Pro/Contra René Adler

Ist er der Richtige?

Kaum hat sich Bundestrainer Löw auf René Adler als Nummer 1 festgelegt, da patzt der Keeper im Spiel gegen Argentinien. Die Diskussion ist heiß: Ist er wirklich der Richtige? Hier streiten sich zwei Autoren über die T-Frage.  Pro/Contra René Adler Pro Adler!

Zwischen Trainer und Torwart existiert meist eine ganz besondere Beziehung. Es gibt wohl keinen Spieler, auf dessen Leistung das Vertrauen des Trainers so große Auswirkungen hat. Deshalb kann es nicht sein, dass der Leverkusener Rene Adler schon nach dem ersten Patzer als Nummer 1 im Tor der Deutschen Nationalmannschaft für die WM in Südafrika in Frage gestellt wird.

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Bei einem Wechsel würde Löw an Glaubwürdigkeit verlieren

Mit Sicherheit waren es Kleinigkeiten, die letztlich den Ausschlag für Adler und gegen den Schalker Keeper Manuel Neuer gegeben haben. Beide haben mit hervorragenden Leistungen in der Bundesliga gezeigt, dass sie würdige Vertreter in der Nationalmannschaft wären – laut Notenschnitt des Sportmagazins »Kicker« liegen sie fast gleichauf. Letztlich fiel die Wahl aber auf Rene Adler, und da kann ein konsequenter Bundestrainer nicht schon nach einem Spiel wieder alles über den Haufen werfen. Sonst würde er nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der Mannschaft an Glaubwürdigkeit verlieren.

Bundestrainer Jogi Löw hatte offenbar aus dem Chaos vor der WM 2006 gelernt, als der damalige Teamchef Jürgen Klinsmann lange Zeit den Zweikampf zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann schürte. Diese Unruhe wollte Löw mit Blick auf die WM in Südafrika vermeiden und schaffte deshalb frühzeitig klare Fronten.

Die Abwehr muss sich noch einspielen

Schließlich gehören beide Kontrahenten noch zu den Jungspunden in der Nationalmannschaft. Adler trug gegen Argentinien erst zum neunten Mal das Trikot mit dem Bundesadler. Bei Manuel Neuer sind es sogar erst zwei Einsätze. Da Löw auch noch auf der Suche nach seiner perfekten Viererkette für das erste WM-Spiel gegen Australien ist, will er seiner Abwehr einen festen Rückhalt bieten, mit dem sie sich einspielen kann. Dass da noch viel Luft nach oben ist, zeigt die mangelnde Absprache zwischen Adler und Per Mertesacker beim Gegentor gegen Argentinien. Auch einige ungenaue Rückpässe der Abwehrspieler sorgten für Unruhe im eigenen Strafraum.  

 Für Manuel Neuer ist die Situation sicherlich bitter – erst verliert er knapp den Kampf um die Nummer 1, dann liefert sein Konkurrent auch noch direkt im ersten Spiel Argumente, dass der Schalker vielleicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Doch Neuer wird jetzt bestimmt nicht die Diskussion wieder hochkochen lassen und stattdessen beständig gute Leistungen sprechen lassen. Denn bis zur WM gibt es noch zahlreiche Bundesliga-Spiele. Und falls Adler auch dort mehrfach patzen sollte, könnten Neuers Aktien bei Bundestrainer Löw wieder steigen. Dass sich beide Kontrahenten im Titelkampf gegenüber stehen, könnte in der Schlussphase der Bundesliga-Saison Aufschlüsse über die Leistungsfähigkeit unter Druck geben.

Interessant zu beobachten wird in den nächsten Wochen die Reaktion des Bremer Torhüters Tim Wiese. Der zeigte sich nicht gerade erfreut über die Wahl Adlers als Stammtorwart. Ob er die Nummer 2 oder die Nummer 3 ist, hat Bundestorwarttrainer Andi Köpke bisher offen gelassen. Jedenfalls haben die bisherigen Bundestrainer stets großen Wert darauf gelegt, dass der dritte Torwart sich stillschweigend in sein Schicksal fügt – ob Wiese das kann, wird sich noch zeigen.

