Protest gegen Gewalt und Beleidigungen

Die Schiedsrichter streiken

Am Wochenende verlassen Berlins Schiedsrichter in der zehnten Minute kurz die Spielfelder – aus Protest gegen die zunehmende Gewalt und die Beleidigungen gegen Unparteiische.  Was ist auf Deutschlands Plätzen los? Ein Einblick. Protest gegen Gewalt und Beleidigungen

Ob er blind sei, will der junge Mann von

wissen. Der reagiert nicht. Dann wieder: »Schiri, bist du blind?« Knaack bleibt cool. Erst als ein Spieler zum dritten Mal hintereinander eine Entscheidung kommentiert, diesmal sogar nicht jugendfrei, bleibt ihm keine andere Wahl: er zeigt ihm Gelb-Rot.

Eine gute Stunde später steht Lothar Knaack im Innenraum des Stadion Wannsee, das Pokalspiel zwischen den Reservemannschaften von Wannsee und Lichterfelde hat er ohne größere Zwischenfälle zu Ende gebracht. Knaack zieht zufrieden Bilanz: »Ein paar Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten – ein guter Tag«, sagt er. In der Fußball-Bundesliga wäre das was anderes, aber hier, bei den Amateuren, da geht das in Ordnung, findet er.

Ins Krankenhaus geprügelt

Ein paar Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten - das ist inzwischen normal in Berlin
So wie bei Lothar Knaack hat sich die Wahrnehmung von vielen Berliner Schiedsrichtern geändert. Zwei Platzverweise, beide wegen Schiedsrichterbeleidigung, gehören inzwischen zum Alltag. Seit zehn Jahren ist Knaack Schiedsrichter. Ein großer, kräftiger Mann, dem man seine Vergangenheit als Torhüter in den höchsten Berliner Amateurspielklassen ansieht. Vor ihm haben die Spieler Respekt, tätlich angegriffen wurde er noch nie. Spiele leitet Knaack noch immer mit Leidenschaft, aber seit sein Sohn die Schiedsrichterei aufgegeben hat, betrachtet er das Geschehen auf den Plätzen kritischer.

Denn es kann auch schlimmer zugehen auf den Plätzen. Im September wurde der Schiedsrichter Gerald Bothe von einem Spieler einer Alt-Herren-Mannschaft ins Krankenhaus geprügelt, weil er ihn vom Platz gestellt hatte. Bothe würde heute vielleicht nicht mehr leben, wenn unter den Spielern nicht zufällig ein Sanitäter gewesen wäre, der ihm die verschluckte Zunge wieder aus dem Rachen geholt hätte. Der Fall sorgte für Bestürzung, einige Schiedsrichter wollten streiken. So weit ist es nicht gekommen, trotzdem wird es an diesem Wochenende eine Protestaktion geben.

Alle Spiele, von der Berlin-Liga bis zur Kreisklasse, werden in der zehnten Minute für einige Zeit unterbrochen; der Schiedsrichter wird dann das Spielfeld verlassen und die Spieler im besten Fall zum Nachdenken bewegen. »Es geht darum, ins Gespräch zu kommen und wieder Respekt füreinander zu entwickeln«, sagt Bodo Brandt-Chollé, der beim Berliner Fußball-Verband (BFV) die Schiedsrichter betreut. Auch die Berliner Profischiedsrichter Felix Zwayer und Daniel Siebert werden die Aktion unterstützen und Spiele in den unteren Klassen leiten.

Viel zu wenig Schiedsrichter

Gewalt gegen Unparteiische ist zum Problem geworden im Amateurfußball, nicht nur in Berlin. Beinahe wöchentlich gibt es Meldungen von Spielabbrüchen, Massenschlägereien und Polizeieinsätzen – egal ob aus Bayern, Hessen oder anderen Teilen der Republik. Erst kürzlich wurde ein Fall aus Nordrhein-Westfalen bekannt, wo ein Schiedsrichter zuerst niedergeschlagen und anschließend mit Tritten malträtiert wurde. Beim BFV hat die raue Umgangsweise auf den Plätzen dazu geführt, dass immer weniger Leute Lust haben, Schiedsrichter zu werden. »Das Problem wird für uns immer größer, wir haben jetzt schon viel zu wenige Schiedsrichter«, sagt Brandt-Chollé.

Das Vakuum führt dazu, dass die, die noch da sind, Leute wie Lothar Knaack, oft mehrmals an zwei Tagen im Einsatz sind. Ein Wochenende kann dann so aussehen: Am Vormittag ein Juniorenspiel in Lichtenrade, Nachmittags dann Kreisliga A in Hohenschönhausen. Der Sonntag beginnt mit einem Seniorenspiel in Neukölln und endet mit einem Duell in Hohen Neuendorf. Die Spielorte wechseln, Beschimpfungen bleiben. Die elf Euro, die ein Schiedsrichter pro Einsatz vom Verband bekommt, entschädigen da kaum.

