Philipp Lahm vor seinem 100. Länderspiel

Nahe der Vollkommenheit

Philipp Lahm bestreitet heute in der WM-Qualifikation gegen Österreich sein 100. Länderspiel. Früher hat man ihn oft unterschätzt - mittlerweile ist der 29-Jährige der mächtigste Fußballer der Nation.

Neulich hat Bayerns Ko-Trainer Hermann Gerland in einer bekannten Samstagabend-Sportsendung eine hübsche Anekdote zum Besten gegeben. Gerland war 14 Jahre lang Nachwuchstrainer beim FC Bayern, prägte also auch das Werden und Wachsen Philipp Lahms. Aus seiner Sicht sei Lahm bereits im Alter von 17 Jahren ein perfekter Spieler gewesen. »Nur den wollte keiner haben. Den habe ich angeboten wie sauer Bier«, erzählte Gerland. Ein Manager habe von ihm sogar Fahrgeld zurückhaben wollen. Ein paar Jahre später traf man sich in Berlin wieder und Gerland zog seine Brieftasche: »Junge, wie viel Fahrgeld wolltest du haben für meine Lahm-Empfehlung?«

Heute wäre diese Empfehlung 30, 40 oder 50 Millionen Euro wert, genau lässt sich der Marktwert des inzwischen 29-Jährigen nicht taxieren.

Eine andere Marke wird aber heute Abend Wirklichkeit. Philipp Lahm wird in der Münchner Arena gegen Österreich sein 100. Länderspiel für Deutschland bestreiten. »Das alles passt wirklich super zusammen. Dieses besondere Spiel darf ich quasi direkt vor meiner Haustür machen – das ist fantastisch«, sagt Lahm.

Lahm hat die Talsohle des deutschen Fußballs noch erlebt

Wenn er die deutsche Nationalelf als Kapitän aufs Feld führt, werden sich die Hände der 68 000 im Rund rühren und sein Vorgänger Michael Ballack auch höchst offiziell verabschiedet werden. Lahm hatte im Sommer 2010 die Kapitänsbinde von Ballack vertretungsweise übernommen, weil dieser verletzt für die WM ausgefallen war. Als dann der Capitano auf Krücken der Mannschaft in Südafrika einen Besuch abstattete und bereits wieder in der Luft nach Hause war, rief Lahm ihm hinterher, die Binde nicht freiwillig abgeben zu wollen. Das war nicht taktvoll, aber da Bundestrainer Löw Ballack nie wieder zur Nationalelf einlud, blieb Lahm im Amt – eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte. Während Ballack die Mannschaft von oben führte, setzt Lahm auf Einbindung aller, was ihm zwischenzeitlich als Schwäche ausgelegt wurde. Zudem drohte Lahm ein ähnliches Schicksal wie Ballack, der ohne großen internationalen Titel abtrat und bei 98 Länderspielen hängen blieb. Nun hat Lahm seinen Vorgänger überflügelt, als Champions-League-Sieger und als Mitglied im »Klub der Hunderter«.

Lahm hat noch die Talsohle des deutschen Fußballs erlebt, zumindest deren Ausläufer bei der EM 2004, als die deutsche Elf in der Vorrunde scheiterte. 2005 zog er sich eine schwere Verletzung zu, die schon Karrieren von Fußballern zerstört hat. Selbst sein Comeback in der Nationalelf stand unter keinem guten Stern. Am 1. März 2006 ging die deutsche Elf mit 1:4 gegen Italien unter, weshalb die anstehende Heim-WM zu einem Debakel zu werden drohte und der damalige Teamchef Klinsmann vor den Sportausschuss des Bundestages gezerrt werden sollte.

Es kam anders. Mit und wegen Lahm, der zum WM-Auftakt 2006 trotz Armmanschette das erste deutsche Tor schoss. Es war die Ouvertüre zum Sommermärchen. Über seine früheren Abwehrkollegen Christian Wörns und Jens Nowotny zog die Zeit hinweg, Lahm aber blieb und spielte und spielte und spielte. Wo ihn die Nation gerade brauchte. Mal als Außenverteidiger links (60 Mal), mal hinten rechts (36), mal im defensiven Mittelfeld (3). Interessanterweise stand er stets in der Startelf, was bisher nur Franz Beckenbauer und Jürgen Kohler gelang. »Philipp ist ein Vorbild an Einsatzbereitschaft und fußballerischer Klasse – er ist Weltklasse«, sagt Löw. Der Bundestrainer bescheinigt seinem ersten Mann eine »enorme persönliche Reife«. Er habe klare »Anführerqualität« und eine starke, eigene Meinung.

»Man wird nicht jünger, auch Philipp nicht.«

Diese Meinungsfreudigkeit brachte Lahm 2009 eine Rekordstrafe von angeblich 50 000 Euro ein, weil er die Transferpolitik des FC Bayern öffentlich kritisierte. Für seinen neuen Klubtrainer Pep Guardiola ist Lahm der »intelligenteste Spieler, den ich bisher trainiert habe«. Man muss dazu wissen, dass der Spanier in Barcelona mit Spielern wie Messi, Xavi und Iniesta zu tun hatte. Guardiola sei schon deswegen froh, bei Bayern gelandet zu sein, »nur weil ich ihn trainieren darf«.

Das Lob mag vielen Fans ein wenig zu hymnisch klingen, doch für Kenner liegen Lahms Leistungen seit Jahren nahe der Vollkommenheit. Weil er nicht so sehr das große Bild auf den Rasen wirft wie einst Netzer, Ballack oder heute Mesut Özil, neigt man dazu, ihn zu unterschätzen. Diesen Fehler musste vor Ballack schon Mark van Bommel mit dem Verlust der Kapitänsbinde beim FC Bayern bezahlen. Seit drei Jahren hat Lahm die beiden wichtigsten Kapitänsämter des deutschen Fußballs inne und ist damit de facto der mächtigste Kicker der Nation. Sollte er 2014 den WM-Titel gewinnen, wäre er auch einer der erfolgreichsten. »Die 100 Länderspiele sind kein Ziel, man hat andere Ziele als Fußballer«, sagt Lahm. Er möchte es mit seinem Team schaffen, »als erste europäische Mannschaft in Südamerika den Titel zu gewinnen«.

Neulich wurde Philipp Lahms Mutter Daniela von einer Münchner Zeitung interviewt. Dass ihr Sohn vor einem bemerkenswerten Jubiläum steht, habe sie aus der Zeitung erfahren. Philipp hätte es zuletzt nie erwähnt. »Wir hatten es uns alle so sehr gewünscht, dass es mit dem Champions-League-Titel klappt, der Druck wurde ja immer größer. Man wird nicht jünger, auch Philipp nicht.«

Ganz zum Schluss erzählte sie, dass der Philipp ihretwegen gar nichts mehr gewinnen müsse. »Aber für ihn freue ich mich.« Und Hermann Gerland wohl auch.

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