Queens Park Rangers in Gefahr

Im Reich der Tritte

Ein so genanntes Freundschaftsspiel zwischen den Queens Park Rangers und der chinesischen U23 artete zu einer Massenkeilerei aus. Ein Symptom für die kränkelnden englisch-chinesischen Beziehungen, die eigentlich noch nie gesund waren. Imago
Heft #66 05 / 2007
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»Pistolen im Morgengrauen« lautete in grauen Vorzeiten die Aufforderung zum Duell. Herrlich einfach war damals die Welt des englischen Gentlemans. Aber auch Damen nahmen die Gelegenheit wahr, Zwistigkeiten ein für allemal mit der Waffe zu entscheiden. So sahen sich Lady Almeria Braddock und Mrs. Elphinstone im Jahre 1792 genötigt, die Unstimmigkeit über das Alter der Erstgenannten mit dem Degen auszuräumen.

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Im abendländischen Wertesystem haben derartige Rituale keinen Platz mehr. Schade, muss man mit Blick auf die Ereignisse auf dem Trainingsgelände der Queens Park Rangers konstatieren. Denn würde es jene martialische Sitte noch geben, hätte der Stürmer der chinesischen U23 staatsmännisch Genugtuung suchen können. In Ermangelung dieser Option sprang er seinen britischen Peiniger jedoch an, umklammerte ihn mit den Beinen und drosch mit beiden Fäusten auf ihn ein. Und nicht nur diese unwürdige Szene wäre der Welt erspart geblieben. Das so genannte Freundschaftsspiel zwischen QPR und den chinesischen Gästen artete nämlich zu einer Massenkeilerei aus, deren kampfsportliches Niveau irgendwo zwischen Jackie Chan und dem ZDF-Sommergarten rangierte. Bis zu 50 Spieler und Trainer sollen in das Kirmesboxen verstrickt gewesen sein. Nach dem letzten Gong standen in der sportlichen Bilanz: ein gebrochener Kiefer, beschämte Presseerklärungen beider Kontrahenten und eine Untersuchung des englischen Fußballverbands.

Es fehlt an nichts, außer an Substanz


Der peinliche Vorfall aus dem Februar dieses Jahres ließe sich gewohnt schnell unter den Teppich kehren, hätte er nicht eine so große Symbolkraft für das fundamentale Missverständnis, den englischen und chinesischen Fußballverbände eine Erfolgsgeschichte. In Chinas Shoppingmeilen muss man lange suchen, um ein Chelsea- oder Manchester-United-Trikot zu sichten. Dabei gelten die beiden Schwergewichte aus der Premier League doch als sehr umtriebig im Reich der Mitte. Das Ergebnis aber lautet: Fehlanzeige. In ihrer ewig naiven Egozentrik suchen die Top-Klubs stets den eigenen Wettbewerbsvorteil und das Loch in der chinesischen Mauer. Um sich marktgerecht in Stellung zu bringen, werden rund um die Uhr irgendwelche Webseiten eröffnet, Tourneen anberaumt und Partnerschaften verkündet. Es fehlt den beiden Großklubs in China an nichts, außer an Substanz.

Noch immer lassen sich ein paar Halbwüchsige finden, die bereit sind, gegen Entgelt und mit offenem Mund einer Trainingssession der europäischen Fußballgötter beizuwohnen. »What goes around, comes around«, sagt man. Doch gegeben wird leider nicht allzu viel, von strategischen Investitionen in den chinesischen Fußball ganz zu schweigen. Dabei wäre das dringend nötig. Amerikas Sportvermarkter sind mit ihrer Herangehensweise sehr viel erfolgreicher. Die NBA – getragen von der Begeisterung für Chinas Superstar Yao Ming – spricht mit einer Stimme und verkauft mit massiertem Einsatz eine Dachmarke. Die NFL hat ihrerseits ein Programm gestartet, um den Sport an den Schulen populär zu machen. Englands Klubs agieren dagegen isoliert, obwohl sie mit einem zusätzlichen Problem zu kämpfen haben: Fußball gilt in China als skandalträchtig. Er hat in den großen Sportverbänden – in denen Wassersport, Turnen oder Leichtathletik die erste Geige spielen – keine Lobby und dient eher als politikneutrales Lustobjekt der Regenbogenpresse. Ihm fehlen die großen chinesischen Stars und die Erfolgsaussichten auf internationaler Bühne.

Ein Imagewandel und gemeinsame Anstrengungen für eine strukturelle Stärkung des Sports sind nötig, nur dann werden die Fans dem Sport Glauben schenken und sich vor den Superstores in die Schlange stellen. Und so steht vor der Missionierung des fernen Ostens erneut der kategorische Imperativ des »wir«, die notwendige Erkenntnis der Großen, dass ihre Attraktivität einer gesunden Heimatliga entspringt. Bis dahin werden die Prügeleien auf YouTube das spannendste englisch-chinesische Duell bleiben.

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Bilder von besagter Schlägerei findet Ihr in unserer Flimmerkiste www.11freunde.de/flimmerkiste .

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