Rabatt und Exzess: Wie lange ist der Fußball noch bezahlbar?

Tunnel am Ende des Lichts

Es war ruhig geworden um »Kein Zwanni«, jetzt meldet sich die Faninitiative zurück. Mit neuen Protestaktionen, neuen Zahlen und einer alten Forderung: Fussball muss bezahlbar bleiben. Findet das Anliegen Gehör? Unsere Reportage beschreibt Anfänge, Erfolge und Rückschläge der Kampagne.

Das Timing mutet beinahe grotesk an. Glaubt man dem Pressetenor, ist die Bundesliga ab sofort das Paradies auf Erden. Real Madrid und den FC Barcelona deklassiert. Ein deutsches Finale in Wembley. Und wenn sich Jogi Löw jetzt noch von Jürgen Klopp taktisch beraten ließe, wäre selbst die Wachablösung auf Nationalmannschaftsebene nur noch Formsache. Das Ausland staunt über gigantische Choreos, volle Stadien und den solide finanzierten Erfolg, und Fußballdeutschland aalt sich nach Jahren der Titellosigkeit im plötzlichen Zuspruch.

Mitten in diese Hurrakultur hinein organisiert die Initiative »Kein Zwanni – Fußball muss bezahlbar bleiben« am 33. Spieltag eine neue Protestwelle. Mit Aktionen von Dortmund-Fans in Wolfsburg sowie von den Anhängern aus Mainz, Köln und anderen Kurven wird gegen Preis-Exzesse und für einen bezahlbaren Stadionbesuch demonstriert. Die Kampagne will noch einmal ihre Interessen anmahnen, bevor die Vereine in der Sommerpause das Eintrittspreisniveau beraten. »Die Stimmung ist das Pfand, mit dem die Liga hausieren geht. Gleichzeitig wird genau diese Stimmung durch Ticketwucher beschnitten«, sagt Marc Quambusch, Sprecher der Initiative. Er buchstabiert den Albtraum: englische Verhältnisse. Der Tunnel am Ende des Lichts.

Die neue German Angst

Der Blick auf die Insel schreckt ab und treibt die Initiatoren von »Kein Zwanni« an. Die durchdesignten Sitzplatzwüsten haben, zusammen mit einer sich immer schneller drehenden Preisspirale, nahezu jedwede Atmosphäre im Fußballmutterland verödet. Der spieltägliche Pubbesuch als Stadionersatz – das ist die neue German Angst. »Kein Zwanni« nährt sie mit aktuellen Zahlen, die den Preisanstieg im Vergleich zur Saison 2005/06 beschreiben. So hat die Bundesliga beispielsweise beim günstigsten Dauerkartensitzplatz ordentlich aufgeschlagen, Stuttgart um 38, Hannover um 33, München um 20 und der BVB um 19 Prozent. Unrühmlicher Spitzenreiter dieser Kategorie ist der FC Schalke 04, der den günstigsten Dauerkartensitzplatz in sieben Jahren um 94 Prozent verteuerte. Konnte man in Gelsenkirchen einst für 188 Euro portemonnaieschonend sitzen, kostet so ein Platz heute 364 Euro.

Zahlen, bitte! Hier finden sich ergänzende Statistiken zur Ticketpreisentwicklung >>

Matthias Berghöfer, ein Schalke-Fan, liefert der Faninitiative die enttarnenden Zahlen. Seit 2005 vergleicht, gruppiert und mittelt der Statistiker die offiziellen Daten der Vereine, telefonisch erfragt er, wieviele Topspiele es gibt. Der riesigen Arena in Erle zieht er Jugendfußball vor, »da hast du noch Luft, Wind, Schmutz«, ein echtes Nostalgieargument. Vor einem Schalke-Heimspiel wurde Berghöfer auf dem Parkplatz Zeuge, welche Auswüchse die Preisspirale treibt. Ein altteingesessener Schalker berichtete seinem Kumpel, er könne sich die Pflege für seine Großmutter nicht mehr leisten, die Karten seien zu teuer geworden. »Mich hat gewundert, was die Leute alles klaglos hinnehmen«, erklärt der 49-jährige Berghöfer die Ursprünge seiner Recherche. Er ist desillusioniert – und damit nicht alleine.

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