03.07.2012

Pro und Contra zur EM

Und was bleibt aus deutscher Sicht?

Einerseits ist die Nationalelf bei der EM zu früh ausgeschieden. Andererseits hat sie schöne Spiele gezeigt. Was bleibt aus deutscher Sicht von diesem Turnier - ein gutes oder schlechtes Gefühl?

Text:
Lars Spannagel und Ron Ulrich
Bild:
Imago

Schlechtes Gefühl: Lieber rumpelig gewinnen als schön verlieren, findet Lars Spannagel

Die größte Hoffnung am Donnerstagabend machte mir Sami Khedira. Während die meisten deutschen Spieler auf dem Rasen zusammenbrachen, stürmte Khedira nach dem 1:2 gegen Italien wutentbrannt in die Kabine. Aus seinen stampfenden Schritten sprach mehr als Enttäuschung – der Mittelfeldspieler hat bei José Mourinho in Madrid eben gelernt, dass nur Siege und Titel zählen. Ich gebe hiermit zu: So denke ich auch. Dieser Text soll kein Beitrag zur »Männer oder Memmen«-Diskussion oder der »Wir brauchen Eier«-Debatte sein, die gerade im deutschen Boulevard angezettelt werden.

Ich bin auch keineswegs der Meinung, Joachim Löw sei ein schlechter Trainer und müsse zurücktreten: Im Gegenteil, ich kann mir keinen besseren Chef für die deutsche Mannschaft vorstellen. Vielmehr geht es mir um das Gefühl, das die deutsche Mannschaft wieder einmal bei mir hinterlässt. Der Geschmack dieser EM war süß beim ersten, zweiten und dritten Bissen und ist unendlich bitter im Abgang, wie schon bei den vergangenen Turnieren. Und das, liebe Freunde des schönen Spiels, ist nun einmal das, was hängen bleibt.

Natürlich bin auch ich entzückt, wenn Mesut Özil den Ball streichelt oder Hummels unter großem Druck noch elegant den freien Mann findet. Niemand will Holzfüße und Rumpelköpfe sehen, wenn er Zauberkünstler und Artisten haben kann. Für einen Titel würde ich aber auch in Kauf nehmen, dass Fredi Bobic in der 78. Minute einen verunglückten Schuss von Steffen Freund mit dem Steiß ins Tor abfälscht und Jens Nowotny danach bis zum Abpfiff jeden Ball unter das Tribünendach jagt. Solange es sportlich fair bleibt, sind mir alle noch so plumpen fußballerischen Mittel recht. Ich hätte mich auch nicht geschämt, wenn Oliver Kahn 2002 im Finale von Yokohama erneut alles gehalten hätte und Deutschland mit dem vierten 1:0-Sieg in Folge Weltmeister geworden wäre.

Mittlerweile scheint es in Deutschland eine grundlegende Unterscheidung in schönen und hässlichen, falschen und richtigen, guten und schlechten Fußball zu geben, zumindest wenn es um die Nationalmannschaft geht. Kein Schalke-, Werder- oder Hertha-Fan würde sich für eine ermauerte Meisterschaft genieren, die Nationalelf aber soll bitteschön über den Platz schweben. Ich halte das für Blödsinn. Zumal ohnehin klar ist, dass es Turniersiege ohne technische und taktische Klasse im modernen Fußball nicht mehr geben wird. Wer wird sich in ein paar Jahren an ein 4:2 gegen Griechenland erinnern? Wissen Sie vielleicht noch, wer vor zwei Jahren die vier Tore im Viertelfinale gegen Argentinien geschossen hat? Sind die Deutschen in der Welt jetzt beliebter, weil unser Spiel an guten Tagen so schön vertikal ist? Was nützt der Titel in Gedanken?

Ich will, dass die deutsche Nationalmannschaft endlich wieder ein großes Turnier gewinnt – nichts weniger darf auch der Anspruch einer Mannschaft sein, die derart talentiert ist. Natürlich wäre es mir am liebsten, wenn sich die Deutschen beim nächsten Turnier zum Weltmeistertitel tanzen, ich würde aber auch einen erstolperten vierten Stern auf dem Trikot mit Freuden annehmen. Zumindest für mein Fan-Herz gilt: The winner takes it all.

Gutes Gefühl: Titel sind nicht alles, findet Ron Ulrich

 
 
 
 
 
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