Plädoyer für das Olympische Fußballturnier

Never mind the Euro!

Das größte Fußballturnier des Jahres findet nicht im Osten, sondern in London statt. Olympia! Fußball! Neymar! Plädoyer für einen sträflich unterschätzten Wettbewerb.

11FREUNDE
Heft: #
128

I. Team GB
Nachdem England vor der EM fast die Spieler ausgingen, tritt man bei Olympia lieber gleich als »Team GB« an. Der wahre Grund: Für das mächtige IOC gibt es nur Großbritannien! Spieler aus Schottland, Wales und Nordirland können also rekrutiert werden. Liverpool-Stürmer Robbie Fowler twitterte nach der Bekanntgabe des EM-Kaders: »Ah well, there’s always the Olympics squad ... I’ll keep soldiering on.« Historisch ist das gemeinsame Unternehmen bereits jetzt. Seit 1960 gab es keine gemeinsame Olympia-Teilnahme britischer Fußballer, weil man fürchtete, dass sie sich auf dem Platz gegenseitig niederstrecken würden. Queen Elizabeth II. erinnert sich höchst ungern an ihre frühen Jahre auf dem Thron. Sie regierte bereits, als es eine 3:5-Niederlage gegen Luxemburg setzte (1952 in Helsinki) und ein 1:6 gegen Bulgarien (1956 in Melbourne).

II. Uruguay
Seine Nationalteams zählen zu den aufregendsten dieser Tage. Das 3,5-Millionen-Land hat Deutschland in der Weltrangliste gerade auf den dritten Platz verdrängt. Das A-Team landete bei der WM in Südafrika auf dem vierten Platz und hat die Südamerika-Meisterschaft gewonnen, auf argentinischem Boden. Die Namen aus der Siegerelf, die für Olympia gesetzt sind, lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen: Suarez, Forlan, Cavani oder Lugano. Welche Bedeutung die beiden Olympischen Turniersiege aus den zwanziger Jahren für das Nationalteam haben, zeigt der Spitzname. Bis heute firmiert die Mannschaft unter »La Celeste Olímpica«. Wie bei den Brasilianern zeichnet der uruguayische Nationaltrainer auch für das O-Team verantwortlich: Oscar Tabarez. Er hält nicht zuletzt große Stücke auf den 20-jährigen Diego Polenta, vielseitiger Verteidiger des AS Bari. Oder auf Gaston Ramirez. Oder auf Sebastian Coates.

III. In the eye of the Hurricane
Damit auch bloß nichts schief geht, wird die olympische Selecao von Mano Menezes betreut, dem brasilianischen Nationaltrainer. Er ist der Mann, der das 195-Millionen-Land bis 2014 in die größtmögliche Euphorie oder größtmögliche Depression stürzen wird. In Brasilien hat das Olympiaturnier fast dieselbe Bedeutung wie die WM selbst. Es ist zu einer seltsamen Obsession geworden. Das wahre Mutterland des Fußballs hat bis heute keine Goldmedaille in seiner Königsdisziplin gewonnen. Es macht es auch nicht einfacher, dass Uruguay und Argentinien bereits oben auf dem Treppchen standen, je zweimal. In den kommenden 24 Monaten entscheidet sich für Menezes, ob er in seinem Leben noch mal einen Caipirinha selbst bezahlen muss. Seine größte Leistung hat er bereits vollbracht und den überbordenden Kader auf 18 Mitglieder reduziert. Die Leistungsdichte ist nirgendwo größer als in der Spielerfabrik Brasilien. Für den Olympia-Favoriten spielen Stars wie David Luiz, Marcelo, Dani Alves, Thiago Silva oder Hulk, gerade für fast 50 Millionen Euro zum FC Chelsea gewechselt. Ihre juvenilen Nebenleute sind auch nicht von schlechten Eltern: Ganso, der zusammen mit Neymar Meister wurde, oder der 20-jährige Oscar, die kommende Zehn. Zur Einordnung: Für Deutschland spielten 1988 Filigrantechniker wie Michael Schulz, Gerhard Kleppinger oder Thomas Hörster. Taktiker erhoffen sich wichtige Hinweise zum WM-Gastgeber 2014.

