Peter Neururer über Klinsmann und das tägliche Leiden

»Ich zähl' Fliegen an der Wand«

Nach wie vor hofft Peter Neururer auf den erlösenden Anruf. Und weil sonst nichts los ist, hält er sich fit mit Benefiz-Golfturnieren und tingelt durch die Stadien des Ruhrpotts. Wir blicken mit ihm auf die neue Saison. Peter Neururer über Klinsmann und das tägliche LeidenImago Herr Neururer, heute startet die neue Saison. Wann steht bei Ihnen endlich wieder jemand vor der Tür und sagt: »Neururer, übernehmen Sie!«?

Hoffentlich noch in dieser Saison. Die Angebote die ich in den letzten Monaten bekommen habe, waren nicht so verlockend. Aber Sie können mir glauben: Ich leide, nein, ich durchleide eine wirklich schwere Zeit.

[ad]

Richtig weg vom Fenster, wie einige vermuten, sind Sie aber noch lange nicht.

Ganz und gar nicht. Momentan können Sie mich zum Beispiel lesen und hören. Ich arbeite für den Bayerischen Rundfunk und schreibe eine Kolumne für die Hamburger Morgenpost. Ich finde medial also noch statt – und deswegen freue ich mich auch so über Ihren Anruf.

Freuen Sie sich auch auf die neue Saison?

Natürlich. Ich bin ja nicht nur arbeitserhoffender Trainer, ich bin auch Fan. Und kann einem Fan zum Beginn der neuen Saison etwas Schöneres geschenkt werden als der Klassiker FC Bayern gegen den HSV?

Haben Sie denn keine Lust, endlich mal die Füße hochzulegen?

Das mache ich ja gelegentlich. Es gibt Tage, da zähle ich die Fliegen an der Wand, die gar nicht da sind. Meine Frau ist dann richtig froh, wenn ich ihr sage: »Schatz ich fahr' zu einem Benefiz-Golfturnier« oder ähnliches. Dann gibt es aber auch Tage, an denen ich über die Fußballplätze der Region tingele.

Der Trainer Neururer ist heute der Kiebitz Neururer?

Ich bin da, wo der Fußball rollt – keine Frage! Doch Kiebitz würde ich das nicht nennen. Ich will als Trainer einfach auf dem neuesten Stand bleiben, dafür schaue ich mir eben so viele Spiele wie möglich an.

Haben Sie keine Angst, dass Gerüchte aufkeimen, sobald man Sie im Stadion sieht?

Zumeist bin ich nur bei Spielen von Mannschaften in der unmittelbaren Umgebung, in NRW. Oft kenne ich dort die Trainer, bin befreundet mit ihnen oder den Managern. Daher muss ich mir selten dumme Sprüche anhören. Und wenn ein Kollege tatsächlich mal in Schwierigkeiten gerät, habe ich immer noch so viel Anstand gehabt, am nächsten Spieltag nicht auf der Tribüne seines Vereins zu sitzen. Obwohl dieser Gedanke eh totaler Quatsch ist: Durch die Anwesenheit eines arbeitssuchenden Trainers, sprich eines Neururers oder eines Augenthalers, wird mit Sicherheit kein anderer Trainer beurlaubt. Ebenso wenig wird durch meine Abwesenheit ihre Vertragsverlängerung ausgesprochen.

Würden Sie heute auch einen ambitionierten Drittligisten – etwa ein zweites Hoffenheim – mit dem mittelfristigen Ausblick auf Erstligafußball übernehmen?

Ich denke nicht, dass Drittligisten, die die erste Liga anstreben, Probleme mit ihrem Trainer haben. Die Vereine, die solch hohen Ziele verfolgen, sind von vornherein so gut aufgestellt, dass die mich oder auch andere arbeitserhoffende Trainer gar nicht anrufen werden.

Was trauen Sie denn der TSG 1899 Hoffenheim zu?

Ich behaupte nicht, dass Hoffenheim am Ende auf einem internationalen Platz steht, wie einige andere Experten es prophezeien. Doch mit dem Abstieg wird die Mannschaft nichts zu tun haben. Wenn Schwierigkeiten auftreten sollten, dann wird man sie mit den Fachkenntnissen von Ralf Rangnick und der finanzkräftigen Unterstützung von Dietmar Hopp schnell beheben.

Glauben Sie, dass die Diskussion um den vermeintlich traditionslosen Retortenverein noch während der Saison abflachen wird?

