Real gegen Bayern in der Spielanalyse

Der Alptraum aller Trainer

Unbändiger Kampf, Torchance um Torchance, ein dramatisches Ende: Das Champions-League-Halbfinale zwischen Real und Bayern bot einfach alles. Doch wie verlief das Spiel aus taktischer Sicht? Unser Expterte Tobias Escher klärt auf.

Trotz all des Trubels um das Finale Furioso ist eines klar: Die erste Halbzeit zwischen Bayern München und Real Madrid dürfte aufgrund der hohen Anzahl an Tormöglichkeiten so schnell nicht vergessen werden. Wer das erste Halbfinale zwischen Chelsea und Barcelona Tags zuvor verfolgt hatte, dürften sich gestern Abend verwundert die Augen gerieben haben: Das soll Fußball sein? So ganz ohne Verteidigung am eigenen Sechzehner und defensive Stabilität? Es wirkte so, als habe Chelsea allen Defensivgeist Europas am Vorabend aufgebraucht.

Beim defensiven Not gegen Elend waren die Bayern zu Spielbeginn sogar noch unterlegen. In der Anfangsphase machte die Elf Jupp Heynckes den großen Fehler, keinen Druck auf Xabi Alonso auszuüben. In den ersten fünf Minuten konnte dieser gleich dreimal zu Spielverlagerungen auf die rechte Flanke ansetzen – öfter als im gesamten Hinspiel zusammen. Der Handelfmeter, den Alaba in der 6. Minute verschuldete, war nicht in erster Linie der Fehler des jungen Österreichers – der lange Ball von Alonso auf di Maria hätte gar nicht erst passieren dürfen.

Früher Rückstand sorgte für Destabilisation

Der frühe Rückstand destabilisierte die Bayern noch stärker. Nachdem sie zunächst Alonso ignorierten, jagten sie ihn nun regelrecht. Luiz Gustavo und Bastian Schweinsteiger rückten weit auf, um mit Kroos das Aufbauspiel früher zu stören. Hierdurch entstanden jedoch große Räume zwischen dem Mittelfeld und der Abwehrreihe, die bewusst etwas tiefer stand – bei zu weitem Aufrücken hätte die Münchener Viererkette Schnittstellenpässe auf den pfeilschnellen Cristiano Ronaldo riskiert.

Es schlug die große Stunde des Mesut Özils. Räume zwischen gegnerischen Ketten sind das natürliche Habitat des Deutsch-Türken. Er kam einige Male gefährlich im Zentrum an den Ball, so auch vor dem 0:2. Auch wenn der Pass zu ihm eher unbeabsichtigt war, muss sich die Bayern-Verteidigung den Vorwurf gefallen lassen, ihm zu viel Platz geboten zu haben. Gedankenschnell bediente er Ronaldo (14.) – die einzige Situation im Spiel, in der Philipp Lahm den Portugiesen nicht kalt stellte.

Auch danach war Özil wichtigste Figur im Madrider Spiel, oftmals wussten sich die Bayern nur mit einem Foul zu helfen. Sieben Mal wurde der Deutsch-Türke bis zur 60. Minute gelegt – ein sehr hoher Wert. Der Rekordmeister hatte Glück, dass die Königlichen äußerst ineffektiv nach Standardsituationen waren.

Aber nicht nur die Bayern, sondern auch das Team des Defensivfanatikers Jose Mourinho offenbarte unerwartete Lücken. Die Außenverteidiger hielten ihre Positionen nicht konsequent, Arjen Robben und Franck Ribery konnten die offensiv denkenden Gegenspieler oft aus der Viererkette ziehen. Besonders bei
Kontersituationen ergaben sich Möglichkeiten, über die Flügel zu kommen. Der Anschlusstreffer wurde konsequenterweise von Rechtsaußen »eingeleitet« – Pepes Schubser gegen Gomez ging eine Flanke von Kroos voraus. Marcelo war mal wieder zu weit aufgerückt. Robben überwand sein BVB-Trauma und verwandelte (27.).

Die Chancen am Fließband begeisterten die vielen Fans weltweit - für die Trainer war die erste Hälfte jedoch sicherlich ein Albtraum. Nichts wurmt die meisten Trainer so sehr, als wenn ihr Team defensive Mechanismen nicht einhält. Es war kein Wunder, dass die Mannschaften wesentlich defensivorientierter aus der Kabine zurückkehrten – sie dürften eine gesalzene Ansprache bekommen haben. Beide Teams attackierten fortan nicht mehr so hoch.

Starker Schweinsteiger, schwächelnder Ribery

Speziell die Gäste stabilisierten ihre Verteidigung. Hierfür neutralisierten sie die gegnerischen Schlüsselspieler: Kroos hatte fortan ein Auge auf Xabi Alonso, dahinter wechselten sich Schweinsteiger und Gustavo mit der Bewachung Özils ab. Obwohl Alonso sich sehr tief fallen ließ, hatte er stets einen Münchener Gegenspieler. Pepe und Sergio Ramos waren mit der Spieleröffnung überfordert, Özil war zudem als Verbindungsspieler abgemeldet. Ronaldo und Benzema hingen so weitestgehend in der Luft. Auf Seiten Reals war Sami Khedira nun immer nah bei Toni Kroos und minderte dessen Wirkung im letzten Drittel.

Bayerns Offensive funktionierte trotz des blasser werdenden Kroos besser als die ihrer Gegner. Schweinsteiger ließ sich ebenso wie sein spanisches Pendant tief fallen. Er war dabei wenig Druck ausgesetzt, so dass er aus der eigenen Hälfte mit seinen Ideen das Münchener Spiel bereichern konnte. Jedoch wurden seine Pässe Richtung Außen zu selten von erfolgreichen Aktionen abgeschlossen. Robben hatte einige gelungene Aktionen, bei Ribery kamen hingegen statistisch auf ein gelungenes Dribbling und zwei misslungene. Zu wenig für einen Spieler von Riberys Klasse. Beide hatten zudem mit den disziplinierteren Außenverteidigern Reals zu kämpfen. Bayern kam dementsprechend am ehesten zu Chancen, wenn sie schnellen Ein-Kontakt-Fußball spielten und Real unsortiert erwischten. Die größte Chance nach einer tollen Kombination über Alaba und Robben verpasste Gomez jedoch (86.).

In der Verlängerung wurde es eine klassische Zitterpartie. Angst war das dominierende Motiv, kein Team wollte den entscheidenden Fehler machen. Am Ende zeigte der Fußball seine grausamste Fratze: das Elfmeterschießen. Einen verdienten oder unverdienten Sieger gibt es hier nicht, so dass am Ende den Bayern die Glückwünsche und den Madrilenen das Beileid gilt. Und ob es eine gelungene Taktik ist, den nominell sichersten Elfmeterschützen zu Beginn oder am Ende schießen zu lassen – darüber sollen andere richten.

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