Reporter Rolf Kramer über Cordoba und die WM 1978

»Das Quartier glich einem Arbeitslager«

Mit der WM 1978 endete das goldene Jahrzehnt der Nationalmannschaft trist und grau. ZDF-Mann Rolf Kramer erinnert sich an die Einöde in Ascochinga, Soldaten im Stadion, die Schmach von Cordoba und Rolf Rüssmanns Tränen.

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Rolf Kramer, welches Bild ist Ihnen von der WM 1978 hängen geblieben?
(Überlegt lange) Eigentlich keines. Im Gegensatz zu den anderen Weltmeisterschaften der Siebziger. Nie vergessen werde ich etwa die WM 1970. Im Finale spielte Brasilien einen Fußball, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Auch eine solche Freude über einen WM-Sieg kannte ich bis dato nicht. Als Carlos Alberto den Pokal in die Höhe streckte, schien es, als explodiere ein ganzer Kontinent. Nicht nur die Brasilianer feierten, sondern auch die Mexikaner, ganz so, als hätte ihre Mannschaft gerade den Titel errungen.

Und 1974?
In Erinnerung habe ich besonders das Eröffnungsspiel Jugoslawien gegen Brasilien, das ich zusammen mit Max Merkel kommentierte. Weil kein zweiter Stuhl vorhanden war, entschloss sich Merkel, auf meinen Knien Platz zu nehmen – und kommentierte mit mir ein sagenhaft langweiliges Spiel.

Nach der WM 1974 traten Gerd Müller und Paul Breitner zurück. Franz Beckenbauer ging drei Jahre später zu New York Cosmos und verabschiedete sich ebenfalls aus der Nationalmannschaft. Hatte Deutschland bei der WM in Argentinien überhaupt eine Chance?
Durchaus. Denn fast die gleiche Mannschaft, die 1978 nach Argentinien flog, hatte 1977 auf einer Südamerikareise großartigen Fußball gezeigt. Nach Siegen gegen Argentinien und Uruguay spielte die Mannschaft im Maracanã-Stadion 1:1 gegen Brasilien. Ein paar Monate später schlug das Team sogar Italien. Nicht nur ich war mir damals sicher: Diese Mannschaft wird den Titel verteidigen.

In den Monaten vor der WM wurden die Namen Paul Breitner und Franz Beckenbauer dennoch eifrig diskutiert.
Es war nicht so, dass dieses Thema dauerhaft präsent war, doch es stimmt: einige Fans und Journalisten forderten eine Aussprache.

Haben Sie dieses Thema angesprochen?
Ich sprach im April 1977 mit DFB-Präsident Hermann Neuberger darüber. In dem Interview sagte er über Franz Beckenbauer mit einem Mal recht selbstgefällig: »Reisende soll man nicht aufhalten.« Mir war klar, dass der DFB seit jeher eine sehr eigenwillige Meinung zu Profis hatte, die im Ausland ihr Geld verdienten. Dabei hätte man eigentlich wissen sollen, wie wertvoll solche Spieler sein können, erinnern wir uns nur an Karl-Heinz Schnellinger oder Helmut Haller.

Wie konterte Franz Beckenbauer?
Ich weiß nur, dass er in den USA glücklich war, zumal ihm in Deutschland nicht nur Kritik des Verbands entgegenschlug, sondern ihn auch die Presse in voller Breitseite erwischte. Die »Bild« veröffentlichte Artikel über angebliche Affären, dann war da noch eine Steuergeschichte, die auch von den Medien breit getreten wurde. Vor diesem Hintergrund verstand ich seinen Wechsel nach New York auch als eine Flucht aus Deutschland.

Helmut Schön würgte die Diskussion um Breitner oder Beckenbauer ab. Mitunter verkündete er sogar, welche Fragen er nicht hören will. Unerwünscht etwa: »Warum fährt Paul Breitner nicht mit nach Argentinien?«
Davon weiß ich nichts. Was durchaus stimmt: Helmut Schön war recht dünnhäutig. Es gab in den sechziger Jahren sogar eine Zeit, in der er nicht mehr mit mir sprach, weil ich einen Spieler als übergewichtig eingeschätzt hatte. Vor der WM 1978 hatten wir die Unstimmigkeiten allerdings lange ausgeräumt.

