Ortsbesuch: Mit Sunday Oliseh auf der »Zeit«-Konferenz

Currywurst und Zeitgeschichte

»Die Zeit« versammelte am Samstag unter dem Thema »Fußball und Wirtschaft« allerlei Fachleute in Berlin. Zwischen Podiumsdiskussion und Currywurst sprach Sunday Oliseh über »das erlösende Tor und einen jubelnden Diktator«. Ortsbesuch: Mit Sunday Oliseh auf der »Zeit«-Konferenz

Samstag, 21. Mai 2011: Während sich am Potsdamer Platz hunderte Schlachtenbummler bierseelig und lautstark auf das anstehende DFB-Pokalfinale vorbereiten , findet wenige Meter entfernt das komplette Kontrastprogramm statt. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Fußball treffen sich zur »Zeit«-Konferenz unter dem Motto »Fußball und Wirtschaft« in den Berliner Ministergärten, jenem weißen Gebäude der Hessischen Landesvertretung, das schon ob seines freihängenden oberen Stockwerks direkt ins Auge vorbeigehender Passanten fällt. Solange sie nicht gerade als MSV-Zebra verkleidet in Richtung Olympiastadion ziehen.

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Am Eingang warten zwei Bodyguards, 2,50 Meter groß, und beäugen grimmig die Ankömmlinge. Jeder ist ein potentieller Feind. Innenminister Dr. Hans-Peter Friedrich hat sich angekündigt – Sicherheit hat daher oberste Priorität. Pfeffersprays oder Stinkbomben werden bei einer Taschenkontrolle zur Erleichterung aller jedoch nicht lokalisiert. Stattdessen stehen die Gerüche des bevorstehenden Buffets schon morgens in der Luft. Trotz sommerlicher Temperaturen und modischem Freifahrtsschein – soll heißen »Smart-Casual-Dresscode« – verzichtet das Gros der Anwesenden dennoch nicht auf die zweite Haut aus Jackett und Krawatte. Der Konferenzsaal im ersten Stock ist zur Eröffnung voll besetzt. Und »Die Zeit« gibt sich als guter Gastgeber: Neben reichlich Infomaterial, Schreibblock und Kugelschreiber, wartet die aktuelle Ausgabe des Kicker auf den Sitzen – so kommt Langeweile auf. Und ja, anfänglich wiegt mehr die Wirtschaft, weniger der Fußball. Amüsant ist es dennoch, zumindest phasenweise: »Da in Österreich die Trikotwerbung nicht begrenzt ist, rennen die Spieler dort rum wie Litfaßsäulen«, bringt DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach die Wirrungen der ausufernden Kommerzialisierung des Fußballs auf den Punkt. Ein Teil des Publikums lacht lauthals auf. Ein erster Höhepunkt des Tages.

Ein kulinarischer Höhepunkt zur Mittagszeit

Pünktlich um 12.30 Uhr wird das Mittagessen präsentiert. Auf sechs Tischen warten Salat, Schupfnudeln, Rotbarsch, Schweinegeschnetzeltes sowie Nachtisch auf Abnehmer. Und der Andrang ist groß. Mit goldbraunen Kroketten und zartem Geschnetzelten bewaffnet, zieht es die Zweireiher-Karawane zum Essen in den Garten. Die Sonne scheint. Im Hintergrund klingen blau-weiße Schlachtrufe: »Schaaaaaaaalke 04...«. Nie war der Fußball so nahe und doch so weit entfernt. Das Dessert sei köstlich, doch einen Espresso bekommt man hier nicht, moniert ein Tischnachbar erregt als eine Glocke glücklicherweise die zweite Halbzeit einläutet.

Die angekündigten Fußballer lassen bis zu ihrem Plenum um 15.00 Uhr auf sich warten. VfB Stuttgart-Kapitän Cacau und der ehemalige Dortmunder Sunday Oliseh nehmen neben Weltenbummler Lutz Pfannestiel auf den weißen Podiumssesseln Platz. Thema: »Verändert Fußball die Welt?« Komplizierte Frage, deren Beantwortung der mit tiefbayrischem Tonfall redende Pfannenstiel als Stimmungskanone eröffnet: »Entschuldigen Sie bitte, dass ich einen stärkeren Akzent habe, als Sunday und Cacau«. Der Saal ist zwar nur noch halb gefüllt, die Lacher dafür doppelt so laut. Der Nigerianer Oliseh offenbart launige Details aus seiner Profifußballer-Vita und hebt einen besonderen Aspekt des Sports in ärmeren Ländern hervor: »Ich kann durch meine Verdienste als Profi in Europa meine 50-köpfige Familie in Nigeria ernähren«, so der heute 36-jährige.
Außerdem habe der »Fußball die Macht, politische Verhältnisse zu ändern«. Wie er das genau meint, erklärt Sunday Oliseh beim abschließenden Currywurst-Essen: »Fußball hat in Nigeria alles verändert. Aber insbesondere 1996.« Die Super Eagles aus Nigeria standen seinerzeit bei den Olympischen Spielen in Atlanta im Finale gegen Argentinien und hatten im Halbfinale zuvor den großen Turnierfavoriten Brasilien bezwungen. Zu dieser Zeit herrschte Diktator Sani Abacha in Nigeria, es drohte ein blutiger Bürgerkrieg. »Die Lage war sehr kritisch, das wussten wir auch. Wir glaubten dennoch an unseren Sieg. Das Finale fand Sonntags statt und wurde in Nigeria um Mitternacht übertragen. Jeder Nigerianer klebte an den Fernsehschirmen und vergaß seine Aggressionen.« Tatsächliche schaffte Nigeria die Sensation. In der 90. Minute erzielte Emanuel Amuneke den 3:2-Siegtreffer. »Unser Land stand Kopf. Selbst der Diktator feierte und rief zwei arbeitsfreie Tage aus.« Für Zeitgeschichte und eine Wurst ist eben immer noch Platz.

Geographienachhilfe mit der Duzmaschine

Dass Waldemar Hartmann bei einem Frage- und Antwortspiel mit »Zeit«-Geschäftsführer Dr. Rainer Esser posaunt, bei der »WM in Japan und Asien 2002« habe die deutsche Elf schlecht, jedoch erfolgreich gespielt, findet im fast leeren Nebenraum kaum Gehör. Längst ist im Foyer Hektik ausgebrochen, es herrscht Aufbruchstimmung: Auch Oliseh muss los, schließlich fährt der Shuttle-Bus zum Olympiastadion in fünf Minuten ab. Sein Kumpel Hans Sarpei rechne fest mit seiner Unterstützung. »Auch wenn ich als ehemaliger Dortmunder dem MSV Duisburg im DFB-Pokalfinale die Daumen drücke«, gesteht Oliseh bei seinem Abgang. Und das obwohl auf Schalke in dieser Saison mit schlechtem Fußball ebenfalls ein Alleinherrscher verjagt wurde.

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