Pokalfinale: Erfahrungsbericht eines Bayern-Fans

Lasst uns gute Feinde sein!

Der FC Bayern erlebte im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund ein Debakel in bisher nicht bekannten Ausmaßen. Unser Autor Christoph Erbelding ist Bayern-Fan und stand in der Kurve, als der BVB sein Team zerlegte. Ein Erfahrungsbericht.

Als das Spiel schon entschieden war, flackerte sie noch einmal kurz auf, diese Selbstverständlichkeit, diese Gabe zum Besonderen. Dieser unbändige Glaube an den Status als stärkste Landeskraft. Als bayrische Fußball-CSU. Unbesiegbar. Unantastbar. Für gefühlt eine Nanosekunde.

Franck Ribery, diesem genialen französischen Fußballer, war es gelungen, die Abwehr von Borussia Dortmund mit einem fabelhaften Trick Schachmatt zu setzen. Er jagte die Kugel sogleich von der Strafraumgrenze unhaltbar in die linke untere Ecke, und das auch noch mit seinem schwächeren linken Fuß. Ein tolles Tor, das schönste an diesem Nachmittag. Für gewöhnlich sagt man Bayern-Fans nach, dass sie solche Aktionen benötigen, ja geradezu voraussetzen, um überhaupt erst in den Jubelmodus überzugehen. Es soll nicht mein Ziel sein, diese Mär hier zu entkräften. Riberys Schuss, der Einschlag im Kasten - in jedem Fall zeigte der Treffer bei mir Wirkung. Er riss mich vom Sitz, ich ballte meine Faust und stieß einen lauten Jubelschrei aus. Für gefühlt eine Nanosekunde.

»Bist Du überhaupt Bayern-Fan?«

Plötzlich blickte ich nach links und sah das Gegenteil. Einen Mitstreiter, zusammengekauert auf seinem Platz darbend, wo Sitzen in der Kurve doch eigentlich so verpönt ist wie Stehen auf der Haupttribüne. Hatte er den Treffer überhaupt mitbekommen, fragte ich mich. Sein Anblick hatte in jedem Fall gereicht, um mich wieder in die Realität zurückzuholen. 2:4 stand es in diesem Moment aus Bayern-Sicht, nicht 2:2 oder gar 2:0. Freude, Erleichterung, Hoffnung hatte das Tor nicht mehr auslösen können. Allenfalls für eine Nanosekunde. Der FC Bayern, das stand fest, würde die Partie verlieren, hoch verlieren, viel zu hoch für den Anspruch eines Münchners. Und den der eigenen Anhänger.

Wichtige Spiele gewinnt der FC Bayern. Und wenn er mal eins verliert, gewinnt er eben das nächste. Man hatte sich auf diese Regel stets verlassen können, erst in den vergangenen zwei Jahren waren starke Zweifel aufgekommen, die am Samstag in einer ernüchternden Gewissheit mündeten. Der FC Bayern ist hinter Borussia Dortmund nur noch die Nummer zwei in Deutschland. Gedankenspiele, der BVB könne nur Bundesliga, trampelten die Dortmunder am Samstagabend so massiv zusammen wie Elefanten es mit afrikanischen Steppen tun.

Ich gehöre dazu. Es war mein erstes Pokalfinale live im Stadion, zumindest das erste richtige, denn den 3:2-Erfolg im Ligapokalendspiel im Jahr 2004 gegen Werder Bremen möchte ich nicht als Vergleich heranziehen. Ich komme nicht aus München, noch nicht mal aus Bayern, ich habe nur wenige Möglichkeiten, Spiele des FC Bayern im Stadion zu sehen, und ja, ich habe mich deswegen schon öfters rechtfertigen müssen. »Bist Du überhaupt Bayern-Fan?« »Kann man überhaupt ein richtiger Bayern-Fan sein?« Die meisten Anhänger, die am Samstagabend im Stadion waren, haben schon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht. Eine 2:5-Niederlage in einem Pokalfinale – das war indes für alle neu.

Wenn Bayern Chelsea schlägt, lache ich darüber – aber...

