Ortsbesuch: Alemannia in Zeiten der Insolvenz

Platt gemacht

Am Tivoli herrscht Endzeitstimmung. Alemannia Aachen hat Antrag auf Insolvenz gestellt. Ortsbesuch bei einem Traditionsverein, bei dem momentan niemand mehr weiß, wie es weitergeht.

Heft: #
135

Der Trainingsauftakt im neuen Jahr, morgens um 9 Uhr, passt zur Aachener Großwetterlage. Ein fieser Wind fegt über den Platz, Schwaden aus feinem Nieselregen mischen sich darunter. Manch muffeliges Spielergesicht will die Stimmung unterstreichen. Es fröstelt beim zahlungsunfähigen Traditionsklub.

Alemannia Aachen ist pleiter als jeder Geier und hat, ächzend unter akuten Millionenschulden, Ende November Antrag auf Insolvenz gestellt. Die Gläubiger – unter anderem Stadt, Sponsoren, Banken, Finanzamt, Lieferanten – müssen erst mal stillhalten. Der 50-Millionen-Palast für 33 000 Zuschauer (»Neuer Tivoli«) wurde überteuert finanziert, Rückschläge ignoriert. Schon 2010 warnten Wirtschaftsprüfer, zuletzt tauchten Forderungen erst gar nicht mehr in den Büchern auf, um scheinbar geordnete Bilanzen am Leben zu erhalten.

Goldfarbene Polster – Dokumente alemannianischen Größenwahns

Noch im Frühjahr 2012 wurde massiv umgeschuldet, der Kommune und dem Land zweistellige Millionen-Bürgschaften abgeluchst. Selbst hatte Alemannia zwar Planzahlen für die dritte Liga, aber nur auf dem Papier. Und so wuchs die akute Kostenwelle, munter vor sich hergeschoben, rasant weiter auf über vier Millionen Euro – und begrub den gelben Klotz.

Zahlungsunfähigkeit an sich ist nicht das Ende und bietet durchaus Optionen. Der Antrag auf Insolvenz bedeutet laut Verbandsstatuten nicht automatisch Zwangsabstieg in die vierte Liga. Der droht erst, wenn das Insolvenzverfahren tatsächlich eröffnet wird. Die neuen Verantwortlichen glauben, dass es dem DFB gegenüber Verhandlungspotential gibt. »Wenn wir die Sanierung im laufenden Betrieb schaffen und sportlich die Liga halten«, sagt Insolvenz-Geschäftsführer Michael Mönig, ein versierter Mann im Konkurs-Business, »darf man doch nicht wegen einer unzeitgemäßen Satzung dafür bestraft werden.« Erste Gespräche laufen.

Aber egal ob entschuldeter Neustart in der dritten oder vierten Liga: Das funktioniert nur, wenn die Saison irgendwie mit irgendwelchen Leuten zu Ende gespielt wird. Also gilt: durchhalten, durchwursteln. Und das ist eine Aufgabe, die Herkules ins Schwitzen gebracht hätte. 2,5 Millionen Euro Minimum müssen bis zum letzten Spieltag im Mai irgendwo herkommen, um die laufenden Kosten (Gehälter, Strom, Abgaben, Kosten des Spielbetriebs) zu stemmen. Gelingt das nicht, muss das Insolvenzverfahren schon während der Saison eröffnet werden, was die sportliche Implosion für die Alemannia auslösen kann: Löschung aus dem Vereinsregister, Auflösung. Ein Neuanfang wäre in der Kreisliga D möglich. Das ist die elfte Liga.

Davor ist der große Optimismus des Insolvenz-Geschäftsführers Michael Mönig. »Wir können für ein halbes Jahr eine Käseglocke aufbauen und uns darunter mit der erhaltenden Sanierung selbst befreien.« Aber nur, wenn alle mitmachen. Auf Geld verzichten, die Spieler vorneweg. »Und ich sage allen: Ich pokere nicht. Wir arbeiten gläsern. Es gibt keine Alternative.«

Womöglich werden einige ihren Arbeitsplatz verlieren. Und Sponsoren dürfen nicht abwarten, sondern müssen mitmachen – »Und zwar jetzt. Sonst ist der Zug in ein paar Wochen aus dem Bahnhof.« Abgefahren aufs Abstellgleis der Fußballgeschichte.

Wir sitzen in Loge 1. Die Polster sind goldfarben, das Gestühl edelhölzern, das Parkett fein gegliedert: augenfällige Dokumente des alemannianischen Größenwahns. »Ja, die Ausstattung der Lounges wäre für Bundesliga Toplevel«, sagt Rechtsanwalt Prof. Rolf-Dieter Mönning, der beigeordnete Sachwalter, der mit Mönig die Sanierung wuppen will. Mönning spricht vom »Ritt auf der Rasierklinge«. Er hat in den Akten viel »kreative Buchhaltung« entdeckt und weiß um die Absurditäten: »Wir sitzen hier ganz edel. Und die Stadt hat Anspruch auf Pacht. Aber im Moment können wir nichts zahlen.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!