Pierre Littbarski in Liechtenstein

Angenehm unaufregend

Nach seiner Flucht aus Iran ist Pierre Littbarski angekommen – in Vaduz. 5000 Einwohner und einen großen Fußballverein gibt es hier, die Menschen sind zurückhaltend und ein bisschen japanisch. Litti mag das. Pierre Littbarski in LiechtensteinImago Schwarzer Anzug, weißes Hemd und rote Krawatte – Pierre Littbarski hat sich schick gemacht. Unter anderem ist ein ARD-Fernsehteam aus Köln zum Interview angereist. Jetzt, wo das WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Liechtenstein ansteht, ist der deutsche Trainer des FC Vaduz ein gefragter Mann. Von Medienrummel zu sprechen, wäre dennoch übertrieben. »Den brauche ich auch nicht«, sagt Littbarski.

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Nach all den Abenteuern in Teheran scheint der Fußball-Weltenbummler die Beschaulichkeit im Fürstentum zu genießen. Er, der in Berlin, Köln, Paris, Tokio und Sydney gelebt hat, versucht im 5000-Seelen-Ort Vaduz einen Neuanfang. Wenn Pierre Littbarski sagt, »es ist nicht aufregend hier«, dann klingt das weniger nach Langeweile, denn nach willkommenem Kontrastprogramm zum Chaos in Iran, vor dem er im Herbst geflüchtet war.

Es gab dieses Angebot aus Vaduz, und weil Littbarski nach eigenen Worten nicht gerne Däumchen dreht und der Klub auf eine schnelle Entscheidung drängte, nahm er es nach kurzer Bedenkzeit an. Auch weil ihn die Doppelfunktion Trainer-Sportdirektor in der Stellenbeschreibung reizte. Und dann spielten nach den Erfahrungen in Iran die Aspekte Sicherheit und Kalkulierbarkeit eine wichtige Rolle.

Sittenwächter mokieren sich über Littis Hose

Es ist ruhig auf der Geschäftsstelle des FC Vaduz. Pierre Littbarski berichtet im kleinen Besprechungszimmer von Überwachungskameras hinter Spiegeln, dem freundlichen Mann vom Geheimdienst als Chauffeur und einem Ali Daei als intrigantes Vorstandsmitglied, der ihm und seinem Assistenten Robert Jaspert das Leben bei Saipa Teheran zur Hölle machte. Nicht einmal einen Dolmetscher wollte man anfangs dem deutschen Trainerteam zur Seite stellen. Viele Details wirken befremdlich, zum Beispiel dass sich die Sittenwächter über Littbarskis Trainingshose, die nur bis zu den Knien reichte, mokierten.

In Vaduz darf »Litti« seine O-Beine zeigen. Auch die Familie, die vor knapp zwei Monaten von Japan nach Liechtenstein übersiedelte, fühlt sich wohl im Kleinstaat, der von Banken und Bergen dominiert wird. »Die Leute hier sind sehr strikt«, so Littbarskis Eindruck. »Und sie sind ein bisschen zurückhaltend.« Das sei in etwa so wie in Japan, dem Geburtsland seiner Frau Hitomi und der Söhne Joel und Lucien.

Zurückhaltung – eine Spur weniger davon wünscht sich Pierre Littbarski, wenn es um die Beziehung der 35.000 Untertanen von Fürst Hans-Adam II. zum Fußball geht. Seit dem Aufstieg des FC Vaduz in die oberste Schweizer Spielklasse, der das Land nach all den Negativschlagzeilen über Steuerhinterziehung und Geldwäsche in ein positives Licht rücken sollte, kommen im Schnitt 2222 Zuschauer ins Rheinpark-Stadion. Immerhin sind das doppelt so viele wie in der Saison 2007/2008. Es gibt aber auch Spiele wie das gegen Bellinzona mit 930 zahlenden Besuchern. »Natürlich würde ich lieber vor 40.000 Zuschauern spielen«, sagt Littbarski. »Wenn man aber die Einwohnerzahl von Vaduz und Liechtenstein ins Verhältnis stellt, dann haben wir einen Riesenzuschauerschnitt.«

