Polens Überraschungsteam Jagiellonia Bialystok

Unter Kühen

Lange Zeit haben die großen Vereine aus Warschau oder Krakau die polnische Liga bestimmt. Seit dieser Saison macht sich Bialystok auf, die Vorherrschaft zu durchbrechen. Dafür trainieren die Spieler inmitten von Kuhweiden. Polens Überraschungsteam Jagiellonia BialystokImago Die Vergangenheit wird in Bialystok Stück für Stück abgebaut. Die Baukräne an der Lehmkuhle, wo einmal das neue Stadion stehen soll, werden bald auch die alten Betontribünen in Brocken von der Wiese heben. Das neue Stadion soll 22.500 Zuschauern Platz bieten, komplett überdacht sein und Ende 2012 fertig sein. Es herrscht Aufbruchstimmung bei Jagiellonia Bialystok, genau wie in der ganzen Stadt. Seit dem vierten Spieltag führt die Mannschaft von Trainer Michal Probierz die Ekstraklasa, Polens höchste Spielklasse, an.

[ad]

Der Verein in der ostpolnischen Stadt Bialystok, Hauptstadt der Wojewodschaft Podlasie, nur 50 Kilometer entfernt von der weißrussischen Grenze, spielt in dieser Saison eine große Rolle beim Kampf um die polnische Meisterschaft. Die großen Nachbarn aus Warschau und Krakau haben, seit die goldenen Zeiten des polnischen Fußballs in den siebziger Jahren mit Gornik Zabrze vorbei sind, Meisterschaft und Pokal in den letzten Jahren meist unter sich ausgemacht. Lech Posen ist europäisch zum Aushängeschild des polnischen Vereinsfußballs geworden. Alles größere Städte, alles Regionen, die im Wirtschaftsrennen nach der Wende schon viel früher gestartet sind.

Feiern wie die Großen

Die Stadt Bialystok dagegen ähnelt auch 21 Jahre nach Solidarnosc und Wende einer Stadt zwischen kommunistischer Vergangenheit und Konsumorientierung Richtung Westen. Eine Stadt auf dem Sprung, mit einer Fußballmannschaft, die in der vergangenen Saison seinen ersten Titel der Vereinsgeschichte gewonnen hat und ihn gefeiert hat wie den Gewinn der Champions League. Polnischer Pokalsieger und Supercupgewinner. Grund genug für die Mannschaft, im offenen Doppeldeckerbus durch die Stadt zu fahren und sich von den Fans bejubeln zu lassen. Spätestens seit man den polnischen Meister und Champions-Leaguevertreter geschlagen hat, sind die Bars in Bialystok wieder voll mit rot-gelben Schals und Trikot-beleibten Fanbäuchen.

Doch was nach Fankultur und Fußballbegeisterung nach westlichem Vorbild klingt, sieht in der Realität anders aus. Zwanzig Kilometer außerhalb von Bialystok, am Ende eines Feldweges im beschaulichen Dörfchen Pogorzalki, bereitet sich das Team auf die Punktspiele in der Liga vor. Umgeben von Wald und Weiden, auf denen Pferde und Kühe grasen, liegt hinter der Grundschule im Dorf ein Rasenplatz, der an Austragungsorte von Kreisligaspielen erinnert. Neben den rot-gelb gefärbten Tornetzen und den in die grellen Vereinsfarben getünchten Traktorschuppen vor dem Platz erinnert höchstens noch der Fuhrpark aus Audi, BMW und Volvo daran, dass hier polnische Spitzensportler trainieren.

17 Spieler des 26 Mann großen Kaders sind Polen. Kaum einer spielt länger als zwei Jahre bei Bialystok. Für Trainer Michal Probierz bedeutet dies, dass er sein Team ständig neu zusammenstellen muss. Zusammen mit seinen Co-Trainern setzt er auf die physische Stärke seiner Mannschaft. Auf dem tiefen, nassen Rasen lässt er seine Spieler über Hütchen springen, um Stangen rennen und Kopfbälle aufs Tor hämmern – klassisches Training, um Kraft und Schnelligkeit seines Teams zu verbessern. Mit 38 Jahren hat er den Ruf eines Fachmannes in der polnischen Liga. In Bialystok ist er der Trainer, der am längsten im Verein gearbeitet hat. Unter ihm hat noch der ehemalige deutsche Nationalspieler Marco Reich seinen Versuch gestartet, im polnischen Fußball neu durchzustarten. Beim Pokalsieg von Bialystok spielte er schon in Österreich beim Wolfsberger AC.

