Heute ist Dienstag. In den Neunzigern war das noch der Uefa-Pokal-Tag. Karlsruhe gegen Valencia 7:0 oder die Schalker Eurofighter – der Uefa-Pokal fegte dienstags die Straßen leer, die Champions League am Mittwoch. Sie waren fast wie zwei hübsche Schwestern, wobei die Champions League noch etwas mehr Glanz versprühte. Denn damals spielten dort noch ausschließlich die Meister der europäischen Ligen. Heute ist die Europa League, der Nachfolger des Uefa-Pokals, nicht viel mehr als eine durch Schönheits-OPs vollkommen entstellte, hässliche Stiefschwester der Champions League, für die man nicht mal würfeln würde.
Das lässt sich schon an den Aussagen von Roberto Mancini ablesen. »Wenn du das Finale erreichst, wird die Europa League zu einem wichtigen Wettbewerb«, ließ der Trainer von Manchester City verlauten. Vorher nicht. Sämtliche Schwergewichte des europäischen Fußballs bekunden schon vor dem ersten Spiel in jenem Wettbewerb, dass sie es unter dem Finale nicht machen. Davor schicken sie auch mal die B-Jugend zu internationalen Auswärtsspielen in Gegenden, die nicht mal Reinhold Messner gesehen hat. Und selbst bei einem Finaleinzug winkt den teilnehmenden Vereinen gerade einmal so viel, wie sie nach überstandener Gruppenphase in der Champions League verdienen würden. Bayern München ist übrigens 1996 als Titelverteidiger im Uefa-Pokal in der ersten Runde an Valencia gescheitert – nach zwei Spielen war alles vorbei. So viel noch einmal kurz im Rückgriff zum damals sportlichen Wert des Uefa-Pokals.
Wohl selbst die meisten Fußball-Funktionäre haben mitbekommen, dass Zwischenrunden oder aufgeblähte Gruppenphasen so ungenießbar sind wie gestreckter Wein. Alle bis auf einen: Michel Platini, früher für seine kreativen und genialen Momente auf dem grünen Rasen bewundert, hält es keinen Tag mehr ohne geistigen Schnellschuss aus. Nachdem er die Europameisterschaft zu einem Billigflieger-Turnier in ganz Europa umfunktionieren will, erreichen seine Planungen nun die Vereinswettbewerbe. Von 32 auf 64 Teilnehmer soll laut Platini die Champions League aufgestockt, die Europa League derweil ganz abgeschafft werden. Und wenn man sich Platinis Ausführungen so zu Gemüte führt, drängt sich die Frage auf, wann Kreativität in Wahnsinn umschlägt.
Vollkommene Entrücktheit
Der römische Kaiser Nero, der sich wie Platini als Künstler verstand, erging sich in der Idee, abstruse Theatervorstellungen und sportliche Wettkämpfe beliebig aneinander zu reihen. Müssen wir uns demnächst auch Platini anschauen, wie er zwischen den Arenen und Gladiatoren umher wuselt und sich in vollkommener Entrücktheit auf der Harfe etwas vorträllert, während Europas Teams dreimal täglich gegeneinander antreten. Wenn sie im Mau-Mau noch einen zusätzlichen Startplatz bekommen, per Wildcard ihre zweite Mannschaft auf Nebenplätzen zu Zwischenrunden schicken und sich selbst der Tabellenachte aus Italien nicht gegen eine Teilnahme wehren kann?
Gibt es da draußen überhaupt noch jemanden, der Michel Platini zur Vernunft bringen kann? Es geht Platini ja nicht um eine Beteiligung der kleinen Vereine, sondern darum, dass die großen durch mehr Spiele mehr Gelder einstreichen. »Am Tag, an dem das Geschäft wichtiger ist als der Fußball, bin ich raus«, sagte er kürzlich dem »4-4-2-Magazin«. Der Tag ist gekommen und man vermisst die Wortmeldungen von Rudi Assauer. Und dessen lapidare Kommentare wie jenen: »Sollen sie doch weiter den fetten Gänsen den A...schmieren.« Frohe Weihnachten, Michel Platini.