Rafael Benitez über Sinn und Unsinn des »Tiki-Taka«

Was der englische Fußball jetzt braucht

Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte: Rafael Benitez, Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool und einer der angesehensten Trainer des Weltfußballs, schreibt ab sofort für 11freunde.de. Thema diesmal: Braucht der englische Fußball das spanische Tiki-Taka?

Nach acht Jahren Erfahrung in der Premier League bin ich sehr froh zu sehen, wie viele Teams Schritt für Schritt ihren Spielstil ändern. Ausgenommen einiger gegenteiliger Meinungen hat die zunehmende Anzahl ausländischer Trainer dem englischen Fußball sehr gut getan. Heutzutage werden zum Beispiel die Zonendeckung von Manchester City bei Eckbällen oder die Rotationen, um englische Spieler im Hinblick auf die Europameisterschaft zu schonen, kaum in Frage gestellt. Des Weiteren kann festgestellt werden, dass bei der Analyse immer mehr Wert auf das Mannschaftsspiel und weniger auf die Leistungen einzelner Spieler gelegt wird.

Einer meiner Ex-Spieler vom FC Liverpool, der in mehreren Premier-League-Teams gespielt hat und immer noch England aktiv ist, sagte mir über einen seiner Trainer: »Er trainiert sehr ähnlich wie du, immer mit dem Ball«.

Das spanische Model für den englischen Nachwuchs?

Es scheint, als würde langsam eine Vision des Fußballs Einzug halten – es gibt sogar Überlegungen das spanische Model für den Jugendfußball zu übernehmen. Die FA hat sich bereits damit beschäftigt, auch wenn es wahrscheinlich eine schwierige Angelegenheit wird. Immerhin versucht der Englische Fußballverband unter anderem auch die Struktur der Fußballakademien zu verändern. Aus meinen persönlichen Erfahrungen als Spieler und Trainer in England heraus, würde ich sagen, dass zwei grundsätzliche Dinge helfen würden: Erstens die Installation einer festen Delegation von Jugendtrainern, zweitens eine U-21-Meisterschaft.

Nach der Analyse von Statistiken aus den einzelnen Ligen, bereit gestellt von Opta, sieht es so aus, als wäre Arsene Wegners Arsenal das Team, dass immer den Spielstil mit Ballbesitz beibehalten hat. Auch wenn diese Art zu spielen beginnt sich zu verändern.

Es ist interessant zu sehen, wie sich heutzutage, nach den Erfolgen Barcelonas und des spanischen Nationalteams, viele Mannschaften in Ihrer Spielweise am katalanischen Team orientieren. Sie beachten dabei allerdings nicht, dass Barcelona auch deshalb ist was es ist, weil es viele Jahre damit verbrachte, die gleiche Taktik zu spielen. Und natürlich, weil Messi, Xavi, Iniesta, Busquets, Piqué, Dani Alves und die anderen Barcelona zu einem unverwechselbaren Team gemacht haben – durch ihren besonderen Stil und ihre individuelle Klasse.

Dennoch liefern die Statistiken ein paar interessante Ergebnisse. Zum Beispiel wurden in der Premier League insgesamt 351.867 Pässe gespielt, im Gegensatz zu 340.416 in »La Liga«. Zudem gibt es in England sieben Mannschaften, die die 20.000 Pässe überschritten haben. Sie kommen zwar nicht an die 29.000 Pässe Barcelonas heran, dennoch haben weder Real Madrid noch Valencia diese Marke in der letzten Saison erreicht.

Erinnerungen an Tiki-Taka werden wach

Wenn wir über den Ballbesitz sprechen, müssen wir zusätzlich beachten, in welchen Bereichen des Spielfeldes sich der Ball hauptsächlich befindet. Viele der Premier League Teams mit hoher Ballbesitzquote spielen viel in der eigenen Hälfte und über den Torwart – was in einigen Situationen natürlich auch eine gute Lösung sein kann. Ein weiteres Problem ist, dass die Passquote in der gegnerischen Hälfte unter 80 Prozent liegt, weit entfernt von den 87 Prozent Barcelonas. Das erinnert mich daran, was in Spanien vor 15 Jahren mit dem berühmten Tiki-Taka passierte.

Der Ursprung des Begriffs hat, seltsamerweise, negative Bedeutungen. Vor einigen Jahren war die öffentliche Meinung über die Spielweise in der spanischen Liga gespalten. Die eine Hälfte verteidigte das kurze Passpiel, der Rest bevorzugte das direkte Spiel, in dem lange Pässe als sinnvoll angesehen wurden.

Trainer wie Maguregui oder Javier Clemente kritisierten das Tki-Taka weil ihrer Meinung nach viele Teams gerne den Ball passten aber zu wenig Chancen kreierten. Es gehe nur darum den Ball zu halten und auf den richtigen Moment zu warten. Manchmal wurde die Art des Offensivspiels schon »Scheibenwischer-Spiel« genannt, weil immer von einer zur anderen Seite gepasst wurde, ohne das gegnerische Tor zu erreichen. Ein berühmter Spieler und Trainer antwortete einem Journalisten auf die Frage, ob er lieber schlecht spielen und gewinnen oder schön spielen und verlieren würde, dass er letzteres bevorzuge. Ein paar Tage später wurde der Journalist gebeten, die Aussage richtig zu stellen, doch die Debatte hatte bereits begonnen.

Schade, dass es nur einen Xavi gibt

Bei Barcelona haben Messi, Xavi, Busquets, Iniesta und Co. dem berühmten Tiki Taka einen Glanz verliehen. Und mit der Installation von Luis Aragonés als Nationaltrainer begannen diese Gruppe von Spielern und ihre Art zu spielen die Welt zu faszinieren. Del Bosque und Guardiola erreichten sogar noch größere Erfolge mit der gleichen Spielweise und den Spielern. Jetzt möchten viele diesem in Mode gekommen Stil folgen – er ist schön und gewinnt Titel. Es ist eine Schande, dass es, bespielsweise, nur einen Xavi Hernandez gibt.

Wie geht es also weiter mit der Premier League? Die Statistiken von »Opta« zeigen uns, dass die Anzahl an Pässen pro Saison steigend ist. 320.000, 340.000 und 350.000 waren die Zahlen in den letzten drei Spielzeiten. Die Anzahl der Tore ist ebenfalls schnell nach oben gegangen, trotz der sinkenden Anzahl an Torschüssen in der letzten Saison. Was nachdenklich stimmen könnte, ist der Gedanke »Wir sind wie Barcelona«, der zu Irrtümern führen könnte, deren Auswirkungen wir in Spanien erleben. Die Prozentzahl der Pässe in der generischen Hälfte ist von 65 Prozent in der Saison 09/10 auf 61 Prozent in der letzten Saison gesunken. Einen Stil und ein System zu kopieren garantiert keinen Erfolg. Viele von uns mögen die Art und Weise Barcelonas zu spielen, sie können es aber auch dank ihrer individuellen Klasse und jahrelanger harter Arbeit. Wir sollten nicht vergessen, dass es viele Wege gibt, schön zu spielen und zu gewinnen.

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