Nach der Gruppenauslosung im Januar 1978 interviewten Sie ihn auf dem Rasen des River-Plate-Stadions, also dort, wo Deutschland das Eröffnungsspiel gegen Polen bestritt.
Alles war von langer Hand geplant, die Stadionverwaltung wusste Bescheid, der DFB, die FIFA. Wir waren mitten im Gespräch, als plötzlich Soldaten heran marschierten. Sie sagten nichts, brauchten sie ja auch nicht, ihre Gewehre im Anschlag sprachen eine sehr deutliche Sprache. Jedes Mal, wenn wir einen Schritt zur Seite machen wollten, bedeuteten sie uns: Hier geht’s nicht weiter. Das war eine reine Machtdemonstration.

Wie reagierten Sie?
Ich war wütend, schließlich hatten wir die nötigen Passierscheine und Ausweise, um dieses Interview zu führen. Der DFB indes ging jedem Konflikt aus dem Weg, niemand intervenierte.

Ende Mai 1978 bezog die deutsche Mannschaft ihr Quartier in Ascochinga. Bernd Hölzenbein sagt, dort habe es nichts gegeben, außer einer Orgel von Franz Lambert. Nicht mal eine Tischtennisplatte.

Das Quartier, das eigentlich als Erholungsheim für die argentinische Luftwaffe diente, glich tatsächlich einem Arbeitslager, es war kühl und steril, ein paar verwilderte Sträucher um die Bungalows, riesige zerrupfte Rasenflächen, alles mitten in der Pampa.

Man mag es kaum glauben, aber übersetzt heißt Ascochinga: »Toter Hund«.
Das passt. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es in Ascochinga kein einziges Geschäft.

Haben sich die Umstände auch auf die Stimmung in der Mannschaft ausgewirkt?
Ich erinnere mich an ein Training, bei dem wir unsere Kamera direkt an der Seitenlinie postiert hatten. Einige Male flog der Ball in die Büsche hinter uns – den mussten die Spieler dann selbst holen, es gab keine Balljungen oder dergleichen. Zumeist war es Rüdiger Abramczik, der diese undankbare Aufgabe übernahm, denn der spielte ja auf der Außenbahn. Jedes Mal wenn Abramczik in Richtung Gebüsch lief, war die pure Langeweile in sein Gesicht geschrieben. Ich kommentierte also: »Abramczik trabt lustlos übers Feld.« Sehr zum Ärger seines Vaters übrigens, der mir einige Tage später einen Brief schickte, in dem er sich über diesen Satz beschwerte.

In dieser bleiernen Stimmung tauchte plötzlich der ehemalige NS-Kampfflieger und Alt-Nazi Hans-Ulrich Rudel im Quartier auf.
Ich erfuhr davon erst, als er weg war. Und ich wusste zum damaligen Zeitpunkt auch nicht, wer ihn eingeladen hatte.

Heute wird geschrieben, er sei einer Einladung Neubergers gefolgt.
Ich erinnere mich nur, dass die Geschichte in Deutschland ziemlich hochgekocht wurde, vornehmlich aus dem Grund, weil es sonst sehr wenig zu berichten gab. Die »Bild«-Zeitung schickte sogar einen Chefreporter runter, um der Sache nachzugehen.

Wie konnten Sie in diesen Tagen arbeiten?
Unter erschwerten Bedingungen. Wir hatten uns in Jesús María einquartiert, einem kleinen Ort, der etwa eine dreiviertel Stunde von Ascochinga entfernt liegt. Noch mal eine Autostunde weiter liegt Córdoba, hier bestritt Deutschland fast alle WM-Spiele und hier standen das Pressezentrum und die Abspielstation für unser TV-Material. Das Problem: Das ZDF hatte diese Station jeden Tag von 12.00 bis 12.30 Uhr gebucht, so dass wir unser Material nur in dieser Zeit nach Deutschland übertragen konnten. Das hieß also für gewöhnlich: Um 5 Uhr aufstehen, ein rasches Frühstück, dann zum deutschen Lager nach Ascochinga fahren, wo wir gegen 7 Uhr ankamen. Spätestens um 11 Uhr mussten wir allerdings nach Córdoba zum Abspielen. Das nächste Problem: Zwischen 7 und 11 Uhr spielt sich bei keiner Nationalmannschaft der Welt irgendetwas Zeigenswertes ab. Und wenn wir dann gegen 14 Uhr wieder in Ascochinga eintrafen, war wieder Bettruhe – tote Hose.

