Revolution von der Tribüne – die 11FREUNDE-Reportage

Die neue Macht der Fans

Ein Gespenst geht um in der Bundesliga. Ob in Köln, Hamburg oder Stuttgart, überall in der Republik machen Anhänger plötzlich Vereinspolitik und fordern mehr Demokratie. In 11FREUNDE #113 berichten wir darüber. Revolution von der Tribüne – die 11FREUNDE-Reportage
Heft#113 04/2011
Heft: #
113
Eigentlich war Stefan Müller-Römer schon auf dem Weg nach Hause. Die Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln war zwar noch nicht vorbei, doch der 42 Jahre alte Medienanwalt bereits müde und desillusioniert. Dreitausend Vereinsmitglieder hatten sich stundenlang Reden und wirre Wortmeldungen zur prekären sportlichen Lage angehört. Frustriert trotteten immer mehr von ihnen nach Hause, doch ein Freund von Müller-Römer drängte darauf, wenigstens ein kleines Zeichen zu setzen. Man solle dem Vorstand um Wolfgang Overath die Entlastung verweigern. Als um bald schon 23 Uhr zur Abstimmung aufgerufen wurde, hielten nur fünfhundert Mitglieder ihre Karten zur Zustimmung hoch. »Ich sehe, das ist die Mehrheit«, sagte der Versammlungsleiter und ein Sturm der Empörung brach los. Stühle flogen um, »Schieber«-Rufe wurden laut, denn angesichts von noch fast zweitausend Leuten konnte von einer Mehrheit nicht die Rede sein. Müller-Römer stellte den Antrag auf Nicht-Entlastung, der mit einem für Overath deprimierenden Ergebnis von 1317 zu 520 angenommen wurde.

[ad]

Das Misstrauensvotum im November letzten Jahres war auch die Geburtsstunde von »FC Reloaded«, einer Initiative für einen Wandel des Traditionsklubs. Etliche Mitglieder sprachen Müller-Römer noch am gleichen Abend an, am nächsten Tag bekam er Dutzende Mails, in denen Mitarbeit angeboten wurde. »Das war null geplant und zeigt, was man mit wildfremden Menschen aus dem Nichts erreichen kann«, sagt Müller-Römer. Seither kämpft die Initiative für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, um die »extrem mitgliederfeindliche, intransparente und missbrauchsanfällige Vereinssatzung«, wie er sie nennt, durch eine demokratischere zu ersetzen.

Fast eine Revolution

»Das ist ja fast eine Revolution, was hier versucht wird«, hat Vereinsboss Overath bereits geklagt. Mit seinem Ängsten vor dem großen Umsturz steht er unter Deutschlands Fußballfunktionären aber nicht allein, denn auch anderswo regen sich zumindest vorrevolutionäre Umtriebe. Beim Erstligaabsteiger VfL Bochum lösten sie gar einen Wechsel an der Vereinsspitze aus. Hier trat die Initiative »Wir sind VfL« mit einem »Manifest für einen Neuanfang« an die Öffentlichkeit und bereitete vor der Jahreshauptversammlung im vergangenen Oktober eine Stimmung vor, die zur verweigerten Entlastung des Aufsichtsrates führte. Empört legte Präsident Werner Altegoer nach 17 Jahren an der Spitze des Vereins sein Amt nieder. Tektonische Verschiebungen im Machtgefüge werden auch beim Hamburger SV beobachtet, wo der Supporters Club, die Fanabteilung im Verein mit stolzen 55 000 Mitgliedern, kürzlich durch ihre Delegierten im Aufsichtsrat dafür sorgten, dass die Vertragsverlängerung des Vorstandes um Bernd Hoffmann abgelehnt wurde. Auch das Ende von Felix Magaths Allmacht bei Schalke 04 konnte man auf einer Mitgliederversammlung im vergangenen Mai vorausahnen, als sein Antrag abgelehnt wurde, die Grenze für Transfers aufzuheben, denen der Aufsichtsrat zustimmen muss. In Stuttgart schließlich kämpft die »Aktion VfB 2011« für eine reformierte Vereinsstruktur mit größerer Teilhabe der Mitglieder.  

All diese Bündnisse haben über Vereinsgrenzen hinweg den Umstand gemeinsam, dass sie zunächst einmal keine klassischen Faninitiativen sind. Die üblichen Reizthemen zwischen Kurven und Vorständen, etwa Eintrittspreise oder Legalisierung von Pyrotechnik, tauchen in den Forderungskatalogen nicht auf. Stattdessen eint die Aktivisten der generelle Wunsch nach mehr Rechten der Mitglieder und Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Zudem sind personelle Überschneidungen, etwa zwischen der Ultraszene und den neuen Bewegungen, noch noch überschaubar. »In unserem zehnköpfigen Orgateam geht es quer durch«, sagt der Stuttgarter Patrick Knorr, »die Mitglieder kommen aus allen Bereichen des Stadions.« Es verbindet sie weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene als die Sorge um die Zukunft ihres Klubs. Die Protagonisten sind tendenziell mittelalt und als Ingenieure, Unternehmensberater oder Juristen überdurchschnittlich gebildet. Viele leiden eher still auf der Gegentribüne und sind damit wahrscheinlich den Demonstranten gegen den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof ähnlich, die ja ebenfalls nicht dem klassischen Protestmilieu entspringen.

Heute werden keine Busse mehr blockiert

Das gesetztere Alter der Protagonisten prägt naturgemäß auch die Formen der Auseinandersetzung. Wo sich jugendliche Fanwut öfter in der Blockade des Mannschaftsbusses äußert, setzen die neu entstandenen Initiativen auf das Vereinsrecht und das Studium einschlägiger Paragraphen.

»Im Unterschied zu vielen anderen Mitglieder- und Faninitiativen haben wir keine Beißhemmung«, sagt Müller-Römer über »FC Reloaded«. Der Rechtsanwalt mit dem Pferdeschwanz und seine Mitstreiter scheuten selbst juristische Schritte nicht, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung auf den Weg zu bringen. In Stuttgart hingegen ist die Haltung weniger konfrontativ, die Mitglieder der  »Aktion VfB 2011« trafen auch schon Vereinsvertreter zum Gedankenaustausch. Hier wie dort aber hält man den wenig glamourösen Weg über die Vereinssatzungen und Gremien für nachhaltiger als mit Pomp inszenierte Blockade- oder Boykottaktionen. 



Dass es inzwischen bundesweit Aktivisten gibt, die bereit sind zum mühseligen Marsch durch die Institutionen der Vereine, ist eine verblüffende Pointe. Schließlich haben die deutschen Fußballklubs in den letzten zwei Jahrzehnten eine massive Entdemokratisierung erlebt. Sie war auch eine Antwort auf die bis weit in die neunziger Jahre hinein immer wieder hysterischen Mitgliederversammlungen, wo kurz vor Mitternacht in Bierlaune plötzlich Präsidien abgewählt wurden. Das hieß dann »Schalker Verhältnisse«, selbst wenn bei Eintracht Frankfurt ein renitenter Redner einen Ordner aus der Boxabteilung per Faustschlag niedergestreckte. 1994 war Schalke 04 der erste Klub, der eine Vereinssatzung verabschiedete, nach der die Mitglieder den Vorstand nicht mehr direkt wählen konnten. Seither sind die eingetragenen Vereine beinahe allerorts nur noch Kontrollgremien für die ausgegliederten Unternehmen, die den Fußballbetrieb aufrechterhalten. Und selbst bei den Vereinswahlen sind zumeist hohe Hürden aufgebaut. In Köln etwa werden die Kandidaten für den Verwaltungsrat vom Vorstand ausgewählt, die Kontrollierten suchen sich ihre Kontrolleure also quasi selbst aus.

»Ein paar Mitglieder nehmen ihre Mitgliedschaft ernst«

Dass solche Konstruktionen inzwischen für Widerspruch sorgen, haben sich die Klubs selbst eingebrockt, weil sie über längere Zeit massiv um Mitglieder geworben haben. Gemeint war das eigentlich nur als Kundenbindungsmaßnahme und ging auch als solche auf, wie die teilweise gigantischen Zahlen belegen. Ganz vorne liegen der FC Bayern München und Schalke 04 mit gut 160 000 bzw. 90 000 Mitgliedern, dahinter der Hamburger SV mit 70 000 und der 1.FC Köln mit 54 000 Mitgliedern. »Die Vereine haben aber nicht auf der Rechnung gehabt, dass vielleicht auch ein paar Tausend dabei sind, die ihre Mitgliedschaft ernst nehmen«, sagt Müller-Römer.
ie ernst, muss sich allerdings noch erweisen. Denn nicht jede Initiative hat gleich das Potential, die Vereinsstrukturen zu verändern. Das gilt insbesondere für Wortmeldungen aus dem Internet. Dort erfahren markige Formulierungen zur sportlichen Lage zwar rasante Verbreitung via Facebook, Twitter & Co, ihre Halbwertzeit ist jedoch nicht allzu groß. Schnell ist eine Website gebaut, auf der etwa »besorgte und treue Fans« eine ausführliche Analyse der sportlichen Situation bei Werder Bremen ins Netz stellen und Trainer und Manager des Vereins den Rücktritt nahelegen. In Mönchengladbach, wo sich lokale Unternehmer und Geschäftsleute zur »Initiative Borussia« zusammengeschlossen haben, werden nicht nur Satzungsänderungen gefordert, sondern gleich auch mal höhere Investitionen in den Profikader.

Bei altgedienten Aktivisten wie Arne Kazperowski stoßen solche Rundumschläge auf gedämpfte Begeisterung. »Ich mag offene Briefe nicht, in denen der sportlichen Führung ihre Fehler vorgehalten werden. Man sollte als Fan wissen, wo die eigene Kernkompetenz ist«, sagt das Redaktionsmitglied von schwatzgelb.de, einer der meistgelesenen Vereinswebsites in Deutschland. Sie ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, wie Fans auch jenseits der Gremien ihre Interessen vertreten können. Eine Gruppe von rund 30 ehrenamtlichen Autoren erreicht im Schnitt etwa 30 000 Besucher am Tag und noch mal so viele im Forum der Website. Thema auf schwatzgelb.de ist alles, was mit Borussia Dortmund zu tun hat, als Machtfaktor in der Vereinspolitik sieht man sich dennoch nur eingeschränkt. »Über Eintrittskartenpreise, rosafarbene Schals oder Arenakarten kann man sich mokieren, aber nicht über Spielereinkäufe«, sagt Kazperowski.

»Es gibt sehr viel Obrigkeitsgefühl«

Die Kollegen von der-betze-brennt.de hingegen beeinflussen die Vereinspolitik des 1.FC Kaiserslautern insofern, als ein ehemaliger Aktivist von ihnen inzwischen im Aufsichtsrat sitzt. Außerdem befragen sie vor Wahlen von Vereinsgremien die Kandidaten ausführlich. »Manche Mitglieder kommen sogar mit den Ausdrucken der Antworten unterm Arm«, sagt Thomas Hilmes, der die Seite im Jahr 2000 mitgegründet hat. Die 13-köpfige Redaktion hat sich in der Vergangenheit zwar durchaus vereinskritisch geäußert, aber Hilmes weiß auch, wie schwer vielen Fans die Opposition fällt. »Es gibt viel Obrigkeitshörigkeit und deshalb heißt es oft, dass man dem Präsidenten, Manager noch eine Chance geben muss. Erst wenn sie weg sind, waren sie immer schon die größten Pfeifen.«



Dass um die Macht in den Vereinen mit harten Bandagen gekämpft wird, daran werden sich die Initiativen ohnehin gewöhnen müssen. Die letzten Wochen gaben bereits einen Vorgeschmack auf künftiges Sperrfeuer. In Köln funktionierte Mannschaftskapitän Lukas Podolski den Heimsieg gegen Werder Bremen mit den Worten »Das war heute ein Sieg gegen den Kölner Anwalt!« gleich mal zu einem Statement gegen »Reloaded«-Wortführer Müller-Römer um. Beim Hamburger SV hingegen sah der Boulevard nach der geplatzten Vertragsverlängerung der Vorständler Bernd Hoffmann und Katja Kraus bereits skrupellose Anarchisten am Werk . »Diese Mitglieder reißen den HSV ins Chaos«, titelte die »Hamburger Morgenpost« und meinte damit vor allem die dem Supporters Club zugerechneten Aufsichtsräte.