Deshalb darf Rene Adler seinen Kritikern in naher Zukunft keinen neuen Zündstoff liefern. Dann würde gerade bei einem so jungen Torhüter nicht nur das Selbstbewusstsein schwinden, auch das Vertrauensverhältnis zu Löw würde Schaden nehmen. So könnte der Bundestrainer schon vor dem ersten WM-Spiel ins Kreuzfeuer der Kritiker geraten. Und der Ruf nach Neuer würde dann berechtigterweise noch lauter…

Contra Adler 

Bundestrainer Joachim Löw hätte niemals schon vor dem ersten Länderspiel im WM-Jahr entscheiden dürfen, wer die „Nummer 1“ im deutschen Tor ist. Rene Adler zum Stammtorwart zu ernennen, ist verfrüht, voreilig und falsch. Denn das immer angeführte Argument, Adler hätte ja in beiden WM-Quali-Spielen gegen Russland den Sieg festgehalten, stimmt zwar ohne Zweifel. Aber wenn es um eine Weltmeisterschaft geht, ist eine Belohnung für Verdienste aus dem Jahr 2009 fahrlässig. Talentiert sind sowohl Adler als auch Manuel Neuer vom FC Schalke 04. Aber dass der Leverkusener Adler der bessere und konstantere Torwart ist, stimmt nicht. Am Mittwoch im Test gegen Argentinien zeigte Adler beim Gegentor zum 0:1 zum ersten Mal Nerven. Und nicht zum letzten Mal.

Neuer ist »unverkäuflich«
 

Denn Manuel Neuer (23) ist nicht nur der Torwart, über den Bayern München und Manchester United wesentlich lauter diskutiert haben als über Rene Adler (25), sondern auch die internationale Erfahrung und die Statistik spricht für den „ewigen Schalker“, den S04-Trainer Felix Magath als »unverkäuflich« bezeichnet.  
 
Adler kann lediglich auf eine Uefa-Cup-Saison mit Bayer Leverkusen zurückblicken. In der aktuellen Saison spielt Schalke zwar nicht international – Bayer aber auch nicht. In diversen Jugend-Nationalmannschaften bestritt Adler 20 Spiele, aber ohne nennenswerte Erfolge. Ganz anders Neuer. In der Champions-League-Saison 2007/2008 führte er die Königsblauen fast im Alleingang ins Viertelfinale - seine Paraden im Achtelfinal-Rückspiel beim FC Porto wird kein Schalker vergessen. Bei der U21-Europameisterschaft 2009 in Schweden gewann die deutsche Mannschaft auch, weil Neuer ein kahnartiger Rückhalt für die DFB-Auswahl war. In den Jugend-Nationalteams bestritt er nicht 20, sondern 36 Spiele. Neuer hat außerdem mehr Bundesligaspiele absolviert als sein Rivale (112:97). 2008 zählte Manuel Neuer bei der Wahl „Europas bester Torwart“ als einziger Deutscher zu den Nominierten - und 2009 stand er im Aufgebot der »Uefa-Elf des Jahres«. Ebenfalls als einziger deutscher Schlussmann. Rene Adler taucht in keiner Liste auf.

Schalke hat die beste Abwehr der Liga


Auch in den Bestenlisten der laufenden Saison liegt Manuel Neuer vorn. Herbstmeister Leverkusen mit Rene Adler musste sich bisher über 20 Gegentore ärgern. Die beste Abwehr der Liga hat der FC Schalke 04 mit Manuel Neuer (bisher 18 Gegentore). In der Tabelle der »effektivsten Torhüter der Hinrunde« lag Neuer mit 79,37 Prozent gehaltenen Schüssen deutlich vor Adler (73,52 Prozent).

Bleiben zum Schluss noch die klassischen wichtigsten Fähigkeiten der Torhüter. Reflexe auf der Torlinie? Kein Unterschied. Herauslaufen? Kein Unterschied. Fußballerische Fähigkeiten? Leichte Vorteile für Manuel Neuer. Dirigieren der Abwehr? Leichte Vorteile für Manuel Neuer. Und auch auf der subjektiven Kahn-Lehmann-Skala für »extravagantes« Auftreten auf dem Platz liegt Manuel Neuer vorn - mit dem Unterschied, dass er sich während des Spiels in den entscheidenden Momenten beherrschen kann. Fünf Gelbe Karten in 112 Bundesligaspielen sind nicht viel. Lehmann (5) und Kahn (3) sind hingegen oft sogar vom Platz geflogen. Bei den Auftritten außerhalb des Rasens ist Adler aalglatt und versucht nur, möglichst nicht unangenehm aufzufallen. Neuer hingegen ist ein Klartext-Torwart - und nicht umsonst schon stellvertretender Kapitän und Führungsspieler der Schalker. In Leverkusen haben Manuel Friedrich, Sami Hyypiä und Stefan Kießling das Sagen. Erst dann kommt mit Abstand René Adler.

Jogi Löw und Torwarttrainer Andi Köpke sollten die kommenden Wochen in der Bundesliga abwarten und dann noch einmal über ihre Entscheidung nachdenken. Noch ist es nicht zu spät.

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