20.12.2012

Oliver Kahn auf Usedom

Warten auf Katrin

EM-Bühne weg. Die Müller-Hohenstein weg. Alle Kameras vom ZDF weg. Nur Oliver Kahn lebt immer noch auf Usedom. Unter der Seebrücke von Heringsdorf.

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Langsam taucht die aufgehende Morgensonne den Strand in goldenes Licht. Sanft kräuselt milder Herbstwind die Wellen der See, die Luft schmeckt salzig, Möwen kreischen. Menschenleer ist der Strand von Usedom. Nur ein einsamer Wanderer ist unterwegs, hält inne, blickt hinaus aufs Meer, fischt ein wenig Treibholz aus den Wellen. Und fängt dann einen Dorsch blitzschnell mit der Hand.

Anschließend kehrt Oliver Kahn zurück in seine Hütte, unter der Seebrücke von Heringsdorf. Er lebt nun schon lange hier, in einem Unterstand, den er sich aus alten ZDF-Liegestühlen gebaut hat. Oliver Kahn wartet. Seit Juni. Auf den versprochenen Shuttle zum Hotel. »Wir holen dich ab«, hatten ihm die ZDF-Leute direkt nach dem EM-Finale versichert. »Wir bauen jetzt hier nur noch schnell die Bühne ab und bringen die Katrin zum Flieger.«

Ach Katrin! Was war nur passiert! War es nicht Liebe, auf den allerersten Blick! Diese Frisur, mit viel zu viel Haarlack bissfest gemacht. Dieses Lächeln, stahlbetoniert. Diese Fragen, uninspiriert und abgelesen – eine Frau, mir so ähnlich, hatte Oliver gedacht, und er hatte geglaubt, es sei für immer. Sie, die Moderatorin. Er, der Experte.

»Weiter möchte ich heute noch nicht gehen«

Und stets das Wissen, dass da mehr war als nur die Arbeit. Hier ein gemeinsames Zähneknirschen, da ein oberflächliches Lächeln, wie zufällig berührten sich bisweilen im Alltag die Mikrofone. Und dann dieser Moment im Vorlauf zum EM-Viertelfinale gegen Griechenland, als urplötzlich, wie aus dem Nichts, für ein paar Sekunden ein echtes Gespräch entstand. Mit Antworten, die sich direkt auf die Fragen bezogen. Mit echtem Interesse an der Meinung des anderen.

Das war so neu für beide, ungewohnt und verstörend. »Weiter möchte ich heute noch nicht gehen«, hatten Katrins Augen gefleht. Und dann hatten sie ganz schnell das Thema gewechselt. Katrin hatte etwas zu Griechenland gefragt und Oliver etwas zu Deutschland geantwortet. Alles war wieder normal.

In seiner Hütte unter der Seebrücke nimmt Oliver Kahn den eben gefangenen Dorsch, beißt ihm mit einer ruckartigen Bewegung den Kopf ab und schlingt den Torso samt Gräten hinunter, ohne auch nur ein einziges Mal zu schlucken. Ein wehmütiger Blick hinunter zum Strand. Da stand sie einmal, die ZDF-Seebühne. Drei Wochen lang war sie Katrins und seine Heimat gewesen. Ihm war, als sei es gestern gewesen, dass sie gemeinsam auf der Bühne aneinander vorbeigeredet und sich in den Sendepausen angeschwiegen hatten. Momente großer Zärtlichkeit und Intimität.

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