Ortsbesuch: Deutschland gegen Brasilien

Sie haben uns ein Monster gebaut

Zu keinem Anlass nimmt die Eventisierung des Fußballs groteskere Züge an als bei Länderspielen. Die erwartungsschwangere Stimmung pendelt zwischen Rave und Straßenfest. Das kann den gemeinen Fan verstören. Ein Erklärungsversuch. Ortsbesuch: Deutschland gegen Brasilien

Wir waren irgendwo zwischen Carl Benz Center und Porsche-Arena, als die Masse der Fans noch einmal ihre Wirkung entfaltete. Zu meiner Linken diskutierten zwei Kibitze das eben gesehene Spiel, vor allem den Endstand, der ja reichlich knapp gewesen sei und überhaupt, der deutsche Sturm zwar gut, die Abwehr aber die Schwachstelle. Skepsis. Zur Rechten näherten sich bierbehelmte Mittzwanziger, die Plüschpaule kreisen ließen und dazu in groben Strophen von Einigkeit und Recht und Freiheit krakeelten. Euphorie. Zehn Meter weiter löschte ein Schnauzbart in Lederkutte eilig den Lichtkegel der rostigen Campinglampe, die eben noch den mit Bierdosen, Schnaps und Zigaretten beladenen Tapeziertisch in schummrigen Dunst getaucht hatte. Scheele Seitenblicke zum Ordnungsdienst. Die Angst des Hehlers vor der Enttarnung, genährt durch den lautstarken Protest zweier Mädchen mit sehr synthetischen Haaren, endlich die bestellten Doppelkörner rauszugeben. Anspannung. Und dann – schlenderte der Ordnungsdienst weiter, ging die Lampe wieder an, bekamen die Mädchen ihre Kurzen gereicht. Entspannung.

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Das Spiel zwischen Deutschland und Brasilien hat wieder mal bewiesen, wie wenig das Publikum bei Länderspielen mit den Kurven der Bundesliga gemein hat. Auf Vereinsebene diktiert ein entspannter Trott den Spieltag. Es ist die zigste Saison, man hat alles schon gesehen, alles schon gehört, alles schon erlebt. Die Liga ist Alltag, der Regelfall. Länderspiele genießen indes eine exponierte Stellung. Die zeitlichen Abstände zwischen den Spielen, die ständig wechselnden Austragungsorte, die immer im Wandel begriffene Mannschaft – Länderspiele sind Ausnahmesituationen, und wie das nun mal so ist in Ausnahmesituationen, verhalten sich die Menschen plötzlich anders. Extremer. Dieses Verhalten eskaliert in beide Richtungen. Es gibt extreme Freude, wenn die extremen Erwartungen erfüllt, und extreme Wut, wenn sie enttäuscht werden. Länderspiele sind ein gigantisches Borderline-Syndrom. Die Stimmung kann jederzeit kippen.

Zwischen Laola und Pfeifkonzert

Der gestrige Abend in Stuttgart hatte sogar noch mehr Fallhöhe, weil es nicht mal um Punkte ging. Die Partie war als Freundschaftsspiel etikettiert. Das klingt harmlos. Aber Freundschaften können auch zerbrechen. Das Team von Jogi Löw diktierte die erste Halbzeit, zwölfmal in Serie rollte die Laola durch die Arena. In der 43. Minute rutschte dem als Rechtsverteidiger aufgebotenen Christian Träsch dann gleich zweimal ein simpler Querpass ins Seitenaus. Das Publikum quittierte die Aktion mit gellendem Pfeifen. Natürlich, Träsch ist Ex-Stuttgarter, im Sommer hat er dem Verein für Wolfsburg den Rücken gekehrt. Grund genug für die Missgunst, könnte man meinen. Als er in der 45. Minute allerdings nach mutigem Solo einfach mal abzog, aus mehr als zwanzig Metern, und das Tor nur knapp verfehlte, da bebten die Ränge. Da gab es donnernden Applaus für den Ex-Stuttgarter und neuen Wolfsburger.

Zweifellos ist die Eventisierung von Länderspielen hinlänglich beschrieben. Das heißt aber nicht, dass man sich an sie und ihre Auswüchse gewöhnt hat. In Stuttgart floh ich noch vor dem Abpfiff aus dem Stadion, entkräftet vom Emotionsmetronom, von den extremen Stimmungsschwankungen. Auf meinem Weg über die Betontreppen sah ich am Eisstand eine kleine Familie in trauter Runde, Vater, Mutter, Tochter, alle in Schal und Trikot. Ich sah den Vater seiner Tochter ein Eis kaufen, es ihr mit einem Kuss auf die Wange übergeben, die Mutter lächelte milde, die Kleine strahlte. Dann entglitt ihr der Stiel und das Eis matschte zu Boden. Der Vater pöbelte und schrie laut, ein Euro, futsch sei der einfach, das Mädchen weinte und die Mutter rollte mit den Augen.

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