Nürnberg - HSV 1922: Das ewige Endspiel

Kameraden fürs Leben

„Wenn man in einem Spiel vier Stund lang' spielt, lernt man sich richtig kennen“, freute sich Nürnbergs Keeper Stuhlfauth nach den Meisterschaftsendspielen gegen den HSV. Dabei kämpften sie einander vorher in Grund und Boden. aus Festschrift “75 Jahre 1. FC Nürnberg”, Selbstverlag Sie spielten immer weiter, bis in den späten Abend, bis die Freunde vor Erschöpfung umfielen, der Ball in der Dunkelheit nur noch in Schemen zu sehen war, und während irgendein Schatten von der Seite röchelte „Letztes Tor entscheidet, Jungs!“, stand Mutter besorgt an der Haustür mit dem Essen und rief: „Kinners, hat das denn heute kein Ende mehr?“

Doch. Es hatte ein Ende. Als Schiedsrichter Dr. Peco Bauwens nach 189 Minuten das Finale um die Deutsche Meisterschaft zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem Hamburger SV beim Spielstand von 2:2 abpfeift, ist es stockduster. Noch mit dem grellen Ton im Ohr lassen sich die Spieler einfach fallen - und bleiben liegen. Wer jetzt noch steht, hat längst vergessen, wie er heißt.

Sie haben getobt, sich im Dreck gesuhlt und ihre Knie aufgeschlagen. Doch es war alles ganz anders als damals auf dem Bolzplatz hinterm Haus. Es war ein Kampf mit offenem Visier, ein Kampf, in dem der Nürnberger Toni Kugler vier Zähne verliert und Bauwens über den Platz torkelt als hätte er drei Tage und drei Nächte durchgezecht.

Der junge Sportjournalist Hanns Schödel ist von der Intensität des Spiels vollkommen übermannt. Im Strudel der Emotionen und im juvenilen Übermut stürmt er auf die Club-Spieler zu. Als er aber an die Zuschauerumzäunung eilt und Heiner Stuhlfauth fragt, ob das Spiel denn morgen weitergehe, da bügelt ihn der Club-Torwart vor versammelter Mannschaft ab: „Sie sänn gwieß närrisch, Herr Schödel!?“

Nürnbergs Helden kriechen über den Platz

Das Wiederholungsspiel findet erst sieben Wochen später statt: Auch dieses Mal steht es nach 90 Minuten Unentschieden – 1:1. Die Spieler vom 1. FC Nürnberg stehen schon wieder kurz vor dem Kreislaufkollaps, aufgrund von zwei Platzverweisen gegen Willy Böß und Heinrich Träg und der Verletzung von Toni Kugler schlurfen sie nur noch zu acht über den Rasen. Das Reglement ist gnadenlos: Auswechslungen sind verboten, es wird zwar nicht bis zum bitteren Ende weitergespielt, doch zumindest so lange, bis eine Mannschaft weniger als sieben Spieler auf dem Feld hat.

In der Verlängerung pfeift Dr. Peco Bauwens, der, so munkelt man, die sieben Wochen zwischen beiden Spielen auf einer Erholungsfarm im Schwarzwald verbracht hatte, die Partie plötzlich ab. Er rechnet wirr die verbliebenen Spieler zusammen, kritzelt Dinge in sein Heftchen und kommt zu einem sonderbaren Ergebnis: „Wenn nur noch sieben Spieler einer Mannschaft auf dem Feld stehen, wird die Partie abgebrochen.“ Kurz zuvor war der Nürnberger Luitpold Popp kraftlos auf dem Rasen zusammengesunken. Die Hamburger protestieren, einige Fans gehen auf die Barrikaden. Den Nürnberger Spielern ist in dem Moment alles egal, sie haben sich längst auf ihrem Lieblingsplätzchen gebettet, und sie harren der Dinge, die da kommen.

Die Herrschaften der Nürnberger Führungsetage lachen sich derweil genüsslich ins Fäustchen, denn Bauwens liegt knapp daneben. Richtig heißt es im DFB-Regelkatalog: „Wenn weniger als sieben Spieler einer Mannschaft auf dem Feld stehen, wird die Partie abgebrochen.“ Doch entgegen der Hoffnung des Club-Präsidiums, dass nun ein drittes Spiel angesetzt wird, erklärt der DFB am berüchtigten grünen Tisch den HSV zum Meister des Jahres 1922. Der süddeutsche Fußballverband ist erzürnt, droht mit dem Austritt aus dem DFB. Dieser legt den Hamburgern sogleich nahe, den Titel abzulehnen. Der HSV, bis dato noch ohne Deutsche Meisterschaft, gibt zähneknirschend nach.

Die Spieler nehmen's gelassen, sie sind zu dem Zeitpunkt per Du und all die Diskussionen in den Bürozimmern des DFB sind längst Nebensache. „Wenn man in so einem Spiel drