Resozialisierung des Nivel-Attentäters
03.01.2010

Resozialisierung des Nivel-Attentäters

Bälle aufpumpen in Essen

1998 prügelte der Hooligan Frank Renger den französischen Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode, heute vor zehn Jahren erhielt er sein Urteil. Heute arbeitet er als Betreuer bei einem Essener Kreisligisten – und sucht einen »neuen Anfang«.

Text:
Marlen Haselhuhn
Bild:
imago

Der Mann, der am 21. Juni 1998 den Polizisten Daniel Nivel gemeinsam mit anderen Fußball-Hooligans fast zu Tode prügelte und das Leben einer ganzen Familie zerstörte, kommt im blauen Jogginganzug. Gleich ist Training, es geht um den Aufstieg in die Kreisliga A und Frank Renger ist hier der Betreuer. »Samurai« steht unter seinem Bild auf dem Mannschaftsfoto von Tura 1886 Essen, ein Name, den er aus einem anderem Leben übernommen hat.



Am Ascheplatz zwischen den Wohnblöcken im Essener Stadtteil Altendorf verbringt er viel Zeit seines neuen Lebens. In der alten Garage, die sie zu einer Art Vereinskneipe gemacht haben und »Zum alten Lederball« nennen, zeigt er stolz die vergilbten Bilder an der Wand. Ein unterschriebenes Foto von Helmut Rahn, ein Schwarz-Weiß-Bild jener Mannschaft, die 1956 Ruhrgebietsmeister wurde. Hier wissen alle, was er vor fast elf Jahren getan hat. Er hat es allen erzählt, dem Trainer bei einem Bier, fast nebenbei. Der Mannschaft hat er das riesige Foto aus der Bild-Zeitung von damals gezeigt, mit dem in rasender Wut geschlagenen Nivel hilflos am Boden. Auch dem Vorstand hat er sich offenbart und um Einverständnis für sein Engagement gebeten. »Wir haben beschlossen, ihm eine Chance zu geben. Er landet sonst in der Gosse, vielleicht hilft ihm sowas wieder auf«, sagt Tura-Vorstand Friedrich Brüne.

»Mir kann keiner sagen, ich wäre nicht dabei gewesen«


Frank Renger, der über den Sohn seiner früheren Lebensgefährtin vor einem Jahr den Kontakt zu Tura fand, nennt es einen »neuen Anfang, mit Fußball klarzukommen«. Denn natürlich sei er früher in der Hooligan-Szene gewesen. »Viele sagen, ich sei Mitläufer gewesen. Aber ich weiß, was ich getan habe, wenn es zu Randalen kam. Mir kann keiner sagen, ich wäre nicht dabei gewesen«, sagt Renger.

Auch nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Jugoslawien (2:2) in Lens gehörte er zu jenen Männern, die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl später als »nationale Schande« bezeichnen sollte. Sechs Wochen lang lag Nivel nach den Tritten und Schlägen der Hooligans lebensgefährlich verletzt im Koma. Schwer behindert ist er heute, dienstunfähig und hat Mühe, zu sprechen und sich auszudrücken. Renger und ein weiterer Angeklagter haben sich damals im Prozess vor dem Essener Landgericht bei Nivel entschuldigt. Auch nach seiner Haftentlassung nach nicht ganz fünf Jahren wollte Renger Kontakt zu dem 54-Jährigen Familienvater aufnehmen. Anwalt und Bewährungshelfer rieten davon ab. »Man hat mir gesagt, es wäre nicht gut, wenn die alten Wunden wieder aufgerissen werden. Er hat genug damit zu kämpfen«, sagt Renger. Er hätte ihm sagen wollen, dass ihm alles leid tut. »An dem Tag ist sein Leben praktisch beendet gewesen.« Dann sagt er noch so etwas wie, dass er sein Leben geben würde, um alles rückgängig machen zu können.

Im »alten Lederball« hören sie bei solchen Sätzen gar nicht weiter hin, sie kennen die Geschichten, und dass öfter mal Journalisten vorbeikommen, gehört irgendwie schon zur Routine. »Ich bin stolz darauf, wie klasse ihn hier alle unterstützen. Es ist gut, dass er eine zweite Chance bekommt«, sagt Kapitän Cemil Firat aus der 1. Mannschaft, für die Renger Bälle aufpumpt, Getränke bereithält oder die Kabine aufschließt. Aus den anderen Vereinen habe es noch keinerlei negative Reaktionen auf Frank Renger gegeben, berichten sie bei Tura.

Auch beim Deutschen Fußball-Bund begrüßt man das Engagement. »Grundsätzlich gilt: Leute, die sich zu resozialisieren versuchen, müssen unterstützt werden. Wenn er sich positiv für den Fußball betätigt, ist das zu begrüßen«, sagt DFB-Schatzmeister Horst R. Schmidt, unter anderem zuständig für die Koordination der Daniel-Nivel-Stiftung.

Frank Renger hat sich für die Unterstützung bei Tura auf der letzten Jahreshauptversammlung bedankt. Auch privat sei bei ihm nach der Tat viel kaputt gegangen. Während der Zeit im Gefängnis ist er geschieden worden, derzeit sucht er Arbeit als Bäcker. »Und wenn ich wieder in Lohn und Brot stehe, muss ich die Gerichtskosten abbezahlen«, sagt Renger. Dann erzählt er aber auch, dass er heute noch in der Hooliganszene wäre, wenn er damals nicht erwischt worden wäre. »Ja, bestimmt«, sagt Frank Renger. Ganz bestimmt wäre zur EM 2000 oder zur WM 2006 gefahren und wäre dabei gewesen, wenn »Theater gemacht« wurde. Seit sein zehnjähriges Stadionverbot am 31. Dezember 2008 abgelaufen ist, geht er nun als ganz normaler Fan wieder zu den Spielen seines Lieblingsklubs Schalke 04, zu dessen »Gelsenszene« er damals gehörte.

Laurette Nivel, die Ehefrau von Daniel Nivel, war im Juni 1999 gemeinsam mit ihrem schwer gezeichneten Mann zum Prozess gegen die Gewalttäter von Lens nach Essen gekommen. Es war der 12. Verhandlungstag. Und Frau Nivel sagte: »An jenem 21. Juni ist unser Leben zerstört worden. Ich kann den Angeklagten nicht verzeihen.«  

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