Public Viewing für Anfänger

Bier zu Null

Daheim auf dem Sofa zu schauen ist seit der WM 2006 komplett aus der Mode. Der Connaisseur drängelt sich lieber auf der Fanmeile, singt Songs von Xavier Naidoo mit und nennt das Ganze dann Public Viewing. Doch wie funktioniert es genau? Public Viewing für AnfängerImago
Heft: #
79
1. Die richtige Platzwahl

Der schönste Platz ist immer an der Theke. Eine universelle Weisheit, gilt auch für Fanfeste, auch wenn du dann nur die linke untere Ecke der Leinwand siehst, und die auch nur, wenn der Spacko vor dir endlich mal die Deutschlandfahne herunternimmt. Denn ganz ehrlich: Was nützt dir ein Platz direkt an der Absperrung, wenn du bei jeder Bestellung gut 20 Minuten bis zum Getränkestand brauchst und dann noch mal 20 Minuten, bis dich die Kellnerin inmitten all der anderen wild herumschreienden Besteller wahrgenommen hat. Und noch ein Tipp: Wenn du zwar rechtzeitig da warst, aber um 20 Uhr 55 immer noch nicht ins Stadion geschaltet wird und hinter dir zwei Autos hupen, solltest du skeptisch werden. Dann bist du nämlich nicht auf dem Fanfest mit Spielübertragung auf Großbildleinwand gelandet, sondern im Autokino, gerade läuft der Vorspann von »American Pie 2 – Jetzt wird geheiratet«, und du versperrst einem knutschenden Pärchen im Fiat Panda die Sicht auf Stiflers Mum.

[ad]

2. Die Security

Sicher, Fanfeste sind ein Festival der Völkerverständigung. Aber sicher ist sicher, und deshalb gibt es einen dreifachen Verteidigungsring um die Fanmeile herum und scharfe Einlasskontrollen durch eine stiernackige Security. Und die entdeckt natürlich in deinem Rucksack ein ganzes Arsenal an gefährlichen Gegenständen. Eine halb leere 0,33-Liter-Flasche River Cola (Flüssigsprengstoff!), Kugelschreiber (Stichwaffe!), Schlüsselbund (Wurfgeschoss!) und eine mehrfach gebrauchte Unterbuxe (Vermummung!). Was bitte hattest du vor?

3. Die Musik

Selbst wenn du musikalisch anspruchslos bist, Rosenstolz für eine Band hältst und Andrea Berg für eine Sängerin, auf Fanfesten wirst du mit den Abgründen zeitgenössischer Musik konfrontiert werden. Das liegt daran, dass nahezu jedes Fanfest vom örtlichen »Hit-Radio Superantenne 94,3« präsentiert wird. Und weil dieses Radio  schon seit zehn Jahren stoisch »die größten Hits der Achtziger und Neunziger und das Beste von heute« in den Äther feuert, wummert auf dem Fanfest ausschließlich Kirmesmusik der untersten Kategorie aus den Boxen, eine schwer erträgliche Dauerschleife aus Bobo, Ötzi und Hermes House Band. Dazwischen springt ein vom Radio an die Meile abkommandierter Moderator auf die Bühne und versucht die nach vier Stunden Wartezeit schon ermattete Menge mit Sprüchen in Ekstase zu versetzen, für die selbst ein Animateur im Robinson Club hämisch ausgelacht würde.

4. Die Fachsimpelei

Du bist ein echter Experte? Hast alle Spielsysteme seit 1903 parat, und selbst Ralf Rangnick würde deine Nummer wählen, wenn er sie hätte, um sich bei dir taktische Ratschläge zu holen? Das ist schön für dich, hilft dir beim Public Viewing allerdings kein Stück weiter. Denn auf Fanmeilen sind per Definition keine Fachleute unterwegs, sondern überwiegend das Volk, das auf Dorffesten ab dem frühen Abend in Dreierreihen den Autoscooter blockiert. Fanmeilen sind der Ort, an dem junge Mädchen enthemmt »Poldi« kreischen, wenn erkennbar Miro Klose durchs Bild läuft, und sich nach Toren ganze Horden adoleszenter Männer bier- und glückstrunken in den Armen liegen und dabei etwas röhren, das entfernt nach dem Todesschrei eines erlegten Hirsches klingt – und das, obwohl der Schiedsrichter schon vor Minuten auf passives Abseits erkannt hat.

5. Der Thrill

Du bist für Deutschland, klarer Fall. Oder suchst du tatsächlich den ultimativen Thrill, härter als Bungee-Jumping, Ultimate Fighting und Herrentag in Magdeburg zusammen? Dann stelle dich doch mal beim zwangsläufigen EM-Halbfinale Deutschland–Italien im azurblauen Italien-Trikot auf die Fanmeile, warte geduldig, bis eine Minute vor Schluss das glückliche 1�:�0 für Italien fällt, recke dann die Arme in die Höhe, stoße einen markerschütternden Torschrei aus und versuche freudestrahlend die Umstehenden zu umarmen. Wir wünschen viel Spaß.

6. Das Merchandising


Public-Viewing-Veranstaltungen sind eine Goldgrube für Geschäftemacher. Und damit meinen wir nicht einmal die Kollegen, die direkt vor dem Eingang zum Fanfest Bierdosen zum Stückpreis von 4,99 Euro verhökern wollen. Bierdosen, die sie kurz vorher palettenweise zu Großmarktpreisen aus dem nahegelegenen Netto-Markt herübergeschleppt haben. Und wir wollen auch nicht jene unglückseligen Gestalten schelten, die tatsächlich 5000 T-Shirts mit dem Aufdruck »Public Viewing Dortmund-Derne 2008« haben drucken lassen, in der vagen Hoffnung, das gemeinsame Fußballgucken auf dem Parkplatz des Mediamarktes in Derne werde bald so legendär wie Woodstock oder Roskilde 1988. Nein, wir meinen die Standbetreiber auf den Fanmeilen, denen schon die Tatsache, dass alle Schnitzelsorten nach ehemaligen Bundestrainern benannt worden sind, als Rechtfertigung ausreicht, für den Schnitzelteller »Erich Ribbeck« 27,99 Euro zu verlangen.  

7. Das ZDF

Sicher, es werden viele, viele Menschen auf der Fanmeile unterwegs sein. Sei trotzdem vorsichtig, man kann nämlich nie wissen, ob nicht irgendwann doch das ZDF in deine Stadt hinüberschaltet, Johannes B. Kerner die fantastische Stimmung lobt und plötzlich du im Bild bist, ganz vorne, mittendrin, statt nur dabei, den fabrikneuen Deutschlandschal über deinem Kopf und selbstvergessen mitsingend: »Dieser Weg wird kein leichter sein«. Sei dir sicher, falls das passiert, wird auch der Weg am nächsten Morgen ins Büro kein leichter sein.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!