13.07.2014

Plötzlich mag jeder die deutsche Nationalmannschaft

Insel der Verliebten

Die Metapher von den deutschen Panzern ist Vergangenheit, heute klingt das »Oh, Germany« wie eine liebevolle Hymne. Unser Autor traf in Brasilien Deutschlandfans aus aller Welt - sogar aus England.

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imago

Paul war Engländer. Man erkannte das schnell. An seinem sehr britischen Englisch und an seinem sehr britischen Trinkverhalten. Paul trank Bier. Und in den Bierpausen trank Paul Caipirinha. Nach der vielleicht dritten Bierpause umarmte er mich und sagte: Es ist für uns so schwer geworden, euch zu hassen.

Mit uns meinte Paul, der Engländer, sich und die Engländer. Mit euch meinte er mich und die Deutschen. Pauls Ansprache war, wie es sich für Kneipenabende gehört, die langsam beginnen und dann in Völkerverständigung enden, die Umarmung des Globalen. Für ihn waren wir dort, an dieser Bar, gleich auch Botschafter unseres Landes. Klassische Cachaca-Diplomatie, auf deren Höhepunkt Paul, Investmentbanker aus London, irgendwann sagte: Ich liebe die Deutschen. Und mit den Deutschen meinte er nicht mehr mich, meinte er nicht mal mehr die Deutschen an sich. Sondern die deutsche Nationalmannschaft, die wenige Stunden zuvor die USA mit 1:0 geschlagen hatte.

Oh, Germany

Und ich brauchte eine Bierpause lang, um das wirken zu lassen, um zu begreifen, dass sich da vielleicht tatsächlich etwas verändert hat. In der Wahrnehmung des Deutschen, der Deutschen. Weil Paul nicht der erste war, nicht in dieser Bar und nicht mal an diesem Abend, dessen Blick sich verklärte, als er merkte, dass ich aus Deutschland kam.

Oh, Germany, sagten sie. Und es klang wie der Beginn einer Hymne, die gerade erst geschrieben wurde. Die deutsche Mannschaft, bei Weltmeisterschaften immer schon Favorit, immer auch Feindbild, war hier in Brasilien immer noch Favorit, zum Feindbild aber taugte sie nicht mehr. Das wusste ich im Grunde seit 2006, seit den Sommermärchentagen der WM in Deutschland. Und erst recht seit 2010, als die Mannschaft in Südafrika, neu, tänzelnd, den deutschen Rucksack, der so schwer wiegen kann, einfach abstreifte.

Das richtige Caipirinha-Stromausfall-Verhältnis

Selbst, am eigenen Leib, erfuhr ich es jedoch erst auf einer Insel im Atlantik. Wenige Seemeilen nur vor der brasilianischen Küste. Durch Paul, aber eben nicht nur. Eigentlich war ich auf diese Insel gekommen, um dem Fußball zu entfliehen. Nach einer Eröffnungswoche in Sao Paulo und einer weiteren in Rio de Janeiro, im Menschenstau der Copacabana, war ich müde geworden vom Vorüberziehen der Städte. Kurze Pause, zu den Achtelfinals wollte ich zurück sein. Doch auf der Insel wurde die Weltmeisterschaft, die Euphorie der Völker, oben nur Sonne, drumherum nur Ozean, wie unter einem Brennglas verdichtet. Und die Insel selbst zur Miniatur einer Welt, ein Babel auf wenigen, mit Regenwald bewachsenen, von Stränden umgebenen Quadratkilometern.

Weil alle dort waren. Engländer, Australier, Belgier. Dazu Chilenen, Franzosen und US-Amerikaner. Sie bevölkerten diese Insel, auf der es weder Autos gab noch einen Geldautomaten, und Internet nur an ständig wechselnden Strandabschnitten zu ständig wechselnden Tageszeiten.
Hin und wieder fiel der Strom aus, weshalb sich alle, die auch weiterhin WM schauen wollten, in einer Bar trafen, die das richtige Caipirinha-Stromausfall-Verhältnis bot. Das hieß, die Drinks hielten dort so lange wie das Bild. Und das war, bitteschön, mehr, als man erwarten konnte.

 
 
 
 
 
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