Umfeld und Infrastruktur, erzählt Littbarski, seien auf jeden Fall besser als beispielsweise in Yokohama, wo er mit seinem Team im Park trainieren musste und ein alter Schulbus mit Holzbänken als Transportmittel diente. Der 48-Jährige klingt nicht verbittert, wenn er über den eines Weltmeisters vermeintlich unwürdigen Fußball-Standort Vaduz spricht. »Ich habe nicht mehr erwartet. Da kommt der Realist in mir durch.«

Auch was die Spielkultur angeht, fand sich der einstige Dribbelkünstler schnell mit dem Ist-Zustand ab. »Ich habe anfangs gesagt, wir wollen uns mit schönem Fußball in der obersten Schweizer Liga etablieren – das war ein Fehler.« Für wirklich attraktiven Fußball fehle ganz einfach das Spielermaterial. Auch wenn die Liechtensteinische Landesbank sowie die Vermögensverwaltungsfirma MBPI die Hauptsponsoren sind, ist das Budget mit neun Millionen Schweizer Franken selbst für Schweizer Verhältnisse eher bescheiden. Am vergangenen Wochenende ging die Multikulti-Truppe mit Profis aus elf Nationen und drei Liechtensteiner Eigengewächsen 0:5 beim FC Basel unter und muss weiter als Tabellenvorletzter um den Klassenerhalt bangen.

Roger Berbig:
»Mein Wunsch wäre der Abstieg von Vaduz«

Nicht wenige Fußball-Anhänger in der Schweiz hoffen, dass der FC Vaduz in der nächsten Saison wieder zweitklassig ist. Die Präsidenten arrivierter Klubs sind von den Gästen ebenso wenig begeistert, unter anderem weil Vaduz kaum Zuschauer zu den Auswärtsspielen mitbringt. Gegen Basel waren es 46. »Mein Wunsch wäre der Abstieg von Vaduz«, gibt Roger Berbig von Rekordmeister Grasshopper Zürich unumwunden zu. »Vaduz ist keine Bereicherung«, findet Stefan Niedermaier von Young Boys Bern. Ende April treffen sich die Vertreter der Swiss Football League, um über die Verlängerung des bis 2010 laufenden Vertrags mit dem FC Vaduz zu beraten. 2004 war vereinbart worden, dass der FC Vaduz in der Schweizer Super League spielen darf, wenn er die sportlichen und wirtschaftlichen Kriterien erfülle. Die Vorzeichen für eine Verlängerung stehen nicht gut.

»Der Sport soll es entscheiden«, antwortet Axel Bernhardt auf die Frage, wie es denn wohl weitergehe. Der Niederbayer und Geschäftsführer der »FC Vaduz-Lie AG« verweist zudem auf die solide wirtschaftliche Basis des Klubs, was im Schweizer Profi-Fußball eher die Ausnahme, denn die Regel ist. Und Bernhardt erzählt von den Bemühungen, eine Fußball-Kultur im Fürstentum aufzubauen. Dazu zähle auch die Verpflichtung von Pierre Littbarski, der mit seinem großen Namen und der offenen Art dem Liechtensteiner Fußball mehr Glanz verleihen soll. Bernhardt, der Marketingfachmann in Jeans und Rollkragenpullover, spricht von »Personality«, die der Klub benötige.

Bernhardt weiß auch um das Netzwerk, das Littbarski weltweit aufgebaut hat und das bei spektakulären Neuverpflichtungen helfen könnte. Unter anderem waren Henrik Larsson und Dwight Yorke im Gespräch. Am Ende half aber auch der Littbarski-Faktor nicht, einen Hochkaräter in die Fußball-Diaspora zu lotsen.

Stattdessen kamen in der Winterpause Neuzugänge aus Island und Australien sowie die Deutschland-Importe Tobias Nickenig und Thorsten Kirschbaum. Der eine konnte sich als Abwehrspieler beim 1. FC Köln nicht durchsetzen, und der andere sah durch die Verpflichtung von Timo Hildebrand seine Chancen auf der Torhüterposition bei Hoffenheim gegen Null sinken. Der Sportdirektor Littbarski kann nach eigenen Worten bei Verhandlungen vor allem die Aussicht auf Spielpraxis in die Waagschale werfen, ein hohes Gehalt sicher nicht, auch wenn Liechtenstein weltweit als Synonym für Geld und Wohlstand steht. Mit Fußball werde man hier nicht reich, stellt Pierre Littbarski klar. »Aber man weiß, dass das Gehalt pünktlich überwiesen wird.«

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