Wohl nirgendwo haben sich die Fans so sehr auf den Rückrundenstart gefreut wie in Hamburg und in Nürnberg. Die einen mussten zig Boulevard-Geschichten über ihren Spielmacher Rafael van der Vaart ertragen, die anderen mussten den unerwarteten Abgang von Trainer Dieter Hecking verkraften. Der Hamburger SV wollte diese Schlagzeilen mit der kurz vor der Winterpause eingeführten Mittelfeldraute vergessen machen, zum ersten Mal spielte van der Vaart auf der klassischen Zehn. Nürnbergs neuer Trainer Michael Wiesinger hielt diesem System ein 4-2-3-1 entgegen
Erste Halbzeit: Der HSV kann nicht, Nürnberg will nicht
In der ersten Halbzeit hatte der Hamburger SV ein leichtes Plus an Ballbesitz. Im Spielaufbau fiel van der Vaart weit zurück, oftmals neben seine Mittelfeldkollegen. Dies war lange Zeit eher Fluch denn Segen: Mit gleich vier zentralen Mittelfeldspielern war das Mittelfeldzentrum überfüllt wie eine Straßenbahn zur Rush-Hour. Anspielstationen vor dem Ball waren Mangelware.
Tolgay Arslan und Dennis Aogo übernahmen zu selten die Position von van der Vaart, wenn dieser zurückfiel. So hatte der HSV keine Präsenz im Zehnerraum. Dies erlaubte Nürnbergs Sechsern, van der Vaart bis tief in die Hamburger Hälfte zu verfolgen, ohne Angst haben zu müssen, dass ein Gegenspieler vor der Viererkette frei steht. Van der Vaart konnte unter Druck dem Spiel nicht seinen Stempel aufrücken.
So waren es die Nürnberger, die in der ersten Halbzeit die besseren Chancen hatten – wenn auch nicht sonderlich viele. Sie waren bestrebt, die Defensive zu sichern und keine Konter entstehen zu lassen. Daher beteiligten sich nur wenige Nürnberger an den Angriffen. Die beiden Sechser Almog Cohen und Hanno Balitsch dachten fast durchgehend defensiv. Dadurch fehlten auch dem Club die Anspielstationen vor dem Ball, ihre Angreifer mussten sich stets einer gegnerischen Überzahl stellen.
Einzig Außenverteidiger Timothy Chandler unterstützte die Stürmer. Dank ihm und dem spielstarken Robert Mak liefen knapp zwei Drittel der Nürnberger Angriffe über die rechte Seite. Sie nutzten den Offensivdrang von Marcell Jansen und kamen hinter ihm zu einigen Flanken. Die zwei einzigen Möglichkeiten vergab Robert Mak jedoch (2., 43.). Viel mehr war in den ersten 45 Minuten nicht los – Nürnberg wollte nicht, der HSV konnte nicht. Die erste Halbzeit war dabei nicht nur ereignisarm, sondern auch spielerisch wenig ansehnlich: Beide Teams blieben unter 75 Prozent Passgenauigkeit.
HSV dreht auf nach der Pause
Nach der Pause übernahm der HSV die Initiative. Fortan schafften sie es wesentlich besser, van der Vaarts Zurückfallen aufzufangen. Der kurz vor der Pause eingewechselte Per Skjelbred (für Arslan) ging öfter in den gegnerischen Zehnerraum. Er war wesentlich aktiver als sein Vorgänger und spielte mehr als doppelt so viele Pässe wie Arslan (34 zu 14). Auch Heung-Min Son fiel vermehrt zurück und bekam mehr Anbindung an das Spiel.
Die neuen Anspielstationen in der Offensive sorgten zwar kaum für mehr Pässe in den eigenen Zehnerraum, dafür bekam van der Vaart mehr Zeit am Ball. Die Nürnberger sicherten mit Balitsch, Cohen und Timo Gehbart den Raum vor der Viererkette ab, van der Vaart konnte am Mittelkreis nach Belieben schalten und walten. Diese Präsenz tat dem Hamburger Passspiel gut. Der HSV spielte nach der Pause mehr Pässe (301 zu 224) und konnte eine wesentlich höhere Passgenauigkeit verbuchen (83,33 Prozent zu 73,45 Prozent).
Der HSV kommt über links
Der Holländer verteilte die Bälle vornehmlich auf die linke Seite. Hier rückte Jansen weiterhin offensiv auf, wobei Aogo ihn vermehrt unterstützte. Richtig gefährlich kamen die Hamburger nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Chandler ins Spiel. Markus Feulner übernahm seine Position (65.). Dieser stand in einigen Situationen zu offensiv und konnte den Offensivdrang Jansens nicht so gut einschränken wie Chandler. So war er am Hamburger Führungstreffer maßgeblich beteiligt, als er zu weit entfernt von Jansen stand und dessen Pass auf Aogo nicht abfangen konnte. Aogos Flanke verwertete Artjoms Rudnevs per Kopf (70.).
Die Nürnberger sahen bis hierhin den gegnerischen Angriffsbemühungen aus der eigenen Hälfte zu. Erst nach dem Gegentor wachten sie aus ihrem Dornröschenschlaf. Ihre Außenverteidiger und Sechser rückten weiter auf und sorgten desöfteren für Überzahlsituationen auf den Flügeln. Unverständlicherweise schliefen die Hamburger just in dieser Phase selber ein. Das Dreiermittelfeld agierte weiterhin so hoch, als würde Nürnberg nur verteidigen, und half den eigenen Außenverteidigern auf dem Flügel nicht. Beim Ausgleichstreffer durch Tomas Pekhart nach einem Einwurf sah die komplette Viererkette nicht gut aus (75.).
Erst nach dem Gegentor fanden die Hamburger zu alter Stärke zurück. Angriff um Angriff rollte nun über die Flügel in Richtung Nürnberger Tor. Diese verteidigten nur noch, hatten jedoch auf der eigenen rechten Seite weiterhin Schwierigkeiten. Son vergab jedoch die zwei größten Chancen (77., 91.), es blieb beim 1:1. Der HSV hatte in der zweiten Halbzeit nur fünf schwache Minuten, dummerweise katapultierten diese Nürnberg genau nach dem eigenen Treffer zurück ins Spiel.