Der rote Totenkopf, Symbol des Protestes

Trotz solch massiven Gegenwinds ist der institutionelle Weg zu Veränderungen wohl selbst dort alternativlos, wo man beste Erfahrungen mit den klassischen Formen des Fanprotestes gemacht hat. Das erleben derzeit die »Sozialromantiker« beim FC St. Pauli. Die Initiative formulierte kurz vor Weihnachten einen flammenden Protestbrief gegen den vermeintlich überhand nehmenden Kommerz am Millerntor. Die Wortmeldung fand breite Resonanz in der Fanszene und anders als andere Online-Petitionen auch den Weg zurück ins Stadion. Beim Heimspiel Ende Februar gegen Hannover 96 dominierte auf den Rängen das Symbol des Protests, der rote Totenkopf »Jolly Rouge«. Abgeschaut hatten die Hamburger Anhänger sich das beim größten englischen Klub.

In Manchester hatten die United-Anhänger über viele Monate mit dem Slogan »Love United. Hate Glazer« gegen den geldgierigen und bei den Fans verhassten Klubeigner Malcolm Glazer protestiert. Zum Symbol des Protests war der massenhaft getragene, grün-goldene Schal in den Farben des United-Vorgängers Newton Heath
geworden. Zugleich sollten die Anhänger die offiziellen Klub-Stores meiden. Die Kampagne hatte durchschlagenden Erfolg, die Merchandising-Erlöse des Vereins sanken um erstaunliche zehn Prozent.

»Moment, ich korrigiere mich...«

Beim FC St. Pauli hingegen droht der öffentlichkeitswirksame Protest seine Dynamik zu verlieren. Vielleicht liegt es daran, dass manchem Anhänger der rechte Leidensdruck fehlt, vor allem aber daran, dass die Klubführung die Kampagne zunächst geschickt ausbremste. Einige wenige Zugeständnisse machte die Vereinsführung im Gespräch mit dem »Ständigen Fanausschuss«, etwa die Einrichtung einer »Prüfgruppe Marketing«, verfolgte aber ansonsten die Taktik, die »Sozialromantiker« als Gesprächspartner gar nicht erst anzuerkennen. Vizepräsident Gernot Stenger formulierte es in einer Pressekonferenz hübsch verkorkst so: »Wenn Fans an uns Probleme herantragen, dann sind wir gerne bereit, mit den Fans ... Moment, ich korrigiere mich ... mit den uns benannten Gremien der Fans darüber zu sprechen.«

Seither wird auf Fanseite die Strategiefrage diskutiert. »Der Protest hat sich bisher auf das Bekunden von Meinungen beschränkt. Das war zu Beginn wichtig, doch hat man es versäumt, den Protest auf die nächsten Stufen zu tragen«, konstatiert der Blog »Lichterkarussel« ernüchtert. Die mögliche nächste Stufe hat vier Buchstaben: AOMV. Das steht für »Außerordentliche Mitgliederversammlung«, wo einiges von dem, was die »Sozialromantiker« fordern, in Statuten und Leitlinien gegossen werden könnte. Doch das ist bislang nur ein vager Plan, und ungeklärt sind auch die Konsequenzen des Paragraphen 14 der Vereinssatzung. Er besagt, dass die Vereinsführung auf Verlangen eines einzelnen Mitgliedes alle Mitglieder über die Einberufung einer solchen außerordentlichen Versammlung befragen muss. Legt allerdings auch fest: »Besagtes Mitglied trägt die Kosten dieser Aussendung.« Aber vielleicht rufen die »Sozialromantiker« einfach mal bei Stefan Müller-Römer in Köln an. Der kennt sich mit solchen Fallstricken aus.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!