Philipp Köster über Philipp Lahms Autobiographie
25.08.2011

Philipp Köster über Philipp Lahms Autobiographie

Jetzt noch Erotikfotos!

Um sein Buch »Der feine Unterschied« zu promoten, lässt sich Nationalspieler Philipp Lahm abermals auf einen klebrigen Doppelpass mit dem Boulevard ein. Das nützt der »Bild« und schadet ihm.

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Imago

Wenn Fußballer Bücher schreiben, gibt es in der Regel viel zu lachen. Mal nutzen die Kicker den Platz zwischen den Buchdeckeln zu Generalabrechnungen wie weiland Toni Schumacher (»Viele junge Spieler sind faule Säcke! Und ein paar von ihnen sind dazu noch sträflich dumm«), mal versuchen sie sich in basisnaher Erotik wie Bodo und Bianca (»Meine Helden lagen splitterfasernackt auf dem Bett und ließen sich von jeweils einer Frau verwöhnen«) oder sie setzen auf  Küchenpsychologie wie Oliver Kahn in seiner legendären Aphorismensammlung »Nummer Eins«: (»Die Gefahr ist, dass Besessenheit einen Prozess der Selbstzerstörung einleitet«).



Unter humoristischen Gesichtspunkten aber ist die Autobiographie, die sich Philipp Lahm im gesegneten Alter von 27 Jahren von Ghostwriter Christian Seiler hat schreiben lassen, leider ein Totalausfall. Auf 250 Seiten findet sich kaum eine vergurkte Metapher, aber auch kaum eine treffsichere Spitze gegen Kollegen, was ja sonst die Würze solcher Bücher ausmacht. Stattdessen schildert Lahm ziemlich kühl und bar jeder Illusion das Fußballerleben als notdürftig getünchten Sozialdarwinismus. Erträgliche Umgangsformen, ja bitte, dahinter aber wird ebenso geplant wie erbittert und rücksichtslos um den Platz an der Sonne, sprich in der Stammelf, gerungen. Das einzige, was zählt, ist der Erfolg.

Routinierte Montage führt zum falschen Eindruck

Dass ein solch nüchterndes, leidenschaftsloses Buch durch eine Vorabveröffentlichung auf dem Boulevard nun doch größere Verwerfungen hervorruft, ist deshalb einigermaßen skurril und zugleich völlig erwartbar. Denn natürlich gelingt es der »Bild« durch eine routinierte Montage der spärlichen Stellen, an denen sich Lahm wenig schmeichelhaft über seine früheren Trainer auslässt, mühelos den falschen Eindruck zu erwecken, hier habe der Nationalspieler schonungslos abgerechnet.

Nun ist Lahm kein Opfer. Die Passagen der Vorabveröffentlichung werden im Detail mit Lahms Berater Roman Grill abgesprochen worden sein. Und allen Beteiligten wird klar gewesen sein, dass es eine öffentliche Diskussion über die Passagen zu Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal geben würde. Und auch die Repliken von Rudi Völler (»Kein Funken Anstand«) und Felix Magath (»So wird man keine Persönlichkeit!«) gehören als sehnsüchtig erwartete Meilensteine zum PR-Konzept. Idealerweise würden sich nun auch noch Klinsmann und van Gaal erregt zu Wort melden. Und Oliver Kahn natürlich.

Warum hat Lahm überhaupt ein Buch geschrieben?

So weit so gewöhnlich. Und doch bleibt die Frage, warum Philipp Lahm angesichts all seiner glücklosen Vorgänger überhaupt ein Buch geschrieben hat, in dem er dem Publikum außer ein paar drögen Allgemeinplätzen und einer ihm offenbar wichtigen Klarstellung (»Ich bin nicht schwul«) nicht viel zu sagen hat.

Und daran anschließend die noch drängendere Frage, warum er sich bei der PR für das Buch für die ganz billige Boulevard-Nummer nicht zu schade war. Eine Antwort auf beides zu finden, fällt schwer. Finanzielle Anreize kann man getrost vernachlässigen, selbst ein üppiges Honorar könnte nicht mit dem konkurrieren, was Lahm beim FC Bayern monatlich überwiesen bekommt. Auch der Gunst der »Bild« konnte sich Lahm schon zuvor gewiss sein, hatte er doch bereitwillig in der Werbekampagne der Zeitung das Testimonial (»Ihre Meinung zu BILD, Philipp Lahm?«) gegeben. 

Und seinen Status als Führungsspieler bei den Münchnern und in der Nationalelf hat Lahm weniger durch das Buch als durch die arg klebrige Art und Weise der PR dafür eher beschädigt als befördert. Galt er bislang als ebenso intelligenter wie integrer und weltmännischer Vorzeigeprofi, wirkt etwa Lahms Kritik an Rudi Völler während der EM 2004 ziemlich kleinkariert und gewöhnlich. Anders formuliert: eine Passage, wie sie auch in Stefan Effenbergs Standardwerk »Ich hab´s allen gezeigt« hätte auftauchen können.

Immerhin, auf peinliche Erotikfotos wie weiland Effe hat Lahm diesmal verzichtet. Aber das kann ja auch noch kommen. Die »Bild« veröffentlicht sicher gerne vorab.

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