01.10.2013

Olympique Marseille unter Bernard Tapie

Der große Diktator

Seite 2/3: »Maradona zu Olympique Marseille«
Text:
Mathieu Gregoire
Bild:
Imago

Tapie verstand den Fußball so wie das Geschäftsleben als Haifischbecken. Beinahe hätte er sogar den Neapolitanern größten Kummer zugefügt: »Maradona zu Olympique Marseille«, titelte die französische Sportzeitung »L‘Equipe« am 2. Juni 1989. »Es kam ein Anruf von Diego Maradonas Berater«, erinnert sich Michel Hidalgo. »Wir konnten es kaum fassen. Mit Tapies Flugzeug flog ich darauf nach Neapel und traf Maradona dort in seiner Wohnung. Er feierte gerade die Geburt seiner Tochter und hatte wirklich Lust zu uns zu kommen, wir sprachen schon von einer zukünftigen Villa in Cassis.« Aber das Rascheln im Blätterwald rief schließlich Corrado Ferlaino, den Präsidenten des SSC Neapel, auf den Plan, der sich vor wütenden Anhängern und der Reaktion der Camorra fürchtete. 
Jedenfalls wurde nichts aus dem Deal – obwohl Tapie den Argentinier noch ein weiteres Mal zu Verhandlungen traf.

Doch der Präsident war wir eine Dampflok in voller Fahrt. Nicht einmal die Hand Matanu Garcia Vatas konnte ihn am 18. April 1990 im Rückspiel des Halbfinals im Europapokal der Landesmeister stoppen. Sieben Minuten vor Abpfiff im Estadio da Luz zerstörte der angolanische Angreifer von Benfica Lissabon die Träume von OM, als er ein Tor mit seiner Faust erzielte. Alle schrien »Skandal!«, nur Tapie nicht, der sibyllinisch mit den Schultern zuckte: »Nun weiß ich, wie man den Europapokal gewinnt.« Zwanzig Jahre später erklärt sein Assistent Marc Fratani: »Tapie hatte verstanden, dass sein Klub, der in Frankreich alles dominierte, auf europäischem Terrain nichts bedeutete. Ihm fehlte eine Persönlichkeit, die von allen respektiert wurde.« An diesem Tag kam Tapie die Idee, Franz Beckenbauer nach Marseille zu holen.

Der Kaiser und der Diktator

Der Kaiser in Marseille. Ein weiterer schrulliger Einfall, aber Beckenbauer ließ sich darauf ein, kurz nachdem er die deutsche Auswahl zum WM-Titel geführt hatte. Doch er trainierte Olympique nur vier Monate – von September 1990 bis zum Januar 1991. »Er ist kein guter Trainer, ich werde ihn feuern, es ist mir egal, dass er der Kaiser ist«, versicherte Tapie Ende 1990 seinen engsten Vertrauten. Hidalgo und Bernès versuchten noch, den Sonnenkönig zu beruhigen, doch Tapie kannte zu diesem Zeitpunkt schon keine Ikonen mehr – außer sich selbst. Doch clever, wie er war, gab er Beckenbauer den Posten des technischen Direktors, mit durchaus großem Erfolg: Am 20. März 1991 fiel im Rückspiel des Europacup-Viertelfinals gegen den AC Milan ein Scheinwerfer im Stade Vélodrome aus, 15 Sekunden vor dem Schlusspfiff. Marseille führte mit 1:0 und war auf direktem Weg ins Halbfinale. Das war der Moment, in dem die Mailänder Führungsriege ihre Spieler anwies, den Platz zu verlassen. Panik brach aus, die Italiener blufften, denn sie wollten einen Sieg am grünen Tisch. Doch 
der edle Franz vertrat mit seiner unnachahmlichen Gelassenheit die Belange von Olympique. Das Ergebnis: Milan wurde von der nächsten Runde ausgeschlossen. Im Finale von Bari musste sich OM dennoch im Elfmeterschießen Roter Stern Belgrad geschlagen geben.

Bei Olympique waren die Sympathien seit jeher so gelagert, dass es Freunde Tapies gab – 
und den Rest. Jean-Pierre Papin war ein guter Freund. Nach den Spielen aßen die beiden regelmäßig gemeinsam im »Marakana«, dem Restaurant im Stade Vélodrome. Hatte Papin Probleme mit seiner Frau, schickte Tapie ihn für eine Woche auf die »Phocéa«, seine 74 Meter lange Yacht, damit der Kicker neue Energie tankte. Papin unterhielt zu dem Präsidenten ein inniges Vater-Sohn-Verhältnis. Doch das änderte sich abrupt. Papin bekam den kalten Hass des Klub-Bosses zu spüren, der Niederlagen nicht erträgt. »Von einem Tag auf den anderen strafte er mich mit Missachtung. Ab dem Moment, als ich meine Koffer in Mailand hatte.

»Jeder hatte das Recht, Tapie zu widersprechen.«

Solange ich Teil seiner Mannschaft war, unterstützte er mich bedingungslos. Doch als ich nicht mehr Teil seiner Pläne war, änderte sich das.« Am stärksten unterlagen die Trainer dem Diktat Tapies. Denn »Nanard«, wie er von der Presse verniedlichend genannt wurde, gab zu allem seinen Senf – auch zur Aufstellung. Vor einem Match gegen Montpellier unterhielt sich der Präses gerade ruhig mit Gérard Banide, dem damaligen Trainer von OM. Tapie fürchtete sich vor dem Spielmacher des Gegners. Er sagte: »Ich bin der Meinung, der Kleine muss in Manndeckung genommen werden.« Banide sah es anders und beharrte auf seiner Raumdeckungstaktik. Der Spielmacher jedoch traf in dem Spiel zwei Mal und Montpellier erreichte ein Unentschieden. Zwei Tage später war Banide seinen Posten los. Fratani: »Jeder hatte das Recht, Tapie zu widersprechen. Allerdings sollte dieses Recht dann auch von Erfolg gekrönt sein.«

Zu jedem Saisonfinale setzte der Präsident durch, dass die Kicker aufliefen, die zu verkaufen waren. Als würde man sie zum Schlussverkauf ins Schaufenster stellen. Er nahm auch direkt Einfluss auf das Spiel: Als Tapie einmal mitbekam, dass Basile Boli leicht verletzt um seine Auswechslung bat, befahl er per Walkie-Talkie aus seiner Präsidentenloge auf die Trainerbank: »Boli auf keinen Fall auswechseln!« Und siehe, der Verteidiger erzielt kurze Zeit später per Kopf den Siegtreffer. Tapie gelang in dieser Phase einfach alles. Er riss die Menschen mit. Jean-Pierre Papin hält Tapie noch heute für den »größten Menschenführer«, den er je getroffen hat. »Er fand immer die richtigen Worte, dich zu motivieren. Er konnte jederzeit in die Kabine kommen: vor dem Spiel, während der Halbzeit, nach der Begegnung. Er fiel dem Trainer ins Wort, ob dieser es akzeptierte oder nicht. Raymond Goethals ärgerte es nicht, Beckenbauer störte es mehr.«

Tapies Ausbrüche in der Kabine glichen Erdbeben

Manchmal glichen seine Kabinenbesuche einem Erdbeben, er zerbrach Tische und schmiss mit Wasserflaschen. Er packte die Spieler am Hals und fragte ganz offen: »Kannst du mir erklären, wofür ich dir so viel Geld bezahle? Dafür? Burschen da draußen sind gezwungen, Motorroller zu klauen, um sich ein Ticket zu kaufen und dich spielen zu sehen. Und du bietest ihnen nichts!« Tapie verbot seinen Spielern, Kollegen der gegnerischen Mannschaft im Kabinengang zu grüßen. OM-Spieler gingen stur am Gegner vorbei, als zögen sie in den Krieg. Auch die Schiedsrichter mussten sich bei dem omnipräsenten Klubherrscher auf einiges gefasst machen: »Steht da Arschloch auf meiner Stirn? Glaubst du etwa, ich sehe nicht, was du da treibst?«, polterte Tapie gegen die Männer in Schwarz. Seine Leistung lag nicht darin, jemanden zu bestechen, sondern seinen Einfluss geltend zu machen. Die Fans hatte er ebenfalls in der Tasche. Tapie gewährte dem Dachverband der Fanklubs die Verwaltung der Dauerkarten für die Kurven im Stade Vélodrome. Sie hatten also die Macht über 25 000 Plätze der insgesamt 60 000 im Stadion. Ein Recht, das bis heute besteht.

Gegen die Medien ging er mit härteren Bandagen vor. Vincent Machenaud vom Magazin »France Football« wurde nach einer Reihe von kritischen Artikeln von einem muskelbepackten Handlanger des Vereins mit einer Pistole an der Schläfe bedroht. Dopingkontrollen verliefen weniger gewissenhaft ab. Bei einem Spiel in Nizza wurde beispielsweise Eric di Meco frühzeitig ausgewechselt, nachdem er von den Ärzten ausgelost worden war. Er verließ das Stadion noch vor Ende der Partie. In diesem Zusammenhang steht auch eine Passage in Marcel Desaillys Autobiografie, die einen Besuch von Bernard Tapie kurz vor dem Spiel Paris Saint-Germain gegen OM am 19. Dezember 1992 beschreibt: »Er kam in die Kabine des Prinzenparks. Es wurde ganz still. Tapie stand in der Mitte der Kabine und zog eine Packung mit Medikamenten hervor. Eine Verpackung, die ich nie zuvor in den Händen der Klubärzte gesehen hatte. Den Namen habe ich vergessen, aber nicht das unangenehme Gefühl, das mich bei den Worten Tapies beschlich: ›Dieses Spiel, Jungs, müssen wir unbedingt gewinnen.‹ Er hielt mir die Packung hin. Ich hätte mich nur zu bedienen brauchen, aber ich zögerte. Das Einzige, was ich tun konnte, war, die Packung an Didier Deschamps weiterzureichen. Er nahm sie, drehte sie um und las den Warnhinweis auf der Packung. Didier blieb ganz ruhig. Er wandte sich an den Boss: ›Hey, warten Sie, was ist das?‹ ›Nehmt sie einfach, vertraut mir.‹ ›Aber haben Sie gesehen, was hinten geschrieben steht?‹ ›Kein Problem, das ist eine Frage der Dosierung.‹ Der Boss nahm die Packung, entnahm eine Tablette, dann noch eine und schluckte sie mit Mineralwasser hinunter. ›So Jungs, nun macht schon. Ihr kennt mich, ich habe euch niemals belogen. Oder?‹ Ich habe sie genommen. Ob es ein oder zwei Tabletten waren, weiß ich nicht mehr.«

 
 
 
 
 
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