Ortsbesuch: Die Buchvorstellung von »Die Zwanziger Jahre«

Erinnerungen an Tic Tac Toe

Gestern Abend stellte Theo Zwanziger in Berlin sein Buch die »Zwanziger Jahre« vor. Was nach Skandal-PK roch, war am Ende sehr ernüchternd. Ein Ortsbesuch.

Auf einer kleinen Bühne sitzt ein grauhaariger Mann in einem labskausfarbenen Ledersessel. Er zupft sich seine Altherrenkrawatte zurecht. Fotokameras klicken. Dann schaut er in den Raum und sagt einen Satz, der einem schlagartig verdeutlicht, auf was für eine Veranstaltung man da geraten ist. Der Mann sagt: »Günter hat mir ein Fax geschickt und abgesagt. Er war etwas irritiert über das Presseecho, das mein Buch verursacht hat.«

Berlin, Mittwochabend, Anhalter Bahnhof. Während sich wenige Meter entfernt am Potsdamer Platz Großgruppen endlich den ersten Glühwein genehmigen können, hat Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger zur offiziellen Buchvorstellung in das Verlagsgebäude des »Tagesspiegel« geladen. 150 Gäste warten in einem schlauchartigen Raum, der den Charme einer Schulkantine versprüht. Das ist er also, der Verfasser des Buches, das laut »Süddeutscher Zeitung« als »Übel des Jahres in der Fußballbranche« angesehen werden kann. Über die Boulevardmedien hatte sich Theo Zwanziger in den letzten Tagen eine üble Schlammschlacht mit den Großkopferten des deutschen Fußballs geliefert. Hoeneß, Klinsmann, Sammer, Niersbach, Löw – sie alle bekamen in diesem Buch ihr Fett weg. Quasi über Nacht war der tadellose Mann aus Altendiez zum Skandalautor geworden. In einer Reihe mit echten Schmierfinken. Mit Charlotte Roche und Thilo Sarrazin. Ein Outlaw, der ungeniert Intimitäten und bizarre Details aus dem inneren Zirkel des DFB preisgibt. Und heute Abend stehen zehn Kamerateams für den nächsten Verbalrundumschlag der Marke Zwanziger bereit. Theo gegen den Rest der Welt.

»Das ist eine ernsthafte Frage«

Diese unruhigen Umstände hatten bei Zwanzigers geplantem Stargast Günter Netzer letztlich zu einer Distanzierung geführt, doch wenigstens Noch-Grünen-Chefin und Zwanziger-Duzfreundin Claudia Roth nimmt neben dem Altpräsi Platz. Und während die Gäste interessiert am Laugengebäck mümmeln, werden kurz Erinnerungen an die großen Pressekonferenzen der deutschen Mediengeschichte wach. Daums Drogenbeichte, zu Guttenbergs Rücktritt, die Trennung von Tic Tac Toe. Liegt auch hier ein Stück Sportgeschichte in der Luft? Doch dann erzählt Zwanziger zur Eröffnung von Günter Netzers Fax und nimmt schon im nächsten Atemzug auch den letzten Mikrobar Druck aus dem Kessel: »Mein Buch ist eine Liebeserklärung an den Fußball und kein Abrechnungsbuch!« Bitte was?

Was folgt, ist eine Mischung aus Wortspielbingo und ständigem Abwiegeln. Zwanziger rudert Satz für Satz weiter zurück und betont sogar, dass er die Leistungen von Hoeneß in seinem Buch über viele Seiten gewürdigt habe. Kritisiert hätte er nur zwei Aspekte: »Ein Mann dieser Bekanntheit darf sich nicht in einer derartig abwertenden Weise über den Frauenfußball äußern«, sagte Zwanziger. Außerdem habe er sich besonders über die »bitterböse Medienschelte über Südafrika und die WM 2010« des Bayern-Präsidenten geärgert. Dann hält Claudia Roth endlich ihren unausweichlichen Claudia-Roth-Monolog, kommt von ihrem freundschaftlichen Verhältnis zu Theo zu den herrlichen Eindrücken, die man gemeinsam beim Besuch im Unrechtsstaat Nordkorea gesammelt hat und just als man dabei ist, wegdösend die Ausgangsfrage von Moderator Robert Ide zu vergessen und sich lieber auf eine Sklavengaleere zu wünschen, hakt Ide genial ein. »Apropos verwirrende Systeme: Sie sind ja auch Mitglied in der Fifa und sagen, dass Sepp Blatter unterm Strich gute Arbeit macht.« Zwanziger stutzt und versucht jovial abzulenken, doch Ide bleibt dran: »Das ist eine ernsthafte Frage.«  Zwanziger holt erst kurz Luft, um dann mit sich überschlagendem Horst-Schlämmer-Gedächtnistimbre zum Loblied auf Blatter anzusetzen, das im finalen Statement über den Chef des Fußballweltverbandes endet: »Sepp Blatter ist nicht für alles verantwortlich!« Dass er dabei nicht prustend vom Sessel rutscht, kann durchaus als passable Schauspielleistung anerkannt werden.

Im weiteren Verlauf des Abends geht es um die fehlende Wertschätzung des Ehrenamtes, Klogespräche mit Franz Beckenbauer und immer und immer und immer wieder um die Leistungen von Theo Zwanziger. Als nach 45 Minuten die ersten Gäste mit fahlen Gesichtern den Raum verlassen, ist längst allen klar: Theo Zwanziger war wohl der beste DFB-Präsident aller Zeiten. Dummerweise hat er genau ein Problem: Ihn frisst die Angst auf, dass nicht auch der letzten Fußballfan dieses Landes das entsprechend würdigt. Deshalb gibt es dieses Buch. Deshalb gab es diesen Abend, der letztlich doch nur einen echten Erkenntnisgewinn brachte: Günter Netzer und Theo Zwanziger sind wohl die letzten Menschen auf diesem Planeten, die noch per Faxgerät kommunizieren. Aber wollte man das wirklich wissen?

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