Ralph Gunesch, Fußballprofi und Denker

Ralle, Aller!

Er kritisiert den DFB, positioniert sich öffentlich gegen Rassismus und adoptiert kranke Hunde. Das Erstaunliche: Ralph Gunesch ist Fußballprofi

Matthias Haslauer
Heft: #
153

Ein bisschen Klischee ist immer. Auch bei Ralph Gunesch. Der Verteidiger des FC Ingolstadt spielt zum Beispiel gerne Playstation, er mag Ibiza House und fährt schnelle Karren. Deswegen hat ihn die »Bild«-Zeitung einmal »Felgen-Ralle« getauft und mit ihm eine Story über Sex im Auto gemacht.

Kennste ja, weißte ja, sagt Gunesch, Jeans, T-Shirt, Turnschuhe, Typ Sportstudent. Die Medien lieben eben Etiketten. Und was passt besser als Fußballer und Autos. Doch irgendwie ist’s auch lustig, er nennt sich ja heute selbst so: Felgen-Ralle, kurz »FLG RLL«. So steht es auf seinem Shirt, eine optische Adaption des legendären RUN-DMC-Schriftzugs.

Ralph Gunesch ist mal wieder in Hamburg, auf Quasi-Heimatbesuch, eingeladen bei einer Fußballtalkrunde. Er ist dort in Hochform, witzig, charmant, schlagfertig. Er macht Witze über Uli Stielike, Markus Lanz oder Lothar Matthäus, und weil er irgendwann vor allem über sich selbst lacht, vergisst man manchmal, dass Ralph Gunesch ein aktueller Fußballprofi ist. Er war bei Alemannia Aachen, hat mit Mainz 05 in der Bundesliga gespielt und insgesamt acht Jahre beim FC St. Pauli. Nun eben Ingolstadt, zweite Liga, solider Innenverteidiger. Einer von denen, die normalerweise von Spiel zu Spiel denken. Die Nannys haben, die bei der Spülmaschine den Startknopf drücken, und Berater, die immer ein wenig unruhig werden, wenn die internatsgeformte Hochleistungsmaschine frei sprechen muss.

Also Ralph, Felgen-Ralle, Herr Gunesch: Wieso denken Sie nicht von Spiel zu Spiel? Wieso machen Sie sich alleine Gedanken? Und wieso kennen Sie etwas, dass nur wenige Fußballprofis kennen: Selbstironie?

»Herr Scholl, ich möchte nur kurz stören!«

Ralph Gunesch sitzt wenige Stunden vor der Talkrunde in einer Kiezkneipe, einen Steinwurf vom Millerntor entfernt. »Fußball ist die Basis«, sagt  er. Und: »Wenn andere auf Partys gingen, bin ich ins Bett gegangen.« Dann lacht er, blöder Satz, Fußballer-Satz. Aber so war es eben. Egal, noch mal von vorne anfangen, viel früher. 

Als Ralph Gunesch noch ein Kind ist, sagt sein Vater oft, dass er mit offenen Augen durchs Leben gehen solle. Der Junge will es versuchen. Als er die Augen einmal besonders weit aufmacht, bemerkt er, dass die Familie von Siebenbürgen nach Aachen umgezogen ist. Wenig später sieht er Heribert Faßbender in der Sportschau und beschließt, Fußballprofi zu werden. Weil er aber gerade sieben Jahre alt ist, wird er erst mal Fan. Er trägt ein Bayern-Trikot und findet Mehmet Scholl toll. Jahre später wird er ihn nach einem Pokalspiel mit dem FC St. Pauli ansprechen wie ein schüchterner Schüler seinen Rektor: »Herr Scholl, ich möchte nur kurz stören und Ihnen meine Hochachtung aussprechen.« Ein Moment, der Gunesch ziemlich gut beschreibt, denn er bleibt immer Fußballfan. Vielleicht weil er das Spiel anders kennenlernt als die meisten Spieler der heutigen Generation, vielleicht wegen Thorsten Fink.

»Ein Fußballprofi kann viel bewegen, auch im Kleinen.«

Bei einem Bayern-Auswärtsspiel in Uerdingen hat der damals 14-Jährige jedenfalls wieder einen Erweckungsmoment. Er steht nach dem Spiel am Zaun und ruft die Namen seiner Stars. Sie gehen alle vorbei, bis auf einen: Thorsten Fink. Der Bayern-Spieler unterschreibt auf seinem Trikot und Gunesch weiß: »Es war das Aufregendste, was ich bis dahin erlebt hatte.« Sein Vater sagt später: »Denk immer daran, wie froh und stolz du warst. Ein Fußballprofi kann viel bewegen, auch im Kleinen.«

Wenn Gunesch von solchen Momenten erzählt, zeigt er auf seinen Unterarm und sagt: »Guck mal, stellt sich alles auf.« Das macht er auch, wenn er sich an das Pokalspiel gegen Hertha erinnert. St. Pauli gewann als Drittligist im Dezember 2005 sensationell mit 4:3, und Gunesch erhielt danach die SMS eines Fans. »Ralle, Aller«, stand da. »Ich hab gerade meine Mutter angerufen und ihr gesagt, dass ich sie liebe! Danke für heute!«

Schlüsselerlebnis gegen Chemnitz

Doch der FC St. Pauli ist nicht nur wegen der sportlichen Erfolge wichtig. Da ist auch dieser Moment, als Gunesch das erste Mal merkt, dass Fußball niemals nur Fußball ist und Politik niemals nur Politik. Bei einem Spiel gegen den Chemnitzer FC rollen die Gästefans eine rote Fahne mit weißem Punkt aus – ein provokativer Verweis auf die NS-Hakenkreuzflaggen. Gunesch bekommt zunächst nur am Rande mit, was passiert. Als er später mit seinem Wagen den Parkplatz verlassen will, sieht er, wie die Chemnitzer Fans von der Polizei geschützt werden, während tausende St. Pauli-Fans sie bedrängen. Gunesch steigt aus dem Wagen und geht auf die Fans zu, er will nun mehr wissen. Die Anhänger sind zunächst erstaunt, hat dieser Junge nicht eben noch Fußball ge­spielt? Dann klopfen sie ihm auf die Schulter, Mensch, toll, dass du hier bist.

Dabei gehe es nicht um Lob, sagt Gunesch, sondern um Positionen und Denkanstöße. »Man muss mal aus seiner Blase rauskommen und die Komfortzone verlassen«, sagt er. »St. Pauli hat mich dabei sensibilisiert und geprägt.«

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