Pro & Contra: Zur Sperre von Jermaine Jones

Denn er wusste (nicht), was er trat

Im Pokal-Achtefinale trat Jermaine Jones Gladbachs Marco Reus vorsätzlich auf dessen verletzten Fuß. Nun wurde der Schalker vom DFB-Sportgericht für acht Wochen gesperrt. Total überzogen, findet das Alex Raack. Absolut in Ordnung, meint Andreas Bock. Pro & Contra: Zur Sperre von Jermaine Jonesimago

PRO
(Text: Andreas Bock)

Jermaine Jones hat sich über all die Jahre mächtig ins Zeug gelegt. Seine Geschichte sollte brüchig und doch stilvoll sein, sie sollte aussehen wie die von Jimmy Smith im Film »8 Mile« oder sich lesen wie eine Textzeile von Eazy E. Jermaine Jones: Straight outta Frankfurt. Gerne präsentiert er für diese Story seine Tätowierungen und führte Interviews oberkörperfrei. Dabei berichtet er von seinem alten Leben auf dem harten Pflaster. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er: »Aufgewachsen in Bonames, einem Arbeiterviertel in Frankfurt, lernte Jermaine Jones schon sehr früh, sich durchzukämpfen.« Manchmal sagt er auch Sätze wie diesen: »Die anderen hatten viel Geld und Gameboys – wir hatten nur den Fußball.« Vom Bordstein zur Skyline.

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Diese Art der Selbstinszenierung kann man lächerlich, befremdlich, total peinlich oder wie auch immer finden. Doch eigentlich ist dagegen nichts einzuwenden. Schließlich tut jeder Profi gut daran, sein Image selbst zu formen, anstatt sich von den Medien eins aufdrücken zu lassen, das man dann für den Rest seiner Karriere mit sich herumschleppt. Jermaine wollte Bad Boy sein, er wurde Bad Boy. Ohne jede ironische Brechung.

Doch Jermaine Jones hat bis heute nicht verstanden, dass sich dieses Bad-Boy-Ding nur in einem bestimmten Maße auf den Fußballplatz übertragen lässt. Der Rasen riecht eben nach Rasen, und nicht, so sehr sich Jones das auch wünscht, nach Frankfurter Asphalt. Ein paar Schlaglichter: 2003 trifft die Eintracht im DFB-Pokal auf Kickers Offenbach. Jermaine Jones feiert seinen Siegtreffer im Elfmeterschießen mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Gut, das haben andere auch gemacht. Dennoch schwingt bei Jones etwas Groteskes mit: Im Moment des Erfolges posiert der Sieger hier mit einer Anti-Geste.

»Wenn ich Van Bommel schlagen will, dann schlage ich ihn«

Weiter geht es 2005. Jones tritt dem am Boden liegenden Bayern-Spieler Valerien Ismael bewusst mit den Stollen auf dessen linken Arm. Die TV-Bilder lassen einen Vosatz erkennen, Jones leugnet ihn. Friedhelm Funkel stellt sich schützend vor den Spieler. Anstrengend. Dann, 2009, schlägt Jones im Lauf seinem Gegenspieler Mark van Bommel mit der Faust ins Gesicht. Jones lächelt die Aktion wieder weg. Er sagt: »Wenn ich den Van Bommel schlagen will, dann schlage ich ihn.«

Manchmal heißt es, dass jede Mannschaft Typen braucht, die Zeichen setzen. Die dem eigenen und dem gegnerischen Team in den Arsch treten, die brennen. Spieler mit Schienbeinen aus Stahl. Ehrliche Arbeiter, die sich für andere aufopfern. Heute: Die große Suche nach den echten Typen, wie es sie früher gab. Fans nennen sie Kanten. Oder Kampfschweine. Jermaine Jones nennen sie auch manchmal so. Doch er ist all das nicht. Er spielt das nur.

Nun wurde er vom DFB-Sportgericht für seine Tätlichkeit im Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach acht Wochen gesperrt, er verpasst sechs Bundesligaspiele. Eine harte Strafe, aber gerechtfertigt. Man muss die Sache nicht mal hysterisch überhöhen oder voller Empörung vom »Übel-Treter« (»Bild«) oder davon, dass ein Fußballprofi ja auch soziale Verantwortung habe et cetera. Ein Rückblick auf den 21. Dezember 2011 genügt. Reus schnappt sich in diesem Pokal-Achtelfinale zwischen Schalke und Gladbach den Ball und will einen Freistoß ausführen. Jones stiert auf den Ball in der Hand von Reus, Frust, Wut, Schalke spielt schlecht, Reus fantastisch. Jones stiert weiter, stiert, stiert. Nun hat er den Fuß von Reus im Fokus, doch überall stehen Spieler herum. Es ist kein Durchkommen. Also umkurvt der Schalker den Pulk, den Blick weiterhin auf das Gliedmaß der Begierde. Dann steht er vor Reus, er überlegt kurz, welcher der lädierte Fuß ist, dann tritt er auf den linken Fuß. Hier geschieht nichts im Affekt, nichts im Spiel. Seine Handlung legt sogar die Vermutung nahe, dass er bereits vor jener Szene den Plan hatte, mit einem gezielten Tritt, Marco Reus zu schaden. In der 92. Minute sieht Jones die Gelb-Rote Karte.

