Plädoyer für mehr Konservatismus im Fußball

Aus Erfahrung gut

Viele olympische Sportarten haben sich in den vergangenen Jahren für technische Neuerungen und Regeländerungen geöffnet. Unser Autor Andreas Bock versteht sie seitdem nicht mehr – und hat einen weiteren Grund, nur noch Fußball zu gucken.

Auf Tischtennis war früher mal Verlass. Die Disziplin kam jahrelang so herrlich bieder daher, dass sie bei Olympischen Spielen unter all den anderen Ballsportarten wie eine Männerskatrunde wirkte. Keine Hypes, keine Trends, keine Innovationen. Die Regeln waren einfach zu begreifen – fünf Angaben, 21 Punkte –, das Publikum saß unaufgeregt auf den Rängen und an den Platten standen gewöhnliche Spieler, die ohne neonfarbige Trikots, tätowierte Unterarme oder die neuesten Kammfrisuren auskamen. Sie peitschten sich gegenseitig die Bälle um die Ohren und manchmal sagte man »Ui!« oder »Nicht schlecht!«. Das war's. Tischtennis musste sich nicht größer machen, als Tischtennis war. Ein gutes Gefühl.

Als hätte jemand einen Techno-Beat unter die Beatles gemischt

Doch auch das ist lange vorbei. Der Tischtennissport hat wie beinahe alle anderen olympischen Disziplinen neue Regeln. Sie gelten bereits seit 2001. Damals beschloss der Tischtennissport, »für die TV-Zuschauer attraktiver zu werden«. Die alte Geschichte. Der alte Funktionärssprech. Seitdem gehen die Sätze nicht mehr bis 21, sondern bis Elf. Es gibt einen Angabenwechsel nach zwei Punkten. Zudem sind die Bälle zwei Millimeter größer geworden. Nicht, dass das den Zuschauer überfordern würde. Es fühlt sich schlichtweg so an, als hätte jemand einen seltsamen Verzerrer in das Weiße Album der Beatles gemischt.

Bei anderen olympischen Disziplinen kam man nie umhin, die Regeln vor einem Turnier ein wenig aufzufrischen. Manchmal erschlossen sie sich im Spiel selbst. So zum Beispiel beim Tennis, wo es seit einiger Zeit das sogenannte Hawk-Eye gibt. Mit dieser Videotechnik kann der Spieler überprüfen, ob ein Ball im Feld oder außerhalb gelandet ist. Er darf sie dreimal pro Satz in Anspruch nehmen. Beim Volleyball funktioniert die Learning-by-watching-Methode teilweise. Schnell versteht man, dass Spieler den Ball nunmehr auch mit den Füßen spielen dürfen und Punkte nicht mehr nur von der aufschlagenden Mannschaft gemacht werden können selbiges gilt übrigens auch beim Badminton). Über die Position des Liberos beim Volleyball kann hingegen man ganze Sportwissenschaftsreferate halten.

Stichwort: Attraktivität. Stichwort: Zuschauer.

Bei anderen Sportarten indes sollte man das Regelheft vor jedem Turnier komplett durcharbeiten. Zum Beispiel beim Hockey, wo sich beinahe stündlich das Reglement ändert. Und nicht nur das: Auf nationaler und internationaler Ebene unterscheidet sich dieses auch noch. Es gibt Penalty-Schießen, es gibt Sieben-Meter-Schießen, es gibt den sogenannten Selfpass, wenn der Ball ins Aus gegangen ist. Was es noch alles gibt, möchte man nicht unbedingt wissen.
 
Gemessen an seiner Popularität und Größe war der Fußball jahrzehntelang außerordentlich resistent gegen den Innovationswahn. Einige Vorschläge – Golden Goal und Silver Goal – wurden zwar zwischen Tür und Angel verabschiedet, doch genauso schnell wieder verworfen. De facto haben sich in den vergangenen 50 Jahren nur drei Regeländerungen etabliert: Die Einführung der Roten Karte, die Einführung des Elfmeterschießens, die Einführung der Rückpassregel. Das Schöne am Fußball ist eine Einfachheit. Ja, die Geschwindigkeit ist heute eine andere als vor 50 Jahren, die Athletik und die Taktik auch. Das Spiel an sich ist allerdings wie eh und je. Niemand käme auf die Idee, die Zählweise oder eine Einwurfregel zu ändern. Oder?

Jahrelang wurde auch über den Videobeweis nachgedacht. Jahrelang sah es so aus, als würde der Fußball seinem Einzug erfolgreich die Stirn bieten können. Doch in diesem Jahr soll er endich eingeführt werden. Bei der Klub-WM in Japan wird als Torkamera jenes Hawk-Eye aus dem Tennissport eingesetzt. In der Bundesliga soll dieses frühestens zur Saison 2013/14 passieren.

Wird das Spiel sogar spontaner und schneller?
 
Nun jubeln die Befürworter. Denn gerade Olympia habe doch gezeigt, dass die Videotechnik in anderen Sportarten – neben Tennis auch Taekwondo – wunderbar funktioniert, und der Zuschauer durch die Neuerung nicht überfordert wird. Zudem würde das Spiel kaum an Spontaneität und Geschwindigkeit verlieren.

Doch abgesehen davon, dass der Fußball seinen puristischen Charakter verlöre, würde ein Triumphzug des Videobeweises Tür und Tor für weitere Neuerungen und Diskussionen öffnen. Schließlich hätten die innovativen Fifa-Strategen dann ein Exempel dafür, dass man Dinge ausprobieren sollte, bevor man sie verpönt. Das mag keine schlechte Herangehensweise sein, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die man »weise« nennen könnte. Doch bei der Fifa arbeiten vornehmlich solche, die sich als »visionär« inszenieren. Wir erinnern uns: Vor gar nicht so langer Zeit dachte man im Fußball über Auszeiten während des Spiels nach. Ein anderes Mal wurde über eine Hot-Pants-Pflicht im Frauenfußball oder über die Abschaffung von Unentschieden und Elfmeterschießen diskutiert. Schließlich sogar über größere Tore.

Ist das Ungetüm Hawk-Eye also der Anfang vom Ende? Müssen wir bald für internationale Spiele andere Regeln pauken, als für Partien in der Bundesliga? Werden wir bald mit zu großen Tischtennisbällen spielen? Wird Fußball sterben? 11FREUNDE glaubt: Nein. Und wenn doch: Es gibt Sportarten, die ihre Regeln nie ändern werden: Der 100-Meter-Lauf zum Beispiel. Macht auch Spaß.

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