Olaf Thon verlässt den FC Schalke

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Olaf Thon war einst die Identifikationsfigur für die Schalker Fans. Er selbst sah sich als Mann der Zukunft. Doch ein Kleinkrieg in der Führungsriege hat ihn aufs Abstellgleis bugsiert. Im Sommer verlässt er nun endgültig sein große Liebe. Olaf Thon verlässt den FC SchalkeImago Olaf Thon gilt als eloquenter Gesprächspartner. Und auch wenn böse Zungen seine Wortwahl gern als überheblich bezeichnen, so hebt er sich  eindeutig von den verbalen Gepflogenheiten vieler Bundesliga-Kollegen ab. Diese Eigenschaft brachte ihm einst den Spitznamen »Professor« ein. Doch als der FC Schalke in der vergangenen Woche den endgültigen Abschied von Thon bekannt gab, erlebte man den 43-Jährigen ungewohnt einsilbig.

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Offiziell sehe sich Olaf Thon nicht länger in der Lage, den Verein glaubwürdig und überzeugend vertreten zu können, hieß es. Er selbst sagte nach Bekanntwerden der Entscheidung: »Ich werde eins nach dem anderen abarbeiten. Diese Sache muss ich erst einmal verarbeiten.«

Arbeiten – das wollte Thon auf Schalke immer, am liebsten in verantwortlicher Position. Dass Thons Meinung aber in der Vergangenheit selten bis gar nicht gefragt war, ärgerte ihn dermaßen, dass er nun zum Saisonende von alleine die Koffer packt und geht. Er sei nicht sauer, betonte er, aber der Verein habe sich nicht an vertraglich abgesicherte Absprachen gehalten. Doch warum ignorierte der Verein eines seiner Urgesteine mit einer solchen Konsequenz?

Keine Freunde fürs Leben

Dabei sind durchaus Parallelen zwischen der Karriere von Olaf Thon und der Entwicklung von Schalke 04 in den letzten zehn Jahren zu erkennen. Beide verspürten den stetigen Drang, nach ganz oben zu gelangen. Doch während Thon zu seiner aktiven Zeit schon sehr früh ganz oben ankam, wartet Schalke bis heute auf den ganz großen Wurf. Beim legendären 6:6 der Schalker gegen den FC Bayern im Mai 1984 schoss der 18-jährige Thon drei Tore. Bayern-Trainer Udo Lattek wollte ihn vom Fleck weg verpflichten, doch der Junge mit dem lichten Oberlippenflaum blieb vorerst seiner Heimatstadt Gelsenkirchen treu. 1988 wechselte er dann doch zu den Bayern und gewann dort dreimal die Deutsche Meisterschaft. Bei der WM 1990 schoss er die deutsche Nationalmannschaft mit dem entscheidenden Elfmeter gegen England ins Finale und stemmte später den WM Pokal in den Nachthimmel von Rom.

Thon war 24 Jahre alt und hatte den wichtigsten Titel im Weltfußball gewonnen. Mehr ging eigentlich nicht. Doch als Thon im Jahr 1994 zum FC Schalke zurückkehrte, wurde er zur Legende bei den Königsblauen. Er führte die »Euro-Fighter« 1997 als Kapitän zum UEFA-Pokal-Sieg und holte 2000 und 2001 den DFB-Pokal nach Gelsenkirchen. Bei der »Vier-Minuten Meisterschaft« im Mai 2001 lagen sich der Spieler Thon und sein Manger Assauer erst himmelhochjauchzend und wenig später zu Tode betrübt in den Armen. Sie waren die »Meister der Herzen«, Freunde fürs Leben wurden sie deswegen aber noch lange nicht.

Ganz im Gegenteil. Als Thon 2002 nach langwierigen Verletzungen seine Karriere beendete, tauschte er den Trainings- gegen einen Nadelstreifenanzug ein und arbeitet fortan im Marketing des Vereins. Unter der Obhut Assauers rechnete Thon jahrelang mit einer Berufung in die erste Reihe. Doch nichts geschah.