»PRO JONES !!!! Scheiss auf die Pussy de Camargo und Reus.«

Nach dem Spiel die Expertenbefragung. Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl packen den Tritt in die Schublade Humor. Man hat ja sonst schon zu viel zu meckern. Reus hält sich zurück. Er sagt: »Ich weiß auch nicht, warum er das gemacht hat. Das gehört sich nicht.« Jones, der wieder einmal scheinbar vergessen hat, dass Fußballspiele im Fernsehen übertragen werden, entschuldigt sich wenig später. Via Twitter verkündet er: »Ich habe mit Marco Reuss telefoniert und das Ding aus der Welt geschafft! Ich habe ein Fehler gemacht, den ich auch sehr bedauere.« Sicher, die Entschuldigung ehrt ihn, zumindest dann, wenn sie nicht vom Verein oder Berater angestoßen war. Die Sache an sich macht es nicht besser.

Immerhin hat Jermaine Jones bei Youtube weiterhin seine treue Fangemeinde. User TheEDU1904 schreibt unter einem Video etwa: »PRO JONES !!!! Scheiss auf die Pussy de Camargo und Reus.« Jermaine Jones hat sich in all den Jahren für solche Fans mächtig ins Zeug gelegt. Heute hat er außerdem sehr viel Geld und vielleicht auch sehr viele Gameboys. Alleine, den Fußball haben nun andere. Die Pussys zum Beispiel.

CONTRA
(Text: Alex Raack)

Gut, dass der DFB Jermaine Jones für seinen Tritt auf den (gebrochenen) Zeh von Marco Reus bestraft hat. Gut, dass anschließend Verantwortliche, Spieler und Journalisten diese Aktion verteufelten. Gut, dass sich Jermaine Jones schließlich öffentlich (via Twitter) und persönlich (per Telefon) bei Marco Reus entschuldigt hat. Aber die Höhe der Strafe, die Intensität der Reaktionen und die fehlenden Akzeptanz der Joneschen Entschuldigung sind einfach nicht gerechtfertigt.

Mehmet Scholl sagt: »Das gehört eben zum Fußball.«

Nun soll hier erst gar nicht der Vergleich mit vergangenen Jahrzehnten gewagt werden, in denen solche Aktionen zum Standardrepertoire eines jeden Bundesligaspielers gehörten. Wohl wissend, dass keine Kamera die unerlaubten Tritte, Faustschläge oder Spuckattacken filmen würde, trat, schlug und spuckte es bis in die neunziger Jahre hinein an jedem Bundesligaspieltag. Mehmet Scholl hat diese Zeiten noch selbst erlebt. Meist war er derjenige, dem die Gegenspieler auf die Zehen stiegen. Heute arbeitet Scholl für die ARD und als die Slowmotion-Bilder von Jones' Tritt gezeigt wurden, hat Scholl gesagt: »Das gehört eben zum Fußball.« Jermaine Jones kommt aus einer anderen Zeit. Er weiß ganz genau, wie viele Kameras am Seitenrand, auf der Tribüne und im Zuschauerbereich verkabelt sind. Man sollte ihm seinen Tritt zum Vorwurf machen, noch viel mehr allerdings die Dummheit, dieses Foul in einem Fußballspiel im Jahr 2011 begangen zu haben.

Denn, bleiben wir doch mal auf dem Teppich, der Zehen-Tritt war gemein, vielleicht auch hinterhältig. Aber harmloser als jede Grätsche von hinten, jeder Rempler im Vollsprint, jeder ausgefahrene Ellenbogen im Kopfballduell. Jones hat eine Strafe verdient, aber acht Wochen sind völlig unverhältnismäßig. Wenn man Jones schon dafür bestraft, dass er wiederholt aufgefallen ist, dass er als öffentliche Person eine Vorbildsfunktion auszufüllen hat, dann sollte man auch berücksichtigen, dass es sein Job ist, als defensiver Mittelfeldspieler beizeiten Angst und Schrecken zu verbreiten. Dass er mehr grätscht als andere, häufiger in Zweikämpfe geht und dafür zu sorgen hat, den gegnerischen Kreativkräften den Wind aus den Segeln zu nehmen. Mit allen vorhandenen Mitteln. Im Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach ist er über das Ziel hinausgeschossen. Dafür hat man ihn an den Pranger gestellt, bestraft und ihn quasi öffentlich gezwungen, sich zu entschuldigen.

Eine erstaunliche Reaktion auf einen so kleinen Tritt.

Schön und gut. Aber acht Wochen Pause und entrüstete Kommentare der deutschen Sportpresse in denen erstaunlich häufig die Worte »widerwärtig«, »verabscheuungswürdig« und »eklig« vorkommen sind doch eine erstaunliche Reaktion auf einen so kleinen Tritt.

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