Offener Brief an die Uefa zum Thema Rassismus

Das Problem mit den Kollektivstrafen

Wenn Fans rassistisch auffällig werden, drohen ihren Vereinen oft Geisterspiele – sehr zum Unmut der restlichen Anhänger. Wir dokumentieren einen offenen Brief an die Uefa.

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Dynamo Kiew sollte sein Heimspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen Manchester City eigentlich vor leeren Rängen austragen. Grund dafür waren Rassismusvorfälle im Spiel gegen den FC Chelsea. Nun hat die UEFA ihre Entscheidung jedoch überraschend geändert und den Fans den Spielbesuch gestattet.
 
Rund 100 nationale Dachverbände der Fußballfans, Nationalmannschaftsfanorganisationen und Klub-basierte Fangruppen aus 18 Ländern in ganz Europa, die 100.000 Fußballfans repräsentieren, haben gemeinsam einen offenen Brief an die Mitglieder des Exekutivkomitees der UEFA veröffentlicht. Er ist heute Nacht an die Uefa verschickt worden. 11FREUNDE veröffentlicht ihn im folgenden.

Obwohl die Brief-Unterzeichner den Sinneswandel der UEFA in diesem Fall als einen Schritt in die richtige Richtung begrüßen, zeigt sich hier doch das Problem mit der Handhabung der UEFA-Sanktionen durch Kollektivstrafen im Falle rassistischen Fanverhaltens. Deshalb fordern die Anhänger eine gründliche Überprüfung der UEFA-Politik der kollektiven Strafen für rassistisches Verhalten und insbesondere die sofortige Abschaffung der Regelungen, die einen Ausschluss unschuldiger Auswärtsfans bedeutet.
 
Gemeinsam mit allen Unterzeichnern unterstützt der Vorstand von Football Supporters Europe (FSE) uneingeschränkt diese Initiative.


Sehr geehrte Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitees,
 
aus ganz Europa richten wir uns an Sie, um unsere große Besorgnis auszudrücken. Wir rufen Sie als UEFA hiermit auf, ihre Disziplinarpolitik bei rassistischem oder anderweitig diskriminierendem Verhalten von Fußballfans zu überdenken.
 
Betont werden muss vorab, dass die Unterzeichner dieses offenen Briefes ausdrücklich die »Null-Toleranz-Politik« der UEFA in Bezug auf Rassismus begrüßen. Die unterzeichnenden Fangruppen und die UEFA sind geeint in der Überzeugung, dass gegenseitiger Respekt ein integraler Bestandteil der Kernwerte in unserem Sport darstellt. Und das sollte für alle Akteure auf und neben dem Spielfeld gelten.
 
Die Bestrafung einer überwältigenden Mehrheit der Fußballfans wegen verabscheuungswürdiger Handlungen einer Minderheit durch Standardsanktionen wie »Spiele hinter verschlossenen Türen« für Vorfälle rassistisch motivierten Verhaltens von Fans veranschaulichen jedoch ein großes Maß an Respektlosigkeit gegenüber allen Fußballfans, die durch solch drastische Maßnahmen unschuldig betroffen werden.

Besonders die Auswärtsfans, die nichts falsch gemacht haben und alle ihre Reisen gebucht haben, sind diejenigen, die den höchsten Preis zahlen, wenn von der UEFA eine Sanktion gegen einen anderen Verein für das Verhalten einer anderen Fangruppe gegenüber allen verhängt wird.
 
Die Sanktionierung von respektlosem und inakzeptablem Verhalten einer in der Regel kleinen Gruppe durch Respektlosigkeit gegenüber der gesamten Zuschauerschaft gefährdet die Glaubwürdigkeit der UEFA in ihrem Engagement gegen Rassismus. Die größte und umfangreichste Gruppe potenzieller Verbündeter der UEFA im Kampf gegen Diskriminierung im Fußball, die Fußballfans als die so oft zitierte »Seele des Fußballs«, werden abgewertet und darauf reduziert, einzig die Ursache eines Problems zu sein.
 
Vor diesem Hintergrund bitten wir Sie, die entsprechenden Vorschriften zu ändern - hin zu einem System, das glaubwürdig und nachhaltig hilft, Diskriminierung unter Wahrung der Interessen der Fans als wichtige Beteiligte zu minimieren. Wir sollten alle konstruktives Fanverhalten im Fußball fördern - und nicht das positive Engagement der Fans schwächen während die Entwicklung von destruktivem Verhalten, das durch das aktuelle System ausgelöst und durch offizielle Vorfallzahlen unterstrichen wird, noch unterstützen.

Auf dem Europäischen Fußball-Fan-Kongress von Football Supporters Europe (FSE) 2015 in Belfast, zeigten Fußballfans mit vielen konkreten Beispielen, dass das derzeitige System der kollektiven Sanktionen nicht nur zur Bestrafung vor allem unschuldiger Fans führt. Das gewünschte Ziel der nachhaltigen Bekämpfung von Rassismus und die Clubs zu nachhaltigerem Handeln, idealerweise mit Unterstützung ihrer Fans, zu zwingen, wird NICHT ERREICHT.
 
Besonders jene »üblichen Verdächtigen« unter den Clubs, für die die Regelungen in erster Linie verschärft wurden, haben drei Hauptreaktionsformen entwickelt:
 
1.  Sie beschuldigen den Boten (der den Vorfall meldende Anti-Rassismus-Beobachter oder bereits aktiv im Stadion gegen Rassismus engagierte Fangruppen) oder die UEFA, und initiieren eine öffentliche Hexenjagd gegen ihn, während sie das eigentliche Problem nicht akzeptieren.
—> Das bestärkt rassistische Täter, die sich nur zu gerne der Hexenjagd anschließen.

2.  Viele Vereine haben versucht, geheime Abkommen mit dem jeweiligen (rassistischen) Teil ihrer Fanszene zu treffen. Auf europäischer Ebene werden »die Füße stillgehalten«, während die Vereine die Privilegien in den Liga-Wettbewerben für die Täter erhöhen.
—> Das stärkt die rassistischen Täter und bringt sie näher an den Verein, während andere Fans weiter marginalisiert werden.

3.  Vereine siedelten die Fans in andere Teile des Stadions um, ordneten einige Alibi-Aktivitäten gegen Rassismus an, aber priesen diese in der Öffentlichkeit als von der Fanszene initiiert.
—> Währenddessen sind die Rassisten immer noch innerhalb des Stadions und agieren weiter mit rassistischen Handlungen, lediglich in einem anderen Stadionbereich.
—> Nicht-rassistische / antirassistische Fans fühlen sich nicht sicher oder ermutigt, eigene Aktivitäten zu initiieren.
 
Was eben nicht passiert ist, sind glaubwürdige und langfristige Aktionspläne gegen Rassismus, die von den Vereinen implementiert wurden. Das würde allerdings die Mehrheit der Nicht-Rassisten und den fortschrittlichen Teil der Fanszene darin bestärken, dass sie nicht abgelehnt werden, sondern sogar dazu führen, dass sie nur zu gern die Unterstützung im Kampf gegen Diskriminierung aufnehmen würden. Stattdessen werden sie jedoch immer wieder gemeinsam mit den rassistischen Tätern bestraft, während der mögliche Fall, dass sie vielleicht sogar Opfer dieser waren, ignoriert wird und sie weiter auch von diesen Leuten eingeschüchtert werden.

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