Verpflichtung für die Vereine


»Ich kann verstehen, wenn einer dazu keine Lust hat«, sagt Lothar Knaack. »Wer will sich in seiner Freizeit schon bepöbeln oder gar verprügeln lassen?«. Sein Sohn jedenfalls nicht.

Vor vier Jahren meldet sich Dominik Knaack zum Schiedsrichterlehrgang an. Der 15-Jährige spielt zu diesem Zeitpunkt als Verteidiger in der Jugend des BSC Rehberge. Als man ihn fragt, ob er Schiedsrichter werden will, willigt er trotz anfänglicher Skepsis ein. Der BVF verpflichtet seine Vereine, pro gemeldeter Mannschaft jeweils einen Schiedsrichter zu melden. Ausgenommen sind alle Teams unterhalb der C-Jugend. Im Regelfall bringt es ein durchschnittlicher Berliner Klub auf zwei Männerteams und jeweils eine Mannschaft in der A-, B- und C-Jugend. Macht fünf Schiedsrichter, die zu stellen sind. Erfüllt ein Verein das Kontingent nicht, wird eine Geldstrafe fällig – pro fehlendem Schiedsrichter 100 Euro.

Lange Liste der Ausreden

Gerade kleinere Klubs setzt diese Regelung unter Druck. Weil sich nur selten Leute für die Aussicht, Schiedsrichter zu werden, begeistern lassen, schicken die Vereine oft Leute, die eigentlich keine Lust haben und nur teilnehmen, damit ihr Verein keine Strafe zahlen muss. Wenn der Verband diese Leute dann an den Wochenenden nach ihrer Verfügbarkeit fragt, lehnen sie meist ab. Arbeit, Familienangelegenheiten, Krankheit – die Liste der Ausreden ist lang. »Manchmal hört man im Hintergrund noch die Diskomusik laufen, wenn sie per Handy absagen«, sagt Bodo Brandt-Chollé.
In der vergangenen Saison pfiffen 151 Schiedsrichter weniger als sechs Spiele.

Auf Dominik Knaack trifft das nicht zu. Mit der Zeit findet er Spaß am Schiedsrichtersein. »Die Lehrgänge, der Zusammenhalt untereinander, das war toll«, sagt er. Wenn er einen Rat braucht, ist sein Vater für ihn da. Zuerst läuft es auf den Plätzen auch ganz gut, aber nach einiger Zeit ebbt die Begeisterung ab. Knaack wird des öfteren angepöbelt und beleidigt. »Da fragt man sich dann, warum man das eigentlich macht«, sagt er. »Man kann seine Freizeit auf jeden Fall angenehmer verbringen.«

Weil Dominik Knaack zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig ist, leitet er nur Spiele bei den Junioren. Es sind nicht die Kinder, die ihm zu schaffen machen, sondern die Eltern. Sie versuchen von außen Einfluss zu nehmen, kommentieren jede Entscheidung und tragen dazu bei, dass die Atmosphäre hitzig wird. Als die Freizeit mit Beginn seiner Ausbildung immer knapper wird, hört Dominik Knaack als Schiedsrichter auf.

Die Problem-Eltern

Nicht selten tragen die Eltern zu einer hitzigen Atmosphäre bei
»Die Eltern sind tatsächlich eine Gruppe, die den Schiedsrichtern das Leben oft erschweren«, sagt Bodo Brandt-Chollé. »Man glaubt gar nicht, wie sich Erwachsene in Gegenwart ihrer Kinder aufführen können.« In Berlin gibt es bisher nur wenige Vereine, die versuchen, die Schiedsrichter zu unterstützen. Beim 1. FC Schöneberg hatte man mal einen »Elternfanblock« geschaffen, wo alle Eltern zusammenstanden und ihre Kinder anfeuern konnten – wie richtige Fans eben.

Direkt ans Spielfeld durften sie aber nicht. Inzwischen ist das Projekt wieder eingestellt. Dabei sei so etwas sinnvoll, findet Dominik Knaack. Genau wie die Aktion am Wochenende. »Vielleicht beginnen einige dann wirklich, mal nachzudenken«, sagt er. »Ohne Schiedsrichter gibt es schließlich keinen Fußball.«

Wenn er seine Ausbildung beendet hat, will Dominik Knaack vielleicht wieder auf den Fußballplatz zurückkehren. Aber nur als Spieler.

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