Rafael Benitez über das spanische Nationalteam

Der Titel ist das Mindeste

Rafael Benitez gewann als Trainer mit dem FC Valencia zwei Meisterschaften und mit dem FC Liverpool die Champions League. Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich erklärt er, was von Spanien zu erwarten ist.

Spanien, der große Favorit, amtierender Welt- und Europameister, soll wackeln? Ich habe davon in den letzten Tagen in der Zeitung gelesen, nach dem Spiel gegen Kroatien. Die Mannschaft spiele nicht mehr so flüssig und zwingend wie früher, heißt es da, sie habe keine Ideen und keine Durchschlagskraft. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich lachen muss. Aber das ist ein Witz!

Sicher, die Gegner machen es Spanien schwerer als noch vor zwei oder sogar vier Jahren, als der EM-Titel noch eine kleine Überraschung war. Kroatien hat sehr defensiv gespielt, und zwar ziemlich genau so wie der FC Chelsea, der auf diese Weise in der Champions League gegen den FC Barcelona und schließlich gegen den FC Bayern gewinnen konnte.

Der Triumph der »Blues« war der Triumph der Defensive über die Offensive. Das möchte ich gar nicht kritisieren, denn die Frage, was schön ist im Fußball, halte ich für überflüssig. Schön ist nur der Sieg, daneben verblasst alles andere.

Der Plan gegen Spanien: nicht verlieren

Allerdings möchte ich festhalten, dass der Ausgang des Finales von München die defensiv denkenden Trainer in ihrer Auffassung bestärkt haben dürfte. Das bremst den Trend hin zum offensiven Spiel, das für viele Zuschauer optisch reizvoller ist. Aber so ist der Fußball nun mal: Die Mannschaften beobachten einander intensiv, sie suchen und finden Gegenmittel, und irgendwann ist selbst die größte Dominanz gebrochen.

Bei der Denkaufgabe, wie Spanien zu schlagen ist, sehen die Gegner also nach Jahren des Grübelns und der Ohnmacht mit einem Mal eine Lösung herannahen. Sie glauben, es reiche, destruktiv zu spielen und auf Konter und Standards zu setzen. Sie täuschen sich: Sie haben nun zwar eine Ahnung, wie sie gegen Spanien nicht verlieren. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch gewinnen können. Nach dem Aha-Effekt des Champions-League-Finales war zu erwarten, dass auch bei der EM spielerisch unterlegene Mannschaften – also eigentlich alle mit Ausnahme von Deutschland – sich gegen Spanien für die Chelsea-Taktik entscheiden würden: ein 4-2-3-1, wenn sie in Ballbesitz sind, das sie auf ein 4-5-1 umstellen, wenn sie verteidigen. Sie machen den Raum zwischen den Strafräumen sehr eng, attackieren den Ballführenden stets zu zweit und spielen so das denkbar aggressivste Pressing. Eine Spielweise, die viel Kraft und Herzblut erfordert. Der Plan ist, wie gesagt, nicht zu verlieren.

Ich weise noch mal darauf hin: Weder das eine noch das andere ist den Kroaten gelungen. Spanien hat 1:0 gesiegt! Aber das scheinen die meisten Kommentatoren verpasst zu haben. Sie maulen, als wäre die Mannschaft ausgeschieden. Ich rate ihnen, sich noch mal den Spielzug anzuschauen, der zum Tor geführt hat. Mit welcher chirurgischen Präzision Cesc Fabregas Andrés Iniesta freispielte und dieser den Ball querlegte, so dass Jesus Navas nur noch einschieben musste – beeindruckend! Wie aus dem Lehrbuch! So kann Spanien jedes Abwehrbollwerk aushebeln, jederzeit. Oder möchte jemand behaupten, dass dieser Schachzug auch ein Zufallsprodukt war, ganz so wie Casillas Glanzparade?

Bei Frankreich fehlt die kompakte Mannschaftsleistung

Nun hat die K.o.–Phase begonnen, und die Strategie kann nicht mehr sein, gegen Spanien nicht verlieren zu wollen. Jede Mannschaft muss früher oder später auf Sieg spielen, wenn sie sich nicht auf die Lotterie des Elfmeterschießens verlassen will. Ich bin gespannt, welchen Plan sich die Franzosen für das Viertelfinale zurechtgelegt haben. Er muss neu sein. Denn bislang hatten sie gar keinen.

Ich habe zwar Ansätze von individueller Klasse gesehen, aber keine kompakte Mannschaftsleistung. Auch die Franzosen spielen 4-2-3-1, ihnen fehlt jedoch der Biss, den diese Taktik braucht. Den zentralen Mittelfeldspielern Alou Diarra und Yann M’Vila fällt nichts ein, wie sie die Offensivkräfte in Szene setzen können. Alibipässe sind die Folge, das Umschalten funktioniert nur schleppend, so dass der Gegner sich in Ruhe ordnen kann. Karim Benzema hat das bemerkt und lässt sich zurückfallen, um sich die Bälle zu holen, was aber dazu führt, dass sich im Mittelfeld zu viele Spieler tummeln und vorne ein Abnehmer fehlt.
Das wirkt unordentlich, unkonzentriert und leidenschaftslos. Wenn die Franzosen sich gegen die Schweden mehr angestrengt hätten, hätten sie den Spaniern aus dem Weg gehen können, der stärksten Mannschaft des Turniers. Aber gerade Ordnung, Konzentration und Leidenschaft sind die entscheidenden Faktoren in diesem Spiel.

Bei den Deutschen habe ich all das gesehen. Auch sie werden, wenn ich das richtig wahrnehme, von den Medien kritisiert. Vielleicht ist das das Los dieser beiden Mannschaften. Sie sind die besten Europas. Um gelobt zu werden, müssen sie den Titel gewinnen. Mindestens.

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