Obwohl Thon den Trainerschein machte, stand er bei keiner der zahlreichen Trainerentlassungen auf Schalke ernsthaft als Nachfolger zur Debatte. Mit Wilmots, Büskens und Mulder rückten sogar ehemalige Spielerkollegen auf die Schalker Trainerbank vor. Thon blieb auf der Tribüne. Immer im Hintergrund. Auch sein Aufstieg in die Führungsebene des Vereins wurde stets blockiert. Dabei gilt es als offenes Geheimnis, dass der mächtige Manager Assauer den einstigen Publikumsliebling Thon an der kurzen Leine hielt und ihn, aus Angst vor Thons wachsendem Einfluss im Klub, mit repräsentativen Aufgaben abspeiste.

Doch 2005 wurde Thon in den Schalker Aufsichtsrat gewählt, der im Jahr darauf maßgeblich daran beteiligt war, Manager Assauer aus dem Amt zu drängen. Assauer vertrat fortan öffentlich die Meinung, dass vor allem Thon in dem Kontrollgremium Stimmung gegen ihn und seine Arbeit gemacht habe. Im Jahr 2007 kam es dann auf der Jubiläumsfeier der »Euro Fighter« zum Eklat, als Thon zu vorgerückter Stunde mit Gläsern nach seinem einstigen Mentor warf. Assauer schlug eine Entschuldigung aus und wurde mit den Worten »Es gab definitiv keinen Handschlag. Ich werde mich mit Olaf auch niemals vertragen – niemals!« zitiert. Durch diese Entgleisungen war das Tischtuch zwischen Assauer und Thon endgültig zerschnitten.

Niemand redet von oder mit ihm

Nach den Entlassungen von Müller und Rutten begaben sich die Verantwortlichen auf Schalke wieder auf die Suche nach einer neuen sportlichen Führung. Thon mit einer der Positionen zu betrauen wurde kategorisch abgelehnt. Selbst als mit Kahn und Stevens die aussichtsreichsten Kandidaten absagten, redete niemand von oder mit Thon. Stattdessen waberte sogar der Name Assauer auffällig oft durch die Medien. Keiner glaubte jedoch, dass die Schalker ernsthaft planen würden, den großen, alten Mann aus besseren Zeiten zurück zu holen. Thon blieb ruhig, doch es muss ihn gewurmt haben, dass seine Meinung bei der  Trainer- und Managersuche, trotz seiner offiziellen Funktion als Berater des Vorstandes für sportliche Angelegenheiten, konsequent ignoriert wurde. Endlich zog er die Konsequenzen, die er eigentlich schon 2006 ziehen wollte. Damals sagte er: »Nach der WM 2006 will ich als Trainer arbeiten. Und da das in Schalke nicht möglich ist, werde ich den Klub verlassen«

Er blieb jedoch und hoffte weiter, dass er seine Chance bekommt. Heute sagt er: »Als jemand, der Schalke seit 23 Jahren kennt, wollte ich helfen. Wenn nicht jetzt, wann dann?«

Er darf nicht mehr helfen und durfte es noch nie. Deswegen verlässt Schalke zum Saisonende ein weiteres Stück Blau-Weiße Identität. Doch wer weiß, vielleicht ist Thon nur ein Bauernopfer der geheimen Schalker Zukunftspläne. Auf der Suche nach einer neuen sportlichen Führung ist es erstaunlich ruhig geworden. Bahnt sich etwa etwas Großes an? Könnte es möglich sein, dass die Neubesetzung des Managerpostens auch an die Personalie Thon geknüpft ist? Steht der große, alte Mann aus besseren Zeiten vielleicht doch schon Gewehr bei Fuß und bereitet im Geheimen die neue Saison vor? Nicht erst seit dieser Spielzeit weiß man, dass auf Schalke alles möglich ist. Sollte Assauer zurückkommen, dann kann man schon die ersten Worte seiner Antrittsrede erahnen: »Wenn nicht jetzt, wann dann...«

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