27.03.2014

Peladão – das verrückteste Fußballturnier der Welt

»Es gibt den Menschen ein Ziel«

Jedes Jahr findet am Amazonas ein Fußballturnier statt, bei dem über 1000 Teams um den Titel kämpfen. Das Besondere: Droht einer Mannschaft das Aus, kann deren Schönheitskönigin im parallel laufenden Schönheitswettbewerb das Team im Turnier halten. Der Regisseur Jörn Schoppe hat darüber die sehenswerte Dokumentation »Elf Freunde und eine Königin« gedreht. Sie läuft heute Abend auf dem 11-mm-Festival.

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11FREUNDE
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Archiv

Die vielleicht rührendste Figur in diesem Film über brasilianische Fußballkultur ist ein Amerikaner. US-Soldat Butch hat die Armee verlassen, lebt in Manaus und hat zusammen mit Einheimischen sein eigenes Fußballteam gegründet. Das will der ambitionierte Spielertrainer beim Peladão zu Ruhm und Ehre führen, doch nach zwei schmucklosen Niederlagen ist der Traum bereits vorbei. Als zum bedeutungslosen letzten Gruppenspiel bloß noch sechs Spieler erscheinen, bricht für Butch eine Welt zusammen. Da sitzt er nun in seinem zwei Nummern zu kleinen Celtic-Trikot, unter dem der mächtige Bierbauch spannt, und klagt mit Tränen in den Augen: »Sie lieben Fußball einfach nicht so wie ich.«

Das mag für Butchs Mannschaft gelten, für viele andere in der Amazonas-Metropole Manaus trifft es nicht zu. Der sich über Monate hinziehende Peladão ist das wichtigste gesellschaftliche Ereignis in der mitten im größten Regenwald der Erde gelegenen Zweimillionenstadt, die bis zum heutigen Tag nur mit dem Schiff oder Flugzeug zu erreichen ist. Eine einzigartige Veranstaltung, die zwei der ausgeprägtesten brasilianischen Leidenschaften miteinander verbindet: Fußball und Schönheitswettbewerbe. Jede der über 1000 teilnehmenden Mannschaften hat eine Schönheitskönigin dabei, die ein bereits ausgeschiedenes Team durch Erfolge bei der gleichzeitig stattfindenden Misswahl zurück ins Turnier bringen kann.


Was Mitteleuropäern als eine besonders skurrile Variante des südamerikanischen Geschlechter-Chauvinismus erscheint, ist in Amazonien gelebte Alltagskultur. Der Film von Jörn Schoppe bewertet denn auch nicht, er beobachtet und lässt die Protagonisten erzählen. Dabei erreicht er das Beste, was man von einem Dokumentarfilm sagen kann: Die Zuschauer tauchen ein in die Welt des Peladão, als wären sie selbst dabei. Und sie entwickeln eine tiefe Sympathie für die Hauptakteure des Films, die – ob Zufall oder nicht – mehrheitlich nicht gerade zu den Erfolgreichen des Turniers gehören. Da ist ja nicht nur der unglückliche Butch. Wir leiden mit Jovane, dem Torwart eines Taubstummenteams, das fürchterlich auf die Mütze bekommt. Sergeant Ronald ist der stolze Abwehrchef einer Mannschaft von Luftwaffensoldaten, die es in die zweite Runde schafft und dann wegen eines Regelverstoßes disqualifiziert wird. Jaynne trägt ihr Ausscheiden in der Schönheitskonkurrenz mit Fassung, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter. Simone hingegen schafft es bis ins Finale, würde aber eigentlich lieber beim Fußballturnier mitspielen.

All diese Menschen wachsen einem ans Herz, weil sie so authentisch sind. Oder wie es jemand direkt in die Kamera sagt: »Der Peladão ist die Chance der Anonymen, einen Moment des Ruhmes zu erleben.« Die nachhaltigeren Karrierechancen bietet dabei der Kampf der Schönheitsköniginnen. Während die Fußballer meist keine Chance auf höhere Weihen oder, wie im Falle einiger teilnehmender Ex-Profis, ihre besten Tage schon hinter sich haben, hat es eine der Peladão-Siegerinnen später immerhin zur »Miss Brasilien« gebracht. Für die meisten, Kicker wie Königinnen, ist aber Dabeisein schon alles, beim größten und verrücktesten Fußballturnier der Welt.

»Peladão - Elf Freunde und eine Königin« läuft heute (27. März 2014) um 19:30 Uhr auf dem internationalen Fußballfilmfestival 11-mm. Mehr Informationen, Tickets und Spielzeiten findet ihr auf 11-mm.de

 
 
 
 
 
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