Ja. Ich finde diese Diskussion sowieso total lächerlich. Man könnte in diesem Kontext auch über den VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen sprechen, zwei Vereine, die ebenfalls große Geldgeber im Rücken haben. Dietmar Hopp hat es geschafft eine Mannschaft aus seiner Region in die Bundesliga zu führen – mit Geld, aber auch mit einem tollen Unterbau.

Ein bisschen Traditionalist sind doch alle gerne.

Ich bisweilen ja auch. Ich würde mich durchaus freuen, wenn sich mal wieder einer dieser so genannten Traditionsklubs, die momentan in den unteren Ligen umher dümpeln, in der 1. Bundesliga etablieren würde. Was mich nervt, ist die Diskussion um die nicht vorhandene Tradition in Hoffenheim, denn der Verein hat ja eine Tradition – er wurde 1899 gegründet. Nur fußt alles im Dörflichen, in einer kleinen Region. Etwas Großes entstehen zu lassen, das ist die schwere Aufgabe, die nun vor den Hoffenheimern liegt.

Beim FC Bayern läuft es noch nicht richtig rund. Die Heimpremiere wurde gegen Inter Mailand vermasselt, gegen Erfurt mühte sich das Team sich zu einem 4:3. Haben diese Spiele irgendeinen Wert?

Die Bayern sind einfach noch nicht so weit, wie sie vermutlich im Laufe der Saison noch sein werden. Man hat beim FC Bayern in dieser Saison auch das Problem, dass die Alternativen im Sturmbereich fehlen – Ribéry und Toni sind verletzt. Und ganz ehrlich: Mit drei Stürmern international bestehen zu wollen, wird bestmmt nicht einfach. Daher sehe ich die Bayern nicht als Favoriten im heutigen Spiel gegen den HSV. Favorit auf die Meisterschaft sind sie dennoch.

Viel Zeit, eine Philosophie umzusetzen, neue Ideen zu entwickeln bekam bei den Bayern noch keiner Wird Klinsmann diese Zeit zugestanden?

Nein. Klinsmann hat ja kürzlich gesagt, dass seine Vorstellungen vielleicht erst im Laufe der Saison greifen, vielleicht auch erst nächstes Jahr. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass Klinsmann, sofern er im ersten Jahr keinen Erfolg hat, noch in der Saison 2009/10 Trainer bei den Bayern ist.

Basler unkte zuletzt: »Früher hätten Elber und ich und einen Ball genommen und diese Buddha-Figuren vom Dach geschossen.« Setzt sich Klinsmann durch solche Neuerungen nicht zu stark selbst unter Druck?

Vielleicht. Aber vielmehr setzt er sich mit bestimmten Aussagen unter Druck. Zuletzt sagte er: »Ich möchte jeden Spieler jeden Tag verbessern.« Das kann man nicht, und das sagt Klinsmann vermutlich nur, weil er die Erfahrung als Bundesliga-Trainer noch nicht hat. Gerade beim FC Bayern ist das ein unmögliches Unterfangen. Ich zumindest wäre froh, wenn ich bei den Spielern das Leistungslevel halten könnte.

Indes mit den Buddha-Statuen können Sie sich anfreunden?

Ach, die Frage ist vielmehr: Wie schafft es Jürgen Klinsmann, der bis dato keine Vereinsmannschaft trainiert hat, mit dem Druck umzugehen. Wie schafft er es, regelmäßig, das heißt mit seiner täglichen Arbeit im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Diese Figuren – die sind natürlich Schwachsinn. Der eine findet es gut, der andere, zum Beispiel ich, findet das überzogen. Was hat das mit Fußball zu tun? Doch schon jetzt, also vor der Saison, eine übergreifende Kritik zu formulieren, wäre falsch.

Sehen Sie, angesichts der Tatsache, dass die meisten Vereine vornehmlich junge Trainer verpflichten, überhaupt noch eine realistische Chance, wieder auf das Trainerkarussell zu springen?

Es ist doch vollkommen egal, wie alt jemand ist, für mich gibt es nur zwei Arten von Trainern: den erfahrenen und den unerfahrenen.

Sie gehören zur ersten Kategorie.

Altersbedingt. Der unerfahrenste ist momentan sicherlich Jügen Klinsmann. Doch letztlich zählt auch bei ihm nur der Erfolg. Und letztlich ist es nebensächlich, ob ein Konzept als innovativ oder konservativ bezeichnet wird, wenn am Ende der Erfolg da ist.

Lassen Sie sich auch von der jungen Garde inspirieren?