Rückkehr des Kätzchens

Die erfolgreiche Saison 2009/2010 hat Probierz auch Tomasz Frankowski zu verdanken. Mit ihm hat der Trainer noch mehr Tradition und Erfahrung in sein Team geholt. Geboren in Bialystok hatte Frankowski bereits von 1991 bis 1993 für seinen Heimatverein gespielt. Nach mehreren Stationen in ganz Europa und den USA ist »Kotek«, das Kätzchen, zurückgekehrt und soll der Mannschaft unter dem nur zwei Jahre älteren Trainer Probierz helfen, zu einem polnischen Spitzenverein zu werden. Mit zwei Treffern im ersten Spiel für Bialystok gegen Gdynia hat er gezeigt, dass er immer noch Tore schießen kann. »Ich bin zwar etwas älter geworden, auch weniger beweglich, aber der Instinkt ist noch da”, sagt der ehemalige Torschützenkönig. Noch vermisst er häufig die richtigen Pässe seiner Mitspieler, die ihn über Jahre hinweg gefährlich gemacht haben. »Dafür schieße ich bei Bialystok auch mal aus schwierigeren Positionen”, sagt er. Gereizt hat ihn neben der Rückkehr in seine Heimat »die sportliche Entwicklung bei Bialystok«.



Vergangene Saison noch musste der Verein mit einem Punktdefizit starten. In einer der zahlreichen Schmiergeldaffären in Polen hat sich auch Jagiellonia in der Saison 2004/2005 auffällig hervorgetan. Die Juristen des Disziplinarausschusses des polnischen Fußballverbandes PZPN haben dem Verein nachgewiesen, in mindestens fünf Begegnungen der Saison 2004/2005 Spiele manipuliert zu haben. Neun weitere Vereine der polnischen Liga waren in die Affäre verwickelt. »Wir haben für die Schulden gezahlt, die andere vor fünf Jahren verursacht haben,« hat Frankowski das Thema im Interview mit der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza abgetan. Statt eine Liga tiefer, nach dem angedrohten Zwangsabstieg, startete Bialystok mit zehn Minuspunkten in die Saison. Dennoch konnte die Mannschaft als Tabellenelfter den Abstieg am Ende der Saison verhindern und stand im Pokalfinale gegen Stettin.

Mannschaftssitzung auf Schulbänken

Der Sieg und der erste Titel haben den Trainer überzeugt, noch länger im Verein zu bleiben. »Hier ist es mir wert, hart zu arbeiten, weil ich eine reelle Chance sehe, sich mit guten Ergebnissen eines Tages sogar in Europa zu zeigen«, sagt Probierz. In der Qualifikation zur Europa League ist Jagiellonia Bialystok nur knapp an Aris Saloniki gescheitert. Dass es in der aktuellen Situation so gut läuft, ist für den Trainer ein Zeichen dafür, dass seine Mannschaft reifer geworden ist. »Wenn wir am Ende der Saison nur einen Punkt mehr als der Zweite in der Tabelle haben werden, dann reicht das, um die Meisterschaft zu gewinnen«, gibt er der Mannschaft vor.

Das Zentrum der Stadt Bialystok wurde mit EU-Geldern neu aufgebaut. Fünf Einkaufszentren haben Baufirmen und Investoren in den letzten vier Jahren aus dem Boden gestampft. Jetzt soll auch für den Fußballverein etwas abfallen. Mit dem neuen Stadion hofft der Verein auf mehr Zuschauereinnahmen. Doch bis es soweit ist, tragen die Spieler von Jagiellonia ihre Heimspiele weiter im »Stadion Miejski« aus und trainieren weiter neben der Grundschule in Pogorzalki. Hier, neben selbst gebastelten Sternen der Schulkinder im Fenster, sitzt die Mannschaft für Besprechungen zusammen, während die Betreuer die Vorhängschlösser vor die Metallverschläge hängen, in denen sich Leibchen, Stangen und Bälle stapeln. Über dem Nebeneingang zur Schule steht »Osrodek Szkoleniowy«, Schulungszentrum, geschrieben, daneben das rot-gelbe Jagiellonia-Logo.

»Die Budgets der polnischen Klubs sind klein im Vergleich mit europäischen mittelmäßigen Teams«, sagt Tomasz Frankowski. Transfers wie der von Robert Lewandowski zu Borussia Dortmund, sieht er als Seltenheit. »Auf dem Markt gibt es so viele kostenlose Spieler, die besser als wir sind. Unsere Jugendlichen stürmen Europa nicht wie andere Talente. Und für die älteren will keiner zahlen.« Natürlich wäre der Start in der Europa League eine große Hilfe für Bialystok gewesen. Neue Einnahmen, eine ganz neue Bühne für den Senkrechtstarter aus Ostpolen. Doch neben aller Enttäuschung bleibt beim Verein auch Erleichterung. Die strengen Auflagen der UEFA hätte die alte Betonschüssel bei den Heimspielen von Jagiellonia erst einmal bestehen müssen. Dabei hätte Jagiellonia die Vergangenheit schnell wieder eingeholt.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!