Was übrig blieb, war ein letzter Schutzwall. Wir ersuchten die Dortmunder Stärke zu leugnen, mit »Europapokal, Europapokal«-Chants. Irgendwas muss man ja tun beim Stand von 1:4. Ich sang zunächst mit. Doch lange hielt ich es nicht durch. Meine Mannschaft war gerade dabei, sich eine Abreibung im wichtigsten Spiel auf nationaler Ebene abzuholen, die es so noch nicht gegeben hatte. Was noch anstand in der nahen Zukunft, interessierte mich in diesem Moment nicht. Meinen Nebenleuten ging es ähnlich. Vor denen, die beständig sangen, ziehe ich meinen Hut. Ihre Kurvenerfahrung, die ich nicht habe, half ihnen dabei. Wer mir das zum Vorwurf machen möchte – bitte.

Als Bayern-Anhänger kommt man nicht drum herum, sich mit solchen Gedankenspielen auseinanderzusetzen. Seit ich sechs Jahre jung bin, halte ich dem Verein die Treue, dass ein Kindergartenfreund ein Bayern-Poster in seinem Zimmer hatte, war meine Initialzündung. Damals wusste ich noch nicht, was eine Meisterschaft ist, kannte den DFB-Pokal nicht, und dass der FC Bayern in der Regel beides zu gewinnen hat, war mir ebenfalls fremd. Ich lernte es alles erst mit der Zeit kennen. Deshalb zählen auch für mich als Bayern-Fan gewissermaßen nur Titel.

Ich weiß nicht, inwiefern sich unter Dortmund-Fans ein solches Reflektieren schon etabliert hat. Nach den Leistungen der vergangenen beiden Jahren wäre es gleichermaßen der logische und nächste Schritt.

Ich wünschte, mir wäre es gelungen, die Enttäuschung einfach nieder zu trällern. Doch gleichzeitig bin ich mir sicher, dass dahinter weniger Überzeugung, sondern Trauerbewältigung gestanden hätte. Fünf Niederlagen in Folge, zwei verpasste Meisterschaften, dieses 2:5 kann man nicht mehr leugnen.

Natürlich ist das Spiel gegen den FC Chelsea nächste Woche viel wichtiger. Ein Sieg am kommenden Samstag, und ich werde über die fünf Niederlagen gegen den BVB lachen und dabei wahrscheinlich mit anderen Bayern-Fans in den Armen liegen. Nichtsdestotrotz bleibt eine Frage: Darf man es sich so einfach machen? DFB-Pokal ist DFB-Pokal. Champions League ist Champions Leauge. Bayern ist die beste Mannschaft Europas, wenn es nächste Woche gewinnt. Bayern ist nicht besser als Dortmund, wenn es nächste Woche gewinnt. Dortmund ist schlechter als Bayern, wenn es in der kommenden Saison in Europa wieder so agiert wie in dieser Spielzeit. Puh, ist das alles kompliziert. Und die Liste kann noch ewig ergänzt werden. Dortmund hat Bayern als führende Kraft in Deutschland abgelöst. Bayern hat in den vergangenen zehn Jahren fünfmal das Double geholt. Dortmund bricht den Bundesliga-Punktrekord, Bayern zieht zweimal in drei Jahren ins Champions-League-Finale ein. To be continued.

Ein Zweikampf in allen Bereichen

Als Sebastian Kehl den Pokal in die Höhe reckte, waren nicht mehr alle Bayern-Fans im Stadion. Viele – ich behaupte: die Mehrzahl – hatten sich aber zum Bleiben entschieden. Wir applaudierten fair. Es überwog der Respekt. Christian Nerlinger sagte vor ein paar Wochen, er freue sich auf den Zweikampf in den nächsten Jahren. Das geht uns Fans nicht anders. Es macht mehr Spaß, einen Kontrahenten im Titelkampf zu distanzieren, es tut weh, geschlagen zu werden. Doch nur dann sind beide Perspektiven abgedeckt, das kann ein mit 15 Punkten Vorsprung eingefahrener Titel nicht bieten. Es scheint sich ein Miteinander der Gegenpole zu entwickeln zwischen BVB und FCB. Das geht bei aller Trauer über die letzten Niederlage als positive Erkenntnis durch. Wir Bayern sind bereit, diesen Zweikampf in allen Bereichen anzunehmen.

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