Osnabrücks Superlativ

Der jüngste Fanblock

Die PR-Beauftragten des VfL Osnabrück haben die Zeichen der Zukunft erkannt. Der Verein umwirbt die jungen Fans mit einem Kinderblock – und nicht nur das: Man wird nun sogar im Kreißsaal vorstellig. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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McDonald’s macht es und Ikea. Die Deutsche Bahn und das Fernsehen sowieso. Und nun auch der VfL Osnabrück. So konsequent wie kein anderer deutscher Profiklub sorgt sich der Verein mit den lila-weißen Farben um den Fan-Nachwuchs. Ab Saisonstart wird es im Stadion an der Bremer Brücke eine Kindertribüne geben.

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»Hier ist Platz für 250 Kinder, die Sitzplatztribüne ist direkt nebenan«, sagt Ralf Heskamp und zeigt mit den Händen, welcher Teil der Westtribüne mit einer hüfthohen Plexiglaswand abgetrennt werden soll. Heskamp, Vater von zwei Söhnen, weiß aus Erfahrung: »Kinder haben gerade in vollen Stadien kaum eine Chance auf gute Plätze
– es sei denn, die Eltern können sich teure Sitzplätze leisten.«

Und das Stadion wird voll sein in der neuen Saison, denn das Publikum ist von einer geradezu kindlichen Vorfreude gepackt. Endlich wieder 2. Bundesliga, noch dazu gegen Klubs wie Köln, Mönchengladbach, Kaiserslautern und 1860 München. Am Tag nach dem 2:1-Aufstiegssieg gegen RW Ahlen gingen die ersten Bestellungen für Dauerkarten ein – mit Blanko-Schecks. Die 2700 Sitzplätze sind komplett an Dauerkunden vergeben. Manch einer wurde Klubmitglied, um die Chance auf einen Stammplatz zu erhöhen. Insgesamt setzte der VfL über 4000 Dauerkarten ab.

»Wir sind alle ein Stück VfL Osnabrück«


Für 250 Kinder wird es immer Karten geben, auch bei den Topspielen gegen die Vereine, die die jüngeren VfL-Anhänger nur aus dem Fernsehen kennen. Regelmäßig will der Verein Kinder einladen, die sich den Besuch im Stadion nicht leisten können. Erzieherinnen aus umliegenden Kindergärten kümmern sich um die Betreuung der
jüngsten Stadionbesucher, für die sogar eine Erkennungsmelodie in Arbeit ist: Der Produzent der Klubhymne »Wir sind alle ein Stück VfL Osnabrück« ist eingeschaltet.
Eigentlich war die Idee der Kindertribüne Teil des Konzeptes der neuen Nordtribüne. Doch das Finanzierungsverfahren für die fünf Millionen Euro teure Umgestaltung der maroden Stehplatzgeraden in eine Sitzplatztribüne verzögert sich; vor Januar 2008 können die Bagger nicht auffahren. Viele Fans glauben schon nicht mehr an die Realisierung, denn schon vor Jahren ließen die Klubchefs ihren Träumen freien Lauf
– doch nichts geschah. Notwendig ist die Maßnahme allemal, denn das enge Stadion an der Bahnlinie nach Bremen hat zwar eine erneuerte Flutlichtanlage und sechs VIP-Logen, verströmt aber den Charme einer vergangenen Fußball-Epoche. Das ist freilich reizvoll für viele Fans, die sich den Hightech-Tempeln des Kommerzfußballs verweigern wollen. Doch der VfL, der in den schweren Regionalligajahren knapp drei Millionen Euro Schulden aufgebaut hat, braucht derzeit jeden Cent Mehreinnahme durch einen Zuwachs an teuren Plätzen. »Die neue Nordtribüne ist ein Eckpfeiler für den Erhalt Osnabrücks als Standort im deutschen Profifußball«, sagt Präsident Dirk Rasch.

Wenn er das sagt, klingt der Mann wie einer der austauschbaren Klubbosse, die den Fan vornehmlich als Kunden wahrnehmen. Doch Rasch ist anders, er ist ein bekennender Fußball-Romantiker, der Sympathien für die Ultras in der Ostkurve hat und sich sofort begeistern ließ für die Aktion Kindertribüne. Dass es Sinn macht, sich um den Nachwuchs zu kümmern, zeigt die Ostkurve, das Epizentrum der Stimmung an der Bremer Brücke. Viel junges Volk drängt sich dort. Manager Lothar Gans wundert sich manchmal noch über den hohen Anteil weiblicher Fans: »Früher musste man zum Tanztee gehen, um ein Mädchen kennenzulernen, heute ist das im Stadion leichter.«

Umso größer ist nun die Entschlossenheit, die Chance zu nutzen, Kinder frühzeitig für den VfL zu interessieren. Einen Namen hat der Nachwuchsblock bereits, er wird »Joe-Enochs-Kinderblock« heißen. Benannt ist die Aktion nach dem ältesten Spieler im Kader, ein anderer wäre nicht dafür in Frage gekommen. Der Amerikaner hat seit 1996 alles mitgemacht, er ist gewiss nicht der beste, wohl aber der populärste VfL-Profi. Er vollendet demnächst sein 36. Lebensjahr und wird in der neuen Saison wieder um seinen Stammplatz kämpfen müssen. Der Vater von zwei Töchtern ist der perfekte Pate für die Nachwuchsfans.

Noch konsequenter als der VfL ist nur noch das städtische Klinikum Osnabrück. Dort haben sie einen in den VfL-Farben gehaltenen Kreißsaal eingerichtet, in dem die Neugeborenen einen lila Strampler und auf Wunsch die Mitgliedschaft verpasst bekommen. Auf Wunsch der Eltern, versteht sich, die so frühzeitig verhindern können, dass sich das Kind für den falschen Verein entscheidet. Wer einmal einen lila-weißen Strampler trägt, wird später kaum nach Bielefeld oder Münster zum Fußball fahren.

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„Ich muss authentisch sein“ – Pele Wollitz im Interview www.11freunde.de/bundesligen/102850

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