IV. More than Wembley
Zwei Millionen Karten gab es für das Olympische Fußballturnier zu kaufen. Fußball ist auch deshalb eine wichtige Disziplin, weil er die Gesamtzuschauerzahl entscheidend nach oben verschiebt. Eine weitere Besonderheit: Die Spiele finden in der Regel nicht nur in der jeweiligen Olympia-Stadt, sondern in den prächtigsten Stadien des Landes statt. So rar die Tickets für andere Sportarten sind: Das Fußballturnier ist für alle zugänglich, all over the country. Gespielt wird in England (Newcastle, Manchester und Coventry), Wales (Cardiff) und Schottland (Glasgow). Der Gastgeber bestreitet seine Gruppenspiele im Old Trafford (26.7.), in Wembley (29.7.) und im Millennium Stadium (1.8.). Mit einem Platzsturm enthemmter Union-Jack-Ultras ist dabei nicht zu rechnen. Die FIFA dürfte aber einen Eindruck davon bekommen, was ihr entgangen ist, als sie die WM-Turniere 2018 und 2022 anderweitig vergab.

V. Wunderkind in Europe
Der Gegenmessi ist ein Fummelkönig vor dem Herrn. Fast kein Spieltag vergeht, an dem nicht irgendein Youtube-Clip von seinem Können kündet und von seiner Frisur, die an Limahl von Kajagoogoo erinnert. Neymar, der jugendliche Exzentriker, trägt als vermutlich letzter Spieler dieser Erde Nasenpflaster. Bei der Meisterfeier des FC Santos trug er ein Stirnband mit dem Slogan »100 Prozent Jesus«. In Zeiten, in denen Fußballspieler globale Marken sind, ist es fast anachronistisch, wie wenig man in Europa über den 20-Jährigen weiß. Das wird sich Ende Juli ändern, wenn er mit seiner Olympia-Elf in England Quartier bezieht. Er spielt seine erste Meisterschaft, auf die die ganze Welt schaut. Die englische Presse wird »the mohawked Brazilian wunderkind« (»The Guardian«) belagern wie den maladen Pelé bei der WM 1966. Der sagte bereits vor einem halben Jahr: »Neymar ist der beste Spieler der Welt.« Er ist fest eingeplant als eines der Gesichter von »London 2012«, neben dem außerirdischen Usain Bolt und der englischen Siebenkämpferin Jessica Ennis. Im letzten Olympia-Sommer ragte auch ein Spieler heraus: Lionel Messi. London soll Neymars Peking werden.

VI. Women do better
Könnte man beim Männerturnier noch anführen, dass gleich reihenweise die Großen des Weltfußballs zur Qualitätssicherung fehlen, ist die Damenkonferenz quasi eine etwas kleinere Kopie der Weltmeisterschaft. Die Geburtsurkunde muss jedenfalls nicht gezückt werden. Im Grunde fehlt nur Deutschland, das die Qualifikation leichtfertig verpasste. Die USA als Weltranglistenerster, Japan als amtierender Weltmeister und Brasilien mit der fünfmaligen Weltfußballerin Marta – mehr geht eigentlich gar nicht.

