04.04.2012

Polizei will Auswärtstickets für St.Pauli-Hansa verbieten

Geschlossene Gesellschaft

Also doch: Die Untersagungsverfügung der Hamburger Polizei für das Spiel FC St. Pauli gegen Hansa Rostock ist durch. Andreas Bock hat sich bereits vor einem Monat gefragt: Was, wenn dieses Urteil Schule machen sollte? 

Text:
Andreas Bock
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Imago

Es ist zwei Jahre her, als die Türen schon einmal geschlossen waren. Damals, am 28. März 2010, versperrten Mitglieder von »Ultra Sankt Pauli« (USP) die Aufgänge zur Südtribüne des Millerntor-Stadions, die Zuschauer sollten erst fünf Minuten nach Anpfiff ihre Plätze einnehmen. Die Gruppe demonstrierte damit gegen den Beschluss der Polizei, der DFL und des Klubs selbst, nur 500 Karten an Fans von Hansa Rostock vergeben zu haben. Die Anhänger des FC St. Pauli machten sich also stark für den ungeliebten Rivalen von der Ostsee. Was zunächst ein wenig paradox anmutete, zeigte in Wahrheit, wie tief der Graben zwischen den verschiedenen Institutionen und der Fanbasis mittlerweile war.

Dieses Mal geht es nicht um ein paar hundert Fans aus Rostock, es geht um alle. Die Hamburger Polizei schickte unter der Woche eine Untersagungsverfügung an den FC St. Pauli. Laut dieser darf der Verein für das Spiel gegen Hansa Rostock am 22. April keine Karten an Auswärtsfans abgeben. Im behördlichen Idealfall wird die Partie also ohne einen einzigen Rostock-Fan stattfinden. Die Polizei agiert hier auf eigene Faust. Eine vergleichbare Maßnahme gab es im deutschen Fußball noch nie.

Der Geist, den der Verein damals rief?

Der FC St. Pauli reagierte am Donnerstagnachmittag prompt in einer Stellungnahme: »Das Präsidium hat sich entschlossen, die Untersagungsverfügung der Polizei beim Verwaltungsgericht prüfen zu lassen.« Das Fanzine Übersteiger schreibt auf seiner Homepage: »Böse formuliert, ist die jetzige ›Untersagungsverfügung‹ also nur der Geist, den der Verein damals (im März 2010, d. Red.) durch seine Anfrage bei der Polizei selber rief.«

Die Brisanz des Spiels ist sicherlich nicht wegzudiskutieren. Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen beider Vereine gab es in der Vergangenheit reichlich. Alleine nach dem Hinspiel im Ostseestadion sollen über 30 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sein, weil Hansa-Fans die Busse der Gästefans und einen Polizeiwagen mit Steinen bewarfen. Dennoch muss man fragen: Ist diese Untersagung überhaupt rechtens? Und: Sind die Folgen dieser radikalen Türsteher-Politik nicht viel verheerender, als eine Partie FC St. Pauli gegen Hansa Rostock im bisherigen Rahmen stattfinden zu lassen?

»Hansa-Fans ließen sich nicht mehr steuern«

Holger Vehren, Sprecher der Polizei Hamburg, verteidigt die Verfügung mit dem Hinweis auf mögliche Ausschreitungen. Zum einen finde parallel zum Spiel der Hamburger Dom statt, ein großes Volksfest in unmittelbarer Umgebung des Stadion. Andererseits scheine es, so Vehren, »dass Hansa-Fans sich in der jüngeren Vergangenheit nicht immer richtig steuern ließen, wie Ausschreitungen nach der DFB-Sperre belegen. Gerade die Spiele in Hamburg waren außerordentlich brisant«. 

Zudem hätten Rostocker Anhänger besonders in der laufenden Saison schon vermehrt für Ärger gesorgt. So gab es bereits zwei Auswärtsgeisterspiele bei Erzgebirge Aue und Fortuna Düsseldorf. Trotzdem kam es in späteren Begegnungen wiederholt zu tätlichen Angriffen auf Polizei, andere Fans und Unbeteiligte. »Beim Spiel St. Pauli gegen Rostock kann man aufgrund des als ideologischen feindschaftlichen Verhaltens der Fans von der Spitze der Pyramide ausgehen«, sagt Vehren. Von besonderen und bereits jetzt geplanten Aktionen wisse man allerdings nichts. Indes, die Polizei vermutet, dass die Fans aus Rostock alle Kräfte mobilisieren, um in einer großen Gruppe nach Hamburg zu kommen. Warum man das mit dem DFB oder DFL abstimmen sollte? Der Verband sei doch interessiert daran, dass die Partie stattfinde.

Rechtsanwalt Tobias Nikolas Westkamp (Arbeitsgemeinschaft Fananwälte) nennt die Verfügung der Polizei ein »gefahrenabwehrrechtliches Instrument«. Das heißt so viel wie: Präventivmaßnahme. Die Polizei müsse demnach eine solche Verfügung weder mit den betreffenden Vereinen noch mit der DFL oder dem DFB abstimmen, sie kann diese in einer nach ihrer Ansicht außergewöhnlichen Situation durch das Ordnungsamt an den Ausrichter zustellen. 

Ein »verlockendes Instrument der Polizei«

Sollte diese Verfügung nun durch alle gerichtlichen Instanzen gehen, hätte das den Charakter eines Präzedenzfalls. Westkamp spricht in dem Zusammenhang von einem »Dammbruch«: »Ich will nicht schwarz malen, aber sollte diese Verfügung tatsächlich wider Erwarten von den Gerichten für rechtmäßig erklärt werden, könnte sie ein verlockendes Instrument der Polizei werden.« Verlockend bei etlichen Klassikern mit einer gewissen Brisanz, bei Spielen wie Werder-Hamburg, Schalke-Dortmund oder Kaiserslautern-Frankfurt – und nach dem Angriff von Kölner Hooligans auf einen vollbesetzten Fanbus von Borussia Mönchengladbach am vergangenen Wochenende bei der Begegnung beider Teams am 15. April 2012. Jedenfalls aus Polizeiperspektive.

Was also heißt das für die Zukunft? Rheinische Derbys ohne Auswärtsfans? Fußball ohne Auswärtsfans? Eine geschlossene Gesellschaft? Auch Westkamp befürchtet im schlimmsten Fall eine einzelne Prüfung jedes Spieles und »bei zahlreichen Partien zwischen traditionellen Rivalen eine Untersagung, Tickets an Gästeanhänger zu verkaufen.« Gespenstische Aussichten.

Führt dieses Vorgehen zu einer Entspannung? 

Auch wenn das Vorgehen der Polizei zulässig ist, sieht es nicht nur nach Sippenhaft aus, sondern stößt vor allem die Tatsache auf, dass diese Untersagunsverfügung in Eigenregie – vorbei an Verbänden, Vereinen, Anhängern und Fanprojekten – durchgesetzt werden soll. Dass die Fronten zwischen Polizei und Fans verhärtet sind, ist nichts Neues. Allein, führt dieses Vorgehen zu einer Entspannung? Zu einer Deeskalation? Man möchte wieder einwerfen, dass die Parteien miteinander hätten sprechen können. Zum Beispiel auf dem Fankongress, der vor einigen Wochen in Berlin stattfand. Doch dort sagte die Polizei ihr Erscheinen kurzerhand ab. Erst nach dem Kongress wurde bekannt, dass einige Polizisten erschienen waren. Unerkannt, als Zivilbeamte. 

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