Olympique Marseille unter Bernard Tapie

Der große Diktator

Unter Bernard Tapie bestieg Olympique Marseille 1993 den europäischen Thron. Danach versank der Klub im Sumpf der Korruption. Vor dem heutigen Champions-League-Duell OM gegen den BVB erinnern wir an eine echte Kriminalgeschichte.

Es ist das bizarrste Epos des französischen Fußballs. Begonnen hat es 1986, als der Fußball noch ein wahrer Männersport war und die Klubpräsidenten bärbeißige Provinzhonoratioren. Sein Ende fand es 1995 vor dem Richter. Einige Monate vor dem Bosman-Urteil. Ein Augenzwinkern der Geschichte vor der endgültigen Kommerzialisierung des Fußballs. Neun Jahre, in denen Olympique Marseille viermal französischer Meister und einmal Pokalsieger wurde und 1993 auch den Heiligen Gral der Fußballwelt gewann, die Champions League. Keine zwei Jahre später versank der Klub in einem Sumpf aus Korruption- und Dopingvorwürfen und gewann bis heute keine einzige Trophäe von Bedeutung mehr. Seinen phänomenalen Aufstieg und seinen tiefen Fall in den Abgrund verdankt OM einem Mann: Präsident Bernard Tapie.

Ein Latin Lover. Groß, gutaussehend, stets mit einer virilen Bräune im Gesicht. Er betörte die Menschen, die ihn umgaben, mit seinem umwerfenden Charme genauso, wie er sie mit beißendem Spott in die Knie zwingen konnte.

Tapie sang, verkaufte Fernseher, moderierte – und wurde reich

Mitte der achtziger Jahre hatte Tapie bereits mehrere Leben hinter sich. Er sang in Varietés, verkaufte Fernseher, wurde später Moderator einer TV-Show und spezialisierte sich schließlich auf den Ankauf von Firmen, die in Schwierigkeiten steckten. Eine klassische Heuschrecke. 1990 verfuhr er auf genau diese Weise mit dem Sportartikler Adidas. »Der beste Coup meiner Karriere«, begeisterte sich Tapie selbst. »Er war kein Konstrukteur, er plante nicht langfristig, er war nur besonders gut darin, günstige Gelegenheiten zu erkennen«, charakterisiert ihn Marc Fratani, damals Chauffeur, Leibwächter und Berater des mondänen Paradiesvogels. Anfang des Jahres 1986 arbeitete Fratani für den Bürgermeister von Marseille, Gaston Defferre, einen Politikerfürsten, der seit 1953 diesen Posten innehatte und mit großem Bedauern erkennen musste, dass Olympique Marseille fußballerisch keine Rolle spielte. Und das in Anbetracht der bevorstehenden Wahlen. »Wenn es im Fußball gut läuft, läuft es auch gut für die Marseiller Politiker«, fasst Fratani zusammen. Gaston Defferre hatte einen Plan und dieser Plan hieß: Bernard Tapie, sein Vermögen, seine Ambitionen. Der Politiker war überzeugt: Als Präsident von Olympique würde Tapie den Klub wieder nach vorne bringen und Defferres politischer Erbe werden. Das wiederum kam dem Geschäftsmann Tapie, der davon träumte, sich eines Tages um das Amt des Staatspräsidenten zu bewerben, sehr gelegen.

Dabei war Tapie eigentlich Anhänger des AS Saint-Etienne. Doch OM sollte sein Sprungbrett zum Ruhm werden. Dabei verfolgte er eine simple Strategie: Nur die Besten sollten für den Klub spielen. Würde er heute die Geschicke bei Olympique leiten, hießen seine Wunschspieler Lionel Messi und Cristiano Ronaldo.

Anfangs ein Abenteuer – »dann wurde Tapie beratungsresistent«

Der erste Akt seines Plans: die Abwerbung Michel Hidalgos, bis dahin Trainer der französischen Nationalmannschaft. Tapie benahm sich wie bei einer Shoppingtour – auch gegenüber dem Fußballverband. Bis 1991 prägte Hidalgo fortan als Manager den Klub. Er erklärt dazu: »Die ersten zwei Jahre waren ein herrliches Abenteuer. Dann wurde Tapie zunehmend beratungsresistent. Und das endete für mich so, wie ich es erwartet hatte: schlecht.« Während der ersten Spielzeiten lernte Tapie. Er schaute sich bis zu sechs Fußballspiele am Tag an. Schnell kannte er die wichtigsten 
Spieler der ersten Liga mit all ihren Stärken und Schwächen.

Sein Gespür sollte Wunder vollbringen. Anfang des Jahres 1989 kam ein Spielerberater mit dem Anliegen in sein Büro, Paul Gas-
coigne nach Marseille zu vermitteln. Gemeinsam stiegen sie in Tapies Privatjet und flogen zu einem Spiel von Tottenham. Während des Spiels drehte sich Tapie zu dem Berater um und sagte: »Dieser Spieler muss nach Marseille kommen, unbedingt!« Doch sein Finger zeigte auf Chris Waddle. Tapie zahlte für Waddle 45 Millionen Francs (rund sieben Millionen Euro), die bis dahin dritthöchste Transfersumme der Fußballgeschichte, rund das Dreifache von dem, was man für die damaligen Stars der französischen Liga hinblättern musste. Nachdem der Brite anfänglich einige Monate über den Platz irrte, erspielte er sich ab 1992 mit seinen spektakulären Dribblings auf ewig einen Platz in der Ruhmeshalle des Klubs.

Das Rekrutieren der zweiten Garde der Mannschaft überließ Tapie seinem Generaldirektor Jean-Pierre Bernès. Persönlich kümmerte er sich nur um die Stars. »Tapie hatte zwei Kriterien bei seiner Auswahl: den Bekanntheitsgrad eines Spielers und dessen sportlichen Wert«, erklärt Marc Fratani. Jean-Pierre Papin hatte während der WM in Mexiko 1986 einen Vorvertrag Bem. AS Monaco unterzeichnet. Als Tapie mit ihm zusammentraf, hatte er ihn in drei Sätzen um den Finger gewickelt. Papin sollte der beste Stürmer in der Geschichte von Olympique werden.

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