Peles Enkel

Das war santástico!

Lange warteten die Fans des FC Santos auf einen Spieler, der das Erbe des großen Pelé antreten würde. 30 Jahre lang geschah nichts - bis mit einem Mal gleich drei junge Burschen auftauchten und den Erfolg in die Hafenstadt zurückholten. Imago
Heft #63 02 / 2007
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Erfolgreich. Das war der Santos Futebol Clube zuletzt in den 60er Jahren, noch zu Zeiten von Edson Arantes do Nascimento – gemeinhin bekannt als Pelé. Der Verein aus der verschlafenen Hafenstadt vor den Toren Sao Paulos, für den der Wunderstürmer mehr als 1.100 Treffer erzielte, galt in den 60er-Jahren als beste Vereinsmannschaft der Welt. Doch nach dieser goldenen Generation kam lange Zeit nichts.

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Bis drei wendige Jungs namens Diego, Robinho und Ricardo Oliveira für Furore sorgten und den gegnerischen Abwehrreihen Knoten in die Beine spielten. Dank ihnen erlebten die Fans wieder eine großartige Zeit: Mit den quirligen Technikern konnte der FC Santos 2002 und 2004 den Meistertitel einheimsen und 2003 ins Finale der Copa Libertadores, der südamerikanischen Variante der Champions League, einziehen. In diesen Jahren war der Verein nach langer Zeit mal wieder „santástico“ – so nennen die Fans ihren Klub immer dann, wenn er sie verzückt.

Drei Engel auf Erden

Und das tat er. Insbesondere Robinho ließ Fans sowie Fachwelt in alten Zeiten schwelgen und den Glauben aufkommen, man habe den neuen Pelé vor Augen. Nichts Neues eigentlich, dass in Brasilien ein potenzieller Nachfahre des einstigen Wunderstürmers emporsteigt, um letztlich doch nicht in die übergroßen Fußstapfen der Legende treten zu können. Anstatt zu begreifen, dass Pelés Leistung nicht wiederholt werden kann, müht man sich in der Suche nach legitimen Nachfolgern ab. Und Robinho sollte gleich zu Beginn seiner Karriere als solcher gehandelt werden: Bereits im zarten Alter von zwölf Jahren war sein Talent unverkennbar - damals zauberte er für das Futsal-Team von Santos. Gut zwei Jahre später folgten seine ersten Schritte auf den Rasenplätzen des FC Santos. Dann, im Jahre 2002, folgte seine erste Profi-Saison. Und dieser schmächtige Kerl mit dem Lausbuben-Gesicht, den geschmeidigen Bewegungen und atemberaubenden Tempodribblings, sollte rasch die heimische Liga verzücken. Robinho war gerade einmal 18 Jahre alt, als er maßgeblichen Anteil an der ersten Meisterschaft für den FC Santos hatte - der ersten seit Einführung der Campeonato Brasileiro de Futebol im Jahre 1971.

In den beiden Endspielen gegen Corinthians Sao Paulo gelang Robinho der Durchbruch: Die Santista gewann das Hinspiel um die Meisterschaft mit 2:0, das Rückspiel mit 3:2. Besonders im zweiten Spiel sollte Robinho Entscheidendes vollbringen: Er markierte das 1:0 und bereitete die beiden anderen Treffer vor. Insgesamt absolvierte er 24 Spiele und erzielte dabei sieben Tore.

Robinhos kongenialer Partner war Diego, ein Eigengewächs des Clubs: von 1997 bis 2002 spielte er in den Jugendteams, um anschließend bei den Großen mitzumischen. Und das mit 16 Jahren – zweifelsohne frühreif. Denn in 27 Spielen schoss er als Kapitän zehn Tore. Ohnehin war 2002 war für Santos ein glorreiches Jahr. Neben Diego und Robinho war noch ein drittes Offensiv-Juwel im Bunde: Im Sturm wuselte Ricardo Oliveira. Ein weiterer Jungspund mit trügerisch zarten Gesichtszügen, der es fußballerisch faustdick hinter den Ohren hat.