Helmut Schön kam Ihnen nicht entgegen?
Helmut Schön war das alles herzlich egal, Public Relation war damals noch das, was es wirklich ist: ein Fremdwort. Hinzu kam, dass er häufig Geheimtrainings anberaumte, zu denen die Journalisten keinen Zutritt hatten. Einige Fotografen schlugen sich durch die Hecken und Büsche zum Platz und dann hockten sie dort. Mit unseren Fernsehkameras war das nicht möglich, doch ich wäre vermutlich auch sonst nicht dort hingekrochen – das ging einfach zu weit.

Sie durften am Ende der WM das Finale in Buenos Aires kommentieren. Wie groß war die Erleichterung, nach Wochen in der Pampa endlich in die Metropole zu kommen?
Das war schön, allerdings bekam ich von der Stimmung in Buenos Aires nicht viel mit.

Das Finale gilt als eines der besseren Spiele…
…das seltsam begann. Zunächst ließen die Argentinier, vermutlich auf Ansage von César Luis Menotti, die Holländer minutenlang an der Seitenlinie warten. Als der Schiedsrichter das Spiel dann anpfeifen wollte, beschwerten sich die Argentinier, weil Rene van de Kerkhof mit einer Manschette auflief, die er seit dem Iran-Spiel trug und über die sich bis dahin niemand mokiert hatte. Nun musste er die Manschette mit Mull umbinden. Reine Schikane. Das Spiel wurde mit neun Minuten Verspätung angepfiffen. (Überlegt) Jetzt fällt mir doch noch ein Bild zur WM 1978 ein: Der weinende Rolf Rüssmann.

Nach dem Córdoba-Spiel?
Für mich spiegelte die Partie den ganzen WM-Verlauf wider: ein mäßiges Turnier ging mäßig zu Ende. Doch ich empfand es nicht als Drama. Ich unterhielt mich noch mit Robert Seeger vom österreichischen Fernsehen, gratulierte ihm, von der angeblichen Hysterie spürte ich nichts. Erst die Stunden nach dem Spiel öffneten mir die Augen, vor allem die Begegnung mit Rolf Rüssmann, der allein vor dem Stadion umherirrte.

Wo war die Mannschaft?
Rüssmann hatte zuvor eine Dopingprobe abgeben müssen, und das Team war bereits nach Ascochinga aufgebrochen – sie hatten ihn schlichtweg am Stadion vergessen. Als ich genauer hinschaute, sah ich, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen, und plötzlich realisierte ich, welche Bedeutung diese Partie für die Spieler gehabt haben muss.

Rüssmann machte sich zum Sündenbock?
Vermutlich, er hatte ja gegen Krankl gespielt, der im Spiel zweimal traf. Wir gingen zu ihm und versprachen ihm, dass wir ihn nach Ascochinga mitnehmen würden. Auf der Heimfahrt wurde seine Laune ein wenig besser, wir sprachen überhaupt nicht über das Spiel, der Name Krankl fiel kein einziges Mal.

Auch nicht, als Sie in Ascochinga ankamen?
Dort standen die Schleusen regelrecht offen, überall wo wir hinblickten, waren Spieler und Journalisten in hitzige Diskussionen verwickelt. Hölzenbein, Vogts, Maier, alle polterten sie los. Es fing damit an, dass die Unterkunft ein Desaster gewesen sei und hörte damit auf, dass die Mannschaft angeblich ohne Führungsspieler das Turnier bestritten habe. Das gibt dir als Reporter natürlich auch zu denken. Ich merkte: Die haben versucht, dir über die ganze WM etwas vorzuspielen.

Zuvor hatte niemand über die schlechten Spiele gegen Tunesien oder Polen geredet?
Mit Berti Vogts hatten wir einige Tage zuvor ein Interview gemacht unter dem Titel »Die Stunde des Kapitäns«, in der Hoffnung, dass er die schlechte Vorrunde erklären könnte. Schon während des Interviews schaute mein Kameramann mich an und signalisierte mir: Das geht gar nicht! Vogts verlor sich in Phrasen. Das Interview wurde nie gesendet.

Berti Vogts trug ein schweres Erbe.
Natürlich waren die Fußstapfen von Franz Beckenbauer groß, und natürlich war Berti Vogts nie der begabte Rhetoriker, doch musst du von einem Kapitän mehr erwarten können als Durchhalteparolen. Man hätte über fehlende Hierarchien reden können, sogar konkret über Personalien. So harsch das klingt, aber ein Spieler wie Bonhof war bei dieser WM oftmals der zwölfte Mann des Gegners. Aber es kam nichts. Sie hatten uns in Aschochinga wochenlang etwas vorgespielt. Eine Scheinidylle.

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