort aushält. Er entdeckt gerne neue Dinge und nimmt Herausforderungen an. Japan, Iran, Australien, Liechtenstein. Diesen Weg zu gehen, das haben sich nicht viele getraut.«

Wohl wahr. Littbarski wird als Trainer zum Basisarbeiter, ein Spezialist für fußballerische Entwicklungsländer. Nach Deutschland will er eigentlich nicht mehr. Während seines Engagements in Japan sagte er einmal gegenüber dem Spiegel: »In Deutschland musst du halt abliefern, und wenn du nicht erfolgreich bist, kommt eine neue Maschine. Es gibt einen Durchlauf von 30 Trainern, das ist okay, das akzeptiere ich, aber vielleicht ist das hier besser für mich.«

Litti und Berti, da haben sich zwei gefunden

Einmal hat er es in noch in der Heimat probiert: Berti Vogts holte ihn als Assistent nach Leverkusen. Vogts und Litti, war man geneigt zu sagen, da treffen sich die Richtigen. Littbarskis Antrittsrede ist eindeutig: »Mit 40 kann ich nicht mehr im Handstand durch die Stadt laufen. Ich komme auch nicht, um den Clown zu machen.« Wenig später wird er Cheftrainer in Duisburg. Doch dort wird aus dem Trainer Littbarski schnell wieder der Litti, dem man auf die Schulter klopft, wenn es läuft, und der beim ersten Misserfolg gehen muss. Aber als Trainer will er sich nicht mehr reinreden lassen, gibt ein umstrittenes Interview und geht. Oder wird gegangen. Das ist Ansichtssache.

Man wurde das Gefühl nicht los, er wolle sich mit aller Macht emanzipieren von seiner Vergangenheit als Litti. Letztendlich reicht es immerhin für einen Meistertitel. Mit dem FC Sydney. In Australien.

Heute wird Littbarski fünfzig Jahre alt. Fünfzig, das ist ein halbes Jahrhundert, ein Alter in dem sich die meisten Menschen danach sehnen, endlich mal die Beine hochlegen zu können. Pantoffeln an. Kamin vorheizen. Ein gutes Buch. So sollte der Feierabend aussehen. Doch Littbarski wird weiter seinen Weg gehen, da ist sich auch Häßler sicher. »Er will immer dazu lernen. Bei Bayern München kann er sich mit Sicherheit einiges abschauen und sollte das mit Inter Mailand klappen, dann hat er schon beeindruckende Referenzen.«

Littbarski ließ verlauten, dass er seinen Geburtstag auf die japanische Art feiern werde. Das heißt vor allem: ruhig, ohne große Feier. Da will auch Thomas Häßler nicht stören: »Wir haben im Moment wenig Kontakt. Ich wünsche ihm vor allem Gesundheit, denn das ist das Wichtigste. Gern würde ich ihm auch persönlich gratulieren, aber da muss ich mir erstmal seine neue Nummer besorgen.«

Morgen beginnt dann Littbarskis nächster Versuch, den kleinen Litti aus den Köpfen zu streichen und den Trainer Littbarski zu etablieren. Er hospitiert beim FC Bayern. Mehmet Scholl soll ihn unter seine Fittiche nehmen. Und wieder denkt man: Scholl und Litti, da treffen sich ja die Richtigen.

Manche Dinge ändern sich eben nie.

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