Real Madrid, Maßstab des Weltfußballs

Die Größten

Bei Champions-League-Finalist Real Madrid gibt es alles im Überfluss. Die meisten Pokale und die größten Stars. Eine Reise ins Herz des größten Klubs der Welt.

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Im Zentrum der Macht ist es still. Ein dicker Teppich schluckt die Schritte, die Möbel sind aus weißem Leder, dunkles Holz an den Decken und an den Wänden, in denen die Türen fast unsichtbar verschwinden. Ab und zu piept der Aufzug, ab und zu haucht die Empfangsdame »Real Madrid« ins Telefon. Jemand läuft in einem Trainingsanzug über den Flur, er wirkt wie ein Fremdkörper. Avenida Concha Espina 1, 28036 Madrid, auf der Rückseite des Estadio Santiago Bernabéu, zweiter Stock: der Flur der Vereinsführung von Real Madrid. Gleich wird die Sekretärin einen aus dem Warteraum bitten, nur an ihrer Seite darf man den Gang hinuntergehen und auf halber Strecke rechts abbiegen. Dann steht man im Büro des Mannes, der hier in den vergangenen 13 Jahren alle wichtigen Entscheidungen mitgeprägt hat. Man steht, wenn man so will, vor dem Gehirn von Real Madrid. Endlich.

Es war eine lange Reise bis hierhin. Sie führte mehrmals nach Madrid, ins Bernabéu-Stadion, raus aufs Vereinsgelände am Rand der Stadt, sie führte an einem Sonntagnachmittag zum Treffen einer Familie von Real-Madrid-Fans und erstaunlicherweise in die Ernst-Kuzorra-Straße in Gelsenkirchen. Sie führte in die Fußballschule des Klubs und zum Gespräch mit einem ehemaligen Starspieler, der geschasst wurde. Eine Reise, auf der man mehrmals dem missmutigen Gesicht von José Mourinho auf Pressekonferenzen begegnete und sich den Frust der Reporterkollegen anhörte, die Tag für Tag über den Klub berichten. Und dann, kurz vor dem Ziel, unten beim Pförtner der Geschäftsstelle, musste man seinen rechten Zeigefinger biometrisch erfassen lassen. Der Ausweis wurde natürlich kontrolliert. So ist das bei Real Madrid.

Darum ging es: Herauszufinden, was den Mythos des größten Fußballklubs der Welt ausmacht – und was seine Wirklichkeit. Denn größer als alle anderen Klubs ist Real Madrid noch immer. Kein anderer hat so viele Trophäen gesammelt. Kein anderer verdient so viel Geld. Kein anderer Sportklub der Welt, die amerikanischen Football- und Baseballvereine eingeschlossen, ist so viel wert, wie Forbes unlängst feststellte: 2,5 Milliarden Euro. Kein anderer Klub hat es geschafft, die Fußballwelt anzuhalten. An Reals 100. Geburtstag verfügte die FIFA, nirgendwo anders als in Madrid dürfte an diesem Tag Fußball gespielt werden. Kein anderer Klub hat ein glamouröseres Image. Kein anderer wird so verehrt. Und so verachtet.

Real Madrid ist Mythos und globaler Konzern, Traumfabrik und Riesenmaschine und, wie der Mann, dem man jetzt endlich gegenübersteht, einmal gesagt hat: ein Monster.

Der Mann heißt José Ángel Sánchez, und niemand könnte besser erklären, wie dieses Monster heute funktioniert. Denn er hat es erschaffen, gemeinsam mit dem Präsidenten Florentino Pérez. Als der vor 13 Jahren seine erste Amtszeit antrat, brachte er Sánchez als Marketingchef mit. Sánchez war damals Anfang 30 und kam vom Videospielhersteller Sega. Mittlerweile ist er, der nicht Wirtschaft, sondern Philosophie studiert hat, CEO des Klubs.

Kein anderer Verein der Welt tritt so unbescheiden auf wie Real Madrid, mit seinem Anspruch, seiner Ruhmsucht und seinem Drang nach dem immer noch größeren Spektakel. Doch in seinem Zentrum steht einer, der bescheiden daherkommt. Obwohl Sánchez nach Pérez der wichtigste Mann im Klub ist, weiß fast niemand, wie er aussieht. Weil er sich so selten zeigt. Er hat ein freundliches Gesicht, trägt Anzug, gestreiftes Hemd und blaue Krawatte, das Haar ist gelockt. Sein Büro ist unprätentiös, ein schlichter Schreibtisch, ein Konferenztisch, ein Fernseher, vor dem sich unordentlich Papiere stapeln. Vor diesem Treffen mit ihm hat die Pressesprecherin geschrieben, dass Sánchez keine Fotos will, und überhaupt könne dieses Treffen »niemals ein Interview« sein. In all den Jahren bei Real hat Sánchez keine Interviews gegeben. Aber er spricht über den Klub, eine Stunde lang. Zwischendurch klingelt sein Handy. Pérez ist dran. Sánchez nennt ihn »Presi«.

Was Sánchez über die Strategie des Klubs erzählt, über das Selbstverständnis, über die Gegenwart und die Herausforderungen der Zukunft, das darf man zwar schreiben, aber wörtlich zitiert werden will er nicht. Dass man überhaupt erwähnen darf, sich mit ihm getroffen zu haben, muss man ihm abringen. Sánchez will nicht in der Öffentlichkeit agieren, wo man leicht in die Schusslinie gerät. Er hält sich lieber im Hintergrund. Hätte er sich anders verhalten, wäre er heute wahrscheinlich nicht mehr hier.

Auch alle anderen Interviewanfragen werden von der Pressestelle eher uncharmant abgeblockt. Der Leiter der Fußballschule? Nein, nur mit deren Pressesprecher könne man reden, aber auch das werde »niemals ein Interview« sein. Jemand vom Marketing? Man könne mal ein paar Fragen schriftlich schicken. Einen Spieler während der Saison anzufragen, ist völlig zwecklos. Der Kollege einer der größten Zeitungen des Landes, der seit mehr als einem Jahrzehnt jeden Tag über Real schreibt, erinnert sich an sein letztes Interview mit einem Spieler von Real: Sergio Ramos, 2010. Das ist, als ob die »Süddeutsche Zeitung« seit drei Jahren keinen Spieler vom FC Bayern mehr hätte befragen dürfen.

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