VII. A manager called Psycho
Stuart Pearce, Spitzname »Psycho«, ist in Deutschland wegen eines Elfmeters bekannt, den er im WM-Halbfinale 1990 verschoss. Hinterher hörte man noch einmal von ihm, als er den Fehlschuss per Werbespot versilberte. Zusammen mit den anderen Elfmeterexperten Chris Waddle und Gareth Southgate trat er für eine Pizza­kette auf, hübsch selbstironisch. In den letzten Jahren hat er eine veritable Trainerkarriere hingelegt, die man am ehesten mit der von Horst Hrubesch vergleichen kann. Beide entstammen einer Zeit, als Trainingslager noch dazu dienten, Promillerekorde zu pulverisieren. Sie haben moderne Spielanalyse auf dem zweiten Bildungsweg gelernt und befehligen erfolgreich den Nachwuchs. Pearce ist seit 2007 für die U 21-Nationalmannschaft zuständig, zuvor hat er zwei Jahre lang Manchester City betreut, als die noch nicht neureich waren. Als Fabio Capello im Februar überraschend abdankte, durfte er ein Spiel lang sogar die A-Nationalmannschaft befehligen, gegen die Niederlande (2:3). Nur als es später um die Neubesetzung der Trainerbank ging, wurden ihm Harry Redknapp und, als der absagte, Roy Hodgson vorgezogen. Was er in der Zukunft machen wird, entscheidet sich auch ein Stück weit bei den Spielen. Man muss sich nur einmal vorstellen, was aus Horst Hrubesch, Spitzname »Kopfballungeheuer«, geworden wäre, wenn er mit einem »Team GD« (West-, Ostdeutschland und Bayern) das Turnier bei Olympischen Spielen in Berlin gewonnen hätte – mit Michael Ballack, Torsten Frings und Mitchell Weiser. Bundespräsident mindestens.

VIII. This time for Africa
Bei der WM gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das afrikanischen Ländern untersagt, die bestehenden Kräfteverhältnisse zum Tanzen zu bringen. Bei Olympischen Turnieren ist das anders. Wer könnte je vergessen, wie Nigeria 1996 im Halbfinale in Atlanta nach 1:3-Rückstand mit 4:3 gegen Brasilien gewann (mit Ronaldo, Roberto Carlos and Bebeto) und im Finale vor 86 000 Zuschauern ein 3:2 gegen Argentinien folgen ließ (mit Hernan Cres­po, Roberto Ayala und Claudio Lopez). Vier Jahre später schlug Kamerun mit dem 19-jährigen Eto’o ein prosperierendes Spanien, das mit den Jungstars Carles Puyol und Xavi angetreten war – vor 104 000 Zuschauern in Sydney. Der Senegal, der auf Europa-Legionäre aus Frankreich und Portugal setzt, gilt als hoffnungsvoller Außenseiter, Gabun eher nicht.

IX. The Josep youth
Hat irgendjemand schon das ewige Tiki-Taka vermisst? Xavi, der größte Streber, den das Internat des FC Barcelona je gesehen hat, plauderte vor der EM aus, was in seinem Schlafgemach hängt: »Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.« Er lese das Zitat der englischen Trainerlegende Bill Shankly immer vor dem Zubettgehen. Die Post-Xavi-Generation schläft nicht. Ihr Ziel: dem Säulenheiligen Josep Guardiola nachzueifern. Er war 1992 Kapitän des spanischen Olympia-Teams, erhielt die Goldmedaille von König Juan Carlos, in Barcelona.

X. Maracana 2016
Die Tradition der deutschen Olympiateams ist so lang wie der Schatten ihrer Misserfolge in der Qualifikation. 1972 in München stieg die öffentliche Premiere der Partie DDR gegen BRD. Ostdeutschland (mit Jürgen Pommerenke, Peter Ducke und Jürgen Sparwasser) schlug Westdeutschland (mit Manni Kaltz, Uli Hoeneß und Ottmar Hitzfeld) vor 80 000 Zuschauern mit 3:2 und legte damit den Grundstein für das 1:0 von Hamburg zwei Jahre später. ARD-Reporter Eberhard Stanjek war nicht ganz auf der Höhe, bezeichnete DDR-Stürmer Joachim Streich als »Achim Streichel«. 1976 wurde die DDR sogar Olympia-Sieger. Wir prognostizieren: Ein Olympisches Turnier in Brasilien wird sich die »Hungry German Youth« nicht entgehen lassen und alles daran setzen, das Finale im Maracana-Stadion zu erreichen – zwei Jahre, nachdem dort das Finale der WM 2014 stattgefunden hat. Im Jahr 2012 ist es nur einer Deutschen gelungen, sich ins Starterfeld zu mogeln. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus hat die Olympia-Norm für das Frauenturnier geschafft und gute Chancen, das zugehörige Wembley-Finale zu pfeifen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!