Ortsbesuch beim »Runden Tisch gegen Fußballgewalt«

Verbale Abrüstung

Die deutsche Fanszene hatte schärfere Sanktionen, noch mehr Verbote und vor allem verbale Paukenschläge erwartet – doch der der »Runde Tisch« gegen Fußballgewalt gab sich eher versöhnlich denn auf Konfrontationskurs. Ein Ortsbesuch. Ortsbesuch beim »Runden Tisch gegen Fußballgewalt«

Gespannt warten die rund 60 Journalisten im kleinen Presseraum des Bundesinnenministeriums auf die höchsten deutschen Fußballfunktionäre und den Innenminister. Vor dem Podium, auf dem die Pressekonferenz zum »Runden Tisch« gegen Fußballgewalt jeden Augenblick beginnen sollte, drängeln sich ein Dutzend Fotografen und Kameramänner. Alle Objektive richten sich auf eine halboffene Tür, aus der die Verkünder über Wohl und Wehe der deutschen Fankultur gleich treten werden. Als sich dann die Schritte nähern, unkt jemand: »Gleich knipsen sie ihr Lächeln an.«

Doch der Einzige, der lächelt, nachdem sich das leise Maschinengewehrsummen der Kameras gelegt hat, ist Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Er, der bei diesem Spitzentreffen zur Fußballgewalt am ehesten die Sicht der Fans nachvollziehen und vertreten konnte, wirkt sichtlich gut gelaunt – zur allgemeinen Überraschung. Denn erwartet wurde eher das selbstzufriedene Lächeln der anderen Podiumsgäste, die in den vergangenen Wochen samt und sonders nach schärferen Sanktionen gegen zündelnde und randalierende Fans gerufen hatten.

Da wäre beispielsweise Dr. Theo Zwanziger, DFB-Präsident, der in einem Interview mit dem »kicker« laut über eine »Beschränkung oder komplette Aufgabe von Stehplätzen« nachgedacht hatte, nun aber darauf Wert legt, dass dies selbstverständlich keine Forderung gewesen sei. Stattdessen: »Stehplätze haben ihre Berechtigung und ihre Bedeutung.« Neben ihm sitzt Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball, der sich vor zwei Wochen von der »Süddeutschen Zeitung« folgendermaßen zitieren ließ: »Natürlich ist zum Beispiel eine Reduzierung der Auswärtskontingente bei manchen Klubs denkbar. Bis hin zu einem kompletten Ausschluss von Gästefans.« Nun ist davon keine Rede mehr. Anstelle eines Sanktionskatalogs präsentiert Rauball seine Idee einer »Task Force Sicherheit«. In ihr soll der Dialog über die Sicherheit beim Fußball fortgeführt werden, diesmal sogar unter Einbeziehung eines wahrhaftigen Fan-Vertreters. Außerdem dabei sind ein Fanbeauftragter eines Vereins und Vertreter der KOS. Diese müssen sich behaupten gegen: Vertreter der Polizei, der Bundespolizei, der Generalstaatsanwaltschaft, der Justiz, der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), des DFB, der DFL und einen Ordnungsdienstleiter. 

Selbst Innenminister Hans-Peter Friedrich, der schon vor der öffentlichen Debatte um gewalttätige Fußballfans zu dem Treffen eingeladen hat, ist heute auf Kuschelkurs. Ganz auf Versöhnungslinie spricht er anschließend von dem verschwindend geringen Teil der Problemfans, der im »Promillebereich« liege, von Zivilcourage, die die Mehrheit der friedlichen Fans zeigen müsse und einer intensivierten Qualifikation der sozialpädagogischen Fanprojektmitarbeiter. Selbst das Anhörungsrecht für Fans, gegen die ein Stadionverbot beantragt ist, wird vom Minister als »wichtig« bezeichnet.

Fans können sich nun selbst verteidigen

Lange Jahre war die Verweigerung dieses elementaren Rechtes einer der umstrittensten Punkte der Stadionverbotspraxis. Nun sollen Fans sich also verteidigen dürfen, bevor sie für maximal drei Jahre ausgeschlossen werden. Im Vorfeld des »Runden Tisches« drohte noch eine Verlängerung der Stadionverbote auf fünf Jahre, selbst lebenslange Ausschlüsse wurden diskutiert. Dass jetzt die Rechte der Fans gestärkt werden sollen, ist daher ein geradezu bahnbrechendes Ergebnis.

Die aufgeheizte mediale Debatte der vergangenen Wochen zeichnete ein Bild von Gewalt und Chaos in den deutschen Stadien. Doch die Runde setzt vorerst ein Zeichen der Besonnenheit. Dabei weckte sie im Vorfeld nicht unbedingt den Eindruck, den Fans mit pädagogischen Ansätzen begegnen zu wollen. So sorgte der Ausschluss jeglicher Fanvertreter für berechtigte Kritik. Nach dem Abbruch der Gespräche des DFB mit der Initiative »Pyrotechnik legalisieren« schien die Dialogbereitschaft endgültig beendet, verschärfte Sanktionen geradezu unumgänglich.

Warum diese Annäherung?

Was sind nun die Gründe dafür, dass die Runde die scharfe Rhetorik beiseite gelassen und sich dem Thema nüchtern und aufgeregt angenähert hat?  Womöglich haben Überlegungen eine Rolle gespielt, denen Friedrich eine »Chance auf Durchsetzbarkeit« attestiert. Trotz des strengen Pyrotechnikverbotes, an dem alle Seiten weiter festhalten wollen, zündeln Ultras in den Stadien Wochenende für Wochenende. Allein mit Reglementierungen und angedrohten Sanktionen ist es also nicht getan. Neuerliche Verbote, beispielsweise von Stehplätzen oder Alkohol, würden in der Praxis ebenso scheitern.

Vielleicht setzt sich ja doch die Einsicht durch, dass langfristige Verbesserungen nur im Dialog erzielt werden können. »Fans müssen als Teil der Lösung mit einbezogen werden«, fordert KOS-Mann Michael Gabriel. Es sind die 51 Fanprojekte, in denen dieser Dialog am kontinuierlichsten geführt wird. Die meisten Vereine wissen deren Arbeit zu schätzen.

Die letzten Fotos sind geschossen, die Pressekonferenz des »Runden Tisches« geht dem Ende entgegen, da verteilt Reinhard Rauball, der mächtige Liga-Präsident, die letzte Streicheleinheit im Kuschelkurs. Die Profiklubs, so sagt er, könnten durchaus ihre finanzielle Unterstützung für die Fanprojekte verbessern. Und da ist es wieder: Das zufriedene Lächeln des Michael Gabriel.

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