Ich weiß sei zig Jahren, wer wo wie trainiert. Ich hinterfrage mich natürlich auch, gerade in der jetzigen Zeit, in der es mit dem aktiven Trainerdasein nicht gut aussieht. Ich versuche daher,  positive Aspekte von anderen Trainingseinheite herauszuziehen. Und ich kann Ihnen eines verraten: Der Fußball hat sich in den letzten Jahren nicht großartig verändert. Jedenfalls nicht so sehr, wie man es medial versucht darzustellen. Auch das Denken hat sich nicht verändert. Einzig das Verkaufen von Ideen, das ist anders geworden.

Ein Trainer der 80er Jahre wäre mit seinem Wissen insofern in der Lage eine heutige Mannschaft zur Meisterschaft zu führen?

Sicherlich. Es gab ja genügend Leute damals, die Ideen und Visionen hatten. Auch ich habe den Fußball damals schon anders gesehen. Das fing mit der Ansprache, mit der Mannschaftsführung an. Zur damaligen Zeit konnte aber ein Neururer die Sache noch gar nicht richtig verkaufen. Da hieß es immer: Was will uns dieser Theoretiker, dieser Ex-Student denn vermitteln? Erst heute ist die Akzeptanz da, die wir – zum Beispiel auch Helmut Schulte oder Christoph Daum – uns damals hart erarbeiten mussten. Wir waren keine Bundesligaspieler, keine Nationalspieler. Wir wurden ständig hinterfragt, vom Verein, von der Presse, sogar von den Spielern. Bei einem Jürgen Klinsmann ist die Akzeptanz heute gleich da. Er hat durch seine aktive Profikarriere per se ein gewisses Standing.

Gibt es denn Dinge, die Sie noch von Klinsmann lernen können?


Natürlich. Ich bin ja offen, lasse mich durchaus motivieren, neue Dinge auszuprobieren. Aber es gibt viele vermeintlich neue Sachen, die immer schon da waren. So haben wir etwa einige Aspekte, die Klinsmann vor der WM 2006 angesprochen und ausprobiert hat, schon vor 20 Jahren gemacht – und auch vor 20 Jahren schon als sinnlos zur Seite geschoben.

Neben Klinsmann stehen drei weitere Trainer im Fokus: Fred Rutten, Jürgen Klopp und Martin Jol. Wer wird es am schwersten haben?

Fred Rutten. Auf Schalke wollen sie mindestens Platz 3, besser noch Platz 2. Klopp wird in jedem Fall Erfolg haben, denn das Ziel ist in Dortmund diese Saison klar formuliert worden: Wir wollen besser sein als im letzten Jahr. Das scheint einfach, denn schlechter geht es kaum.

Finden Sie Klopps Mission tatsächlich so einfach? Viele halten seinen Job für den undankbarsten der Liga.

Die Erwartungen sind immer hoch in Dortmund. Alleine dieser Revier-Wettbewerb mit Schalke, den man jede Saison gewinnen muss. Momentan ist der BVB aber meilenweit davon entfernt. Klopp hat den großen Vorteil, dass der BVB in den letzten Jahren nie wirklich gut gespielt hat, und stetig weiter nach unten gereicht wurde. Das Anspruchsdenken ist insofern ein anderes geworden.

Aber längst nicht identisch mit dem in Mainz.

Natürlich nicht. Die Landschaft in Mainz ist eine ganz andere als in Dortmund. Doch es ist ähnlich: Im Erfolg sind die Reden und die Taktiken von Klopp große Kniffe. Doch im Misserfolg werden alle innovativen Momente seiner Fußballphilosophie zu Scharlatanerie umgewandelt. Das wäre in Mainz bei stetigem Misserfolg auch so gewesen.

Und was macht Martin Jol ohne Rafael van der Vaart?

Jol braucht – und das sagt er selbst immer wieder – gestandene Spieler. Die Ziele des HSV, nämlich einen internationalen Platz, sind durchaus realistisch. Ich denke auch, dass der Verkauf von van der Vaart kompensiert werden kann. Doch Jol hat, sofern es nicht gut läuft, immer ein Alibi, er kann jederzeit sagen: »Ich kam und der beste Spieler ging. Was wollt ihr?«

Wagen Sie eine Prognose: Welche Trainer wird diese Saison mit Sicherheit wieder ins Bundesliga-Karussell geworfen?

Ohne den Namen Lothar Matthäus nicht mindestens einmal gehört zu haben, wird ja keine Saison mehr zu Ende gespielt. Das hängt natürlich auch mit seinen hervorragenden Verbindungen zur Boulveard-Presse zusammen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Lothar in Netanya ruhig vor dem Fernseher sitzen wird. Irgendwann wird er, vielleicht sogar schon diese Saison, in der Bundesliga auf er Trainerbank sitzen.

So wie Sie?

Ich hoffe es zumindest.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!