02.03.2013

Ortsbesuch: Alemannia in Zeiten der Insolvenz

Platt gemacht

Seite 2/3: Auch die Fans bluten. Alle Dauerkarten haben ihre Gültigkeit verloren
Text:
Bernd Müllender
Bild:
Imago

Beim Training auf dem überdimensionierten Parkhaus gleich neben dem überdimensionierten Stadion herrscht scheinbar business as usual. Viele unbekannte und sehr junge Gesichter sind dabei, Amateure und A-Jugendliche. An die 200 Hütchen in zwei Größen und vier Farben sind aufgebaut; es gibt Sprints auf Zeit zur »Leistungsdiagnostik«. Die Botschaft lautet: Hier wird sehr ernsthaft gearbeitet, wir spielen weiter.

Zwischendurch fliegen sogar Lachsalven über den Platz. 7 gegen 2 auf engstem Raum macht auch in der Insolvenz einen Heidenspaß. Die Verlierer des Trainingsspiels müssen sich zum Abschluss rückwärtig auf die Torlinie kauern, die Sieger feuern je einen Vollspannschuss von der Fünfmeterlinie ab. Rittlings getroffen, brüllt mancher laut auf. Chefcoach René van Eck hat dieses Machismo-Teambuilding eingeführt.

Auch bei den Coaches wird geflachst und gealbert. Torwarttrainer Stefan Straub, der Keeper aus Aachens güldener Epoche Mitte der nuller Jahre (Pokalfinale, Europacup, Bundesligaaufstieg), ist der lauteste. René van Eck scheint ohnehin lebenslang beste Laune zu haben. Wieder schüttelt er lachend sein langes Haar. Später wird er in seinem seltsamen Niederländisch-Schwyzerdeutsch sagen: »Wir machen alles wie immer. Am Alltag ändert eine Insolvenz nichts. Und wenn hier morgen Schluss ist, ja – dann gehe ich eben. Meine Familie in Luzern wird sich auf mich freuen.«

Geschäftsführer Frithjof Kraemer ist längst vom Hof gejagt, Aufsichtsratschef Meino Heyen, einst Gründer des Tec-Dax-Konzerns Aixtron, ging zwei Wochen danach freiwillig. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft »Wirtschaftskriminalität« in Köln ermittelt wegen Insolvenzverschleppung, Betrug, Steuerhinterziehung. Der DFB wittert geschönte Liquiditäts-Testate zum Saisonstart und droht mit zusätzlichen Punktabzügen für den derzeitigen Drittliga-Achtzehnten. Böse Zungen nennen Kraemer einen »Totenkraemer« – aber, sagen heute alle, gewusst oder zumindest geahnt, wie steil es bergab ging, haben alle seit langem.

Jetzt gilt: sparen, sparen, Kosten deckeln. Der Pressesprecher hatte beim Telefonat im alten Jahr noch gesagt: »Bis Januar – falls ich noch hier bin.« Jetzt ist er tatsächlich entlassen, die Probezeit machte es möglich. Keiner der 150 Angestellten – von den Spielern bis zur 400-Euro-Kraft – weiß, ob nicht morgen schon die Kündigung auf dem Schreibtisch liegt. Al-Aix, das Maskottchen (sprich dessen wechselnde Kostümträger), ist schon gekündigt. Den Job hat kommissarisch Michael Dzialoszynski übernommen, eigentlich Leiter des Alemannia-Mitgliederwesens. Bei Al-Aix gebe es »kein direktes Ertragspotential«, spöttelt der Diplom-Kaufmann im besten Insolvenzdeutsch. Die Situation »unter dem Damoklesschwert ist schon bedrückend«, sagt er, aber: »Alle ziehen an einem Strang und arbeiten nicht gegeneinander.«

Jörg Laufenberg ist auf der Geschäftsstelle seit 2005 eine Art Mädchen für alles. Der lebenslange Herzensalemanne (»eigentlich bin ich immer noch mehr Fan als Angestellter«) kümmert sich um Behördengänge für die Spieler, besorgt ihnen Wohnungen, macht den Liveticker und ist seit Sommer als passionierter Groundhopper auch im Scouting tätig. Gerade versucht er Stürmer Freddy Borg auf Englisch zu erklären, was eine »Beitragsbemessungsgrenze« ist. Die Stimmung, sagt Laufenberg, sei eigentlich unverändert gut. »Niemand verfällt in Panik. Wir Angestellte sind wie Patienten auf der Intensivstation. Und wir wissen, manchmal ist ein Todkranker auch 30 Jahre nach der Diagnose noch quicklebendig.«

Hoffnung und ein wenig Fatalismus wechseln sich ab. Die Empfangsdame in der weitläufigen Tivoli-Lobby hatte nach dem Begehr gefragt. »Ich habe einen Termin mit Herrn Mönig, der hier alles retten will, auch ihren Arbeitsplatz ...« Spitze Antwort: »Na, hoffentlich weiß der das auch.« Yvonne Bongard, Mitarbeiterin im Veranstaltungsmanagement, hat gerade ein Elfmeterschießen mit dem Profitorwart als Gruppen-Event verkauft. Das ist wieder ein Hunderter Einnahme!? »Och, das sind schon ein paar hundert, je nach Teilnehmerzahl.« Sie grinst. »Noch sind wir ja nicht Kreisklasse«.

Auch die Fans bluten. Alle Dauerkarten haben ihre Gültigkeit verloren

Auch Susanne Czennia hat Galgenhumor. Seit fast 14 Jahren ist sie Assistentin der Geschäftsführung. »Wer mir damals alles abgeraten hat«, erinnert sie sich. »Alle sagten: ›Alemannia? Lass das lieber. Die sind doch dauernd pleite.‹« Die Hängepartie jetzt sei blöd. »Jeden Tag kann Schluss sein.« Czennia ist quasi vom Fach, ihr Arbeitgeber bis 1999 war eine Baufirma, die in Konkurs ging. »Ich kannte das alles, mit Insolvenzgeld zum Beispiel. Insofern passt das jetzt ja.« Ein klein wenig lacht sie jetzt sogar.

 
 
 
 
 
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