01.03.2013

Regionalliga, Versuchskaninchen des deutschen Fußballs

Die Geister, die sie riefen

Seite 2/3: Die kurzen Arme der Regionalliga
Text:
Kevin Röhler
Bild:
Imago

Waldemar Wrobel können die Zugeständnisse an die zweiten Mannschaften nicht zufrieden stimmen: »Wir müssen auf Gelder verzichten, während die U23-Teams an den Geldern von oben partizipieren.« Wrobel, Trainer in der Regionalliga West, die mit sieben zweiten Mannschaften bestückt ist, sollte eigentlich guter Laune sein. Das letzte Heimspiel vor der Winterpause hat sein Verein mit 2:1 gewonnen. Dabei trainiert der 43-Jährige nicht irgendein beliebiges Team. So umfassend das Schicksal der Regionalliga selbst, so selbstverständlich füllen Geschichten rund um RWE ganze Bücher. Jener Verein, der sich – ungeachtet des Status Quo – ohne Zweifel jederzeit das Etikett als Nummer drei im Ruhrgebiet anheften könnte. 2010 wurde dem »Riesen« RWE sein Lebenswandel zum Verhängnis: Insolvenz. Seitdem schrumpft man sich beim Traditionsklub gesund. Nur eben eine Größe sperrt sich vehement dagegen, sich kleinzumachen. Über 10.000 Fans kamen beim 2:1 im Derby gegen Rot-Weiß Oberhausen ins neu errichtete Stadion. Mit einem Schnitt von über 8000 Besuchern führt RWE souverän die Zuschauertabelle aller Regionalligen Deutschlands an. Wrobel könnte dies wohlwollend zur Kenntnis nehmen, da er weiß, dass Größe bei RWE nicht zwingend an sportlichen Erfolg gekoppelt ist. Doch sind es wohl nur Marginalien, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge in der Staffel geht.

»Die Arme der Regionalliga sind zu kurz, um im deutschen Fußball Politik zu machen«, beschwört Wrobel, der 1970 im polnischen Bytom geborene Fußball-Lehrer ein düsteres Bild herauf. »Ich bin Realist. Ein Umdenken und eine Veränderung wird es nicht geben, da im deutschen Fußball nur interessiert, was die großen Vereine machen.« Es ist Ironie des Schicksals, dass sich Essen gerade in dieser Angelegenheit nicht mehr den Großen zugehörig fühlen kann, weil es über viele Jahre wie ein Großer lebte. Kritik muss sich RWE gefallen lassen. Und sie wird auch gehört, wie man am wieder leicht positiven Trend nach einem schmerzlichen Selbstreinigungsprozess sieht. In Person von Wrobel richtet der Verein aber auch deutliche Kritik bezüglich der einstigen Prinzipien an den DFB: »Er bricht mit einem Dogma, das er über Jahre als heilig tituliert hat: Nämlich, dass ein Meister aufsteigen muss.«

Es ist jene oft gehörte Anklage an den Fußball-Bund, den Sinn für die Basis verloren zu haben, die gerade in der Streitfrage Regionalliga immer wieder an den notdürftig geflickten Wunden aufreißt. Jede Reform ging stets mit einer Verschlankung der Staffelanzahl und einer latenten Professionalisierung einher. Eine optimale Lösung wurde jedoch nie gefunden. Unübersehbar in der Debatte war ein jahrelang überzeichnetes Schwarz-Weiß-Bild der Fußball-Landkarte, wo einige wenige sich an den Fleischtöpfen labten, während in der Regionalliga eine nicht identifizierbare Masse aus U23-Teams, sympathischen Außenseitern und ambitionierten Schwergewichten um Einlass begehrte. Und natürlich ist und war es stets letztere Gruppe der Ambitionierten, die sich am lautesten bemerkbar machte, während für viele kleine Vereine die Regionalliga schon die Champions-League war. Gibt es also pro Staffel jeweils nur eine Handvoll Vereine, die wirklich rebellieren?

»Der jetzige Status erregt das größte Missfallen«

Natürlich musste der DFB über all die Jahre nie das Schwarz-Weiß-Bild der ambitionierten Regionalliga-Vereine mitzeichnen. Es tummeln sich eben nicht nur gescheiterte Traditionsklubs und schlafende Riesen in ihr, sondern auch eine Menge Vereine ohne den perspektivischen Zwei-Jahres-Plan. Die Kritik, die sich der DFB aber gefallen lassen muss, ist, über Jahre mit jeder Verschlankung den Eindruck erweckt zu haben, die Regionalliga solle ein qualitativ starker Unterbau für Deutschlands Profifußball sein und keine, über viele Staffeln breit aufgefächerte Amateurrunde. Mit der letzten Entscheidung hat man sich von dieser Idee verabschiedet.

Münsters Sportvorstand Carsten Gockel erinnert sich daran zurück: »Der jetzige Status ist der, der den größten Missfallen erregt hatte, und trotzdem ist er es am Ende geworden.« Das Wie dieser Entwicklung hätten sich die Initiatoren der Interessengemeinschaft Regionalliga anfangs wohl kaum ausmalen können. Im Sog ihres »2+1«-Modells schwang sich der Bayrische Fußballverband als Trittbrettfahrer auf den Ideen-Zug und entwarf sein Konzept von einer achtgliedrigen Regionalliga mit einer separaten Bayern-Staffel.

»Die Reform ist nichts anderes als eine Aufwertung der Bayernliga (ehemals fünftklassig, d. Red.) hin zu einer Regionalliga Bayern. Der Präsident des bayrischen Fußballverbandes, Rainer Koch, hat dies am Vorabend der Abstimmung im persönlichen Gespräch mit Herrn Zwanziger so ausgehandelt«, berichtet Gockel. Ein Vorwurf, bei dem ein Beigeschmack bleibt. Dieser Vorfall sei im Kreis des DFB-Bundestages allgemein bekannt, so Gockel.

Oktober 2010. Plötzlich ging alles ganz schnell. Während sich die wahren Initiatoren um Gockel und Co. wie im Film »Die Geister, die ich rief« vorkommen mussten, wurde die Reform auf dem Bundestag in Essen in Windeseile durchgepeitscht. Ein Plus für den von DFL und DFB favorisierten Vorschlag waren die Landesverbände, die sich im Vorfeld auf keinen gemeinsamen Nenner einigen konnten. In diesem Sinne erschienen die fünf Staffeln als geeigneter Mittelweg. Ebenfalls förderlich war die Stimmverteilung der Delegierten im Bundestag: 255 der 260 Stimmberechtigen waren anwesend; allein 74 entfielen auf den großen Ligaverband, 46 auf DFB-Präsidium und -Vorstand. Der Regionalverband Süd, dem auch der Bayrische Fußballverband angehört, besaß 51 Stimmen, während die anderen Regionalverbände deutlich weniger Volumen hatten. Der Weg war frei für eine fünfgliedrige Staffel, zudem blieben die U23-Teams mit einer maximalen Teilnehmerzahl von sieben Teams pro Staffel fest in den Ligen verankert. Der Wunsch der Profiklubs wurde erhört, auch der aus Bayern. Die einzigen, die auf der Strecke blieben, waren die Vertreter um Carsten Gockel, die die ganze Diskussion überhaupt erst ins Laufen gebracht hatten.

Gockel meint heute: »Wir hatten informelle Gespräche mit der DFL, in denen wir unsere Interessen kundtun durften. Das war alles ganz nett, aber entstanden ist daraus nichts.« Dabei wäre eine Regionalliga mit Staffeln nach allen Himmelsrichtungen wohl der breiteste Kompromiss gewesen und dementsprechend vier Aufsteiger in die 3. Liga auch durchsetzbar. Nur die Bayern hätten in diesem Fall verzichten müssen. Hätten.

Eine Frage scheint in diesem Fall berechtigt: »Ist die Regionalliga Bayern konkurrenzfähig?« Dies fragte bereits der Journalist und Fußballhistoriker Ernst Werner Schneider in seinem gleichnamigen Artikel. Er argumentierte, dass die Staffel nur wenig gegenüber den anderen Ligen auszurichten habe. So erläutert Schneider, dass neben den fünf U23-Teams mit dem FC Memmingen und Bayern Alzenau lediglich zwei alteingesessene Regionalligisten vertreten seien. In puncto Zuschauerzahlen stellte der Fußballhistoriker der Liga bereits vor der Saison kein gutes Zeugnis in Aussicht. Wer ginge schon gerne zu Spielen gegen Vereine wie TSV Buchbach oder SV Seligenporten, fragte Schneider.

Er behielt recht: Ende 2012 belegte der Staffel-Zuschauerkrösus FC Memmingen unter allen Regionalligisten mit einem Schnitt von 1320 Besuchern lediglich den 19. Platz. Die gesamte Staffel hatte mit einem mageren Schnitt von 721 Zuschauern den fünften und letzten Platz [1. Nordost (2165), 2. West (1297), 3. Südwest (1055), 4. Nord (850)] aller deutschen Regionalligen inne.

 
 
 
 
 
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