Offener Brief aus England an deutsche Fans und Funktionäre

Werdet nicht wie wir!

Die Bundesliga eifert der Premier League nach. Das versetzt die deutschen Fans in Sorge – und auch die englischen. Ein Appell von der Insel an die DFL und die deutschen Kurven.

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Tom Reed ist einer der Initiatoren der englischen Fan-Organisation »Football Action Network« (F.A.N.). Über 11freunde.de wendet er sich mit einem Schreiben an die deutschen Fans und Funktionäre. Weitere Infos bei Twitter unter: @thefan_uk oder @tomreedwriting

Englische und deutsche Fans pflegen, wenn auch insgeheim und manchmal widerwillig, einen lang anhaltenden Respekt füreinander. Lassen wir mal 1966 beiseite, dann konntet ihr Deutschen auf dem Platz immer auf uns herunter schauen wie die Sachsen-Coburger vom Buckingham Palace. Ist in Ordnung, wir schätzen Talent, wenn wir es sehen.

Wir haben nun erfahren, welche Nachwirkungen der Premier-League-TV-Deal auf unsere alten Feinde oder eben neuen Freunde hat. Sagen wir es offen: Ihr könnt nicht zulassen, dass euren Fußball das gleiche Schicksal ereilt wie unseren. Es ist leicht, geblendet zu werden von den Science-Fiction-Summen der Premier League, aber ihr solltet es vermeiden, eben diese Liga nachzuahmen oder mit ihr mithalten zu wollen – und zwar um jeden Preis.

Ein großer Schwindel

Wir haben Kommentare aus den Chefetagen der DFL gehört, von »unpopulären Maßnahmen« war da die Rede, von »Traditionen«, die es zu ändern gilt, um mit dem Markt mitzuhalten. Glaubt uns, wir haben die gleiche Rhetorik hierzulande zu Beginn der neunziger Jahre gehört. Was wir bekommen haben, ist der Verkauf des Fußballs, er wurde aus den Händen der Arbeiter gerissen, die diesen Sport erst geformt haben. Das Ganze war ein lange vorbereiteter Schwindel, um nicht zu sagen: ein kultureller Diebstahl.

Wenn ihr es nicht glaubt, dann schaut euch doch diese Zeilen aus dem »Entwurf für die Zukunft des Fußballs« des englischen Fußballverbandes aus dem Jahr 1991 an. Zu einer Zeit, als die Premier League gegründet wurde und der erste TV-Vertrag bevorstand:

»Die Folge ist, dass schwere Entscheidungen für das Segment der Konsumenten getroffen werden müssen, an das sich das Angebot und dessen Bestandteile richten. Wie oben erwähnt, ist die Antwort auf viele Problematiken die Bewegung hin zur gehobenen Kategorie, also zur reichen Mittelklasse mit all ihren Betätigungen und Ansprüchen. Wir weisen eindringlich darauf hin, dass darin eine Botschaft für den Fußball liegt.« (FA, The Blueprint for the Future of Football 1991. Seiten 8-9)

Gentrifizierung des Fußballs

Also da habt ihr es, ein expliziter Plan für die Gentrifizierung des Fußballs während der Vorbereitungen für die Premier League, über die der englische Verband dann relativ schnell die Kontrolle verlor. Ein zweites Beispiel:

»Zuerst erwarten wir einen Wirtschaftswachstum in einem nachhaltigen, wenn auch nicht spektakulärem Maße. Der durchschnittliche Konsument wird also effektiv reicher werden. Zweitens haben – trotz kurzzeitiger Einbrüche – die Einnahmen aus Immobilien einen stabilen Wohlstand für eine spezielle Gruppe der Bevölkerung erbracht, was die Bereitschaft für Ausgaben weiterhin stützen wird.« (FA, The Blueprint for the Future of Football 1991. Seite 7)

Es ist, als würden die Fans ohne Einfluss ihre überteuerten Plätze anmieten. Eine Gentrifizierung, die aus all den angeblich »alternativlosen« Entscheidungen für den »Wirtschaftswachstum« des Fußballs durchschimmert. Wenn einmal der Geist des »Lass sie mal machen« aus der Flasche ist, kann man ihn nicht mehr bändigen. Und die Opfer sind immer: die Fans und der Sport an sich.

Nehmt nur mal die veränderten Anstoßzeiten in Deutschland, hin zu Sonntagnachmittag- oder neuerdings Montagabendspielen. Man muss schon ziemlich naiv sein, um zu glauben, dass dies das Ende der Fahnenstange sei. Vor allem die Montagsspiele werden all den Auswärtsfahrern da draußen das Leben noch schwerer machen als ohnehin schon.

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