Peter Kaack, Braunschweigs trauriger Held

»Ich war am Ende«

1968 erzielte der Braunschweiger Peter Kaack drei Treffer im Spiel gegen Turin, zwei Mal allerdings ins eigene Tor. Die Eintracht gewann trotzdem, und Kaack war ein Held. Doch dann kam das Rückspiel. Imago
Heft #68 07 / 2007
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Die 60er Jahre von Eintracht Braunschweig als erfolgreich zu bezeichnen, wäre fast schon untertrieben. 1967 wurde die Eintracht Deutscher Meister und stand im Europapokal der Landesmeister. Wir mitten im Konzert der Großen, das war schon was. Eine riesige Euphorie herrschte damals, besonders bei den Heimspielen. Im Viertelfinale wartete der italienische Meister Juventus Turin auf uns. Ganz ehrlich, kein Gegner wäre mir damals lieber gewesen. Gegen die Italiener hatten wir im Sommer ein Freundschaftsspiel bestritten und mit 2:1 gewonnen. Unschlagbar waren die also nicht.

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Trotzdem lief das Europapokal-Spiel alles andere als glücklich. Dabei schien der Abend des Hinspiels wie für mich gemacht: 18er Alustollen und aussehen wie eine Drecksau – als knochenharter Verteidiger liebte ich das. In der 12. Minute knallte mir der Italiener Favalli einen Ball aus fünf Metern ans Schienbein. Ich konnte nur noch zusehen, wie der Ball ins Netz kullerte. Eigentor! Heute würde man sagen »abgefälscht«, aber davon sprach damals keiner. Mein Gott, was für ein Einstand! Ich war froh, dass ich meinen Fehler schnell wieder gutmachen konnte. Kurz hinter der Mittellinie brach ich zu einem Sololauf auf. Als weit und breit kein Mitspieler frei war, zog ich aus 20 Metern selbst ab und traf zum 1:1 Der Ausgleichstreffer gab uns einen richtigen Schub. Kurz vor der Pause kloppten wir den Turinern noch mal zwei rein. Zur Halbzeit führten wir mit 3:1, und die Fans feierten, als wären wir schon im Halbfinale. Mein Eigentor hatte ich zu diesem Zeitpunkt komplett verdrängt. Sieben Minuten vor dem Ende warf Juventus noch einmal alles nach vorne. Von halbrechts kam eine Flanke in den Strafraum gesegelt, mein Mitspieler Joachim Bäse wollte klären, fälschte aber unglücklich ab. Der Ball traf mein Schienbein und trudelte gemütlich neben dem Pfosten ins Netz – schon wieder! 3:2, mein zweites Eigentor. In mir brach eine Welt zusammen. Als die Fans nach dem Spiel unseren Sieg feierten, saß ich wie ein Häufchen Elend in der Kabine. Lothar Ulsaß versuchte mich zu trösten: »Kopf hoch, wer schießt schon drei Tore im Europapokal?« Die wahre Tragik sollte mir erst zwei Wochen später aufgehen.

Beim Rückspiel in Turin hielten wir bis zur 88. Minute ein 0:0. Das Halbfinale war zum Greifen nahe. Dann dribbelte der Turiner Del Sol durch das gesamte Mittelfeld. Mein Mitspieler Horst Berg lief die ganze Zeit neben ihm her, bis heute weiß ich nicht, weshalb er ihn nicht gefoult hat. Stattdessen wartete Berg, bis Del Sol im Strafraum war, und fuhr dann die Sense aus. Kaum getroffen, machte der Spanier einen schönen Segler, und der Schiedsrichter gab Elfmeter. 1:0 Juventus, Schlusspfiff. Ich war am Ende. Die gesamte Gefühlswelt der letzten Tage wühlte sich noch einmal nach oben: Mein 20-Meter-Ausgleichstreffer, die beiden unglücklichen Eigentore, und dann dieser idiotische Elfmeter! Jetzt fehlte uns das eine Tor, das wir im Hinspiel zu viel bekommen hatten. Da es damals noch keine Auswärtstor-Regel gab, kam es eine Woche später zum Entscheidungsspiel. Ausgerechnet in Bern, wo Deutschland Weltmeister wurde, verloren wir mit 1:0. Ich machte dort eines meiner besten Spiele und war doch der unglücklichste Spieler auf dem Platz. Das 3:2 aus dem Hinspiel habe ich lange nicht verdaut. Wer weiß, wo die Eintracht heute stünde, wenn ich an diesem Tag statt drei nur einen Treffer erzielt hätte.

Protokoll: Christoph Ries

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