Ein Jahr später kam es erneut zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Santos und Corinthians: Diesmal zogen die Santista jedoch den Kürzeren und wurden Zweiter. Auch in der Copa Libertadores mischten sie bis zuletzt um den Titel mit, konnten ihn aber nicht einheimsen. Immerhin wurde Ricardo Oliveira Torschützenkönig bei der Copa. Doch sein Stern funkelte nicht lange über dem Himmel der Hafenstadt: Der Stürmer blieb nur ein Jahr bei Santos, um sich vom FC Valencia über Betis Sevilla seinen Weg zum AC Mailand zu bahnen. Diegos Sprungbrett war ebenfalls die Copa Libertadores: Der Spielmacher markierte in 14 Spielen vier Tore und wurde nebenher zum kreativsten Spieler des Turniers gekürt. Die Santos-Fans frohlockten und wähnten sich ob des Offensiv-Trios im siebten Himmel. Zwar reichte es in dieser Saison zu keinem Titel und man musste den Weggang von Ricardo Oliveira verkraften. Doch man hatte immer noch zwei junge, spielfreudige Offensivkräfte in den eigenen Reihen. Beste Aussichten also für die kommende Spielzeit.



Vom Winde verweht


Und was sich vermuten ließ, sollte sich bestätigen: 2004 konnte der FC Santos zum zweiten Mal die Meisterschaft für sich entscheiden. Vor allem Robinho glänzte in dieser Spielzeit: Er stand er bei 37 Begegnungen auf dem Platz und konnte sich 21mal in die Torschützenliste eintragen. Spätestens nun war klar – der kleine Mann hat das Zeug zum Weltstar. Nur logisch, dass Real Madrid die Fühler nach ihm ausstreckte. Das Ende vom Lied ist bekannt: Nunmehr trägt er die Rückennummer zehn bei den Königlichen. Jedoch ist sein Weg mit Problemen gepflastert: Kurz vor seinem Wechsel nach Spanien wurde seine Mutter Marina entführt und 40 Tage lang in Pérus, einem Armenviertel von Sao Paulo, festgehalten. Letztlich kam sie auf freien Fuß, weil Robinho das geforderte Lösegeld bezahlte. Ohnehin läuft es derzeit nicht rund für ihn: mäßige Leistungen bei Real und neuerdings das Aufkeimen eines Alkoholproblems. Er befindet sich auf einem absteigenden Ast.

Auch für Diego gab es nach der zweiten Meisterschaft mit Santos kein Halten mehr: Es folgte der Wechsel nach Porto, wo er den zum FC Barcelona abgewanderten Deco ersetze sollte. Dies jedoch gelang ihm in zwei Spielzeiten nicht. Und dass er nun bei Werder gelandet ist, erfreut vermutlich jeden deutschen Fußball-Fan. Nicht umsonst ist er der Shooting-Star der Hinrunde.

Ricardo Oliveira, der Santos als Erster verlassen hatte, schien ganz oben angelangt – beim AC Mailand. Nicht zuletzt wegen seiner überragenden Saison 2004/2005, als er in 37 Spielen 22 Tore für Betis Sevilla erzielte und eine fabelhafte Saison mit dem Gewinn der Copa del Rey krönte. Doch aufgrund einer langen Knieverletzung konnte er im Jahr darauf nur neun Spiele für Betis absolvieren, in denen ihm vier Tore gelangen. Nach Querelen um Gehaltsaufbesserung und eigenmächtig verlängerte Aufenthalte in Brasilien wurde er für kurze Zeit nach Santos ausgeliehen. Zu Beginn dieser Saison folgte der Wechsel zu Milan - als Ersatz für Andrej Schewtschenko. Bislang brachte er es bei Milan auf 15 Einsätze und zwei Tore – eine für seine Verhältnisse mäßige Bilanz. Vor drei Monaten musste Ricardo Oliveira ein ähnliches Schicksal wie Robinho erleiden: Seine Schwester wurde entführt. Und bislang fehlt von ihr noch jede Spur.

Seitdem die drei Offensivkräfte in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen sind, ist es wieder einmal vorbei mit Glanz und Gloria beim FC Santos. Doch der Verein müht sich redlich, die Namen seiner Helden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. So wurde im August 2006 das „Meninos da Vila“, ein Trainingszentrum für Talente eingeweiht. Das Zentrum hat zwei offizielle Spielfelder, einer davon trägt den Diegos Namen. Santos-Präsident Marcelo Teixeira dazu: „Das neue Trainingszentrum wird noch weitere Robinhos und Diegos hervorbringen". Zu wünschen sei es den Anhängern von Santos allemal. Vielleicht ist dann auch wieder alles santástico.


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Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab heute im Handel) erzählen wir von der Goldenen Ära des FC Santos in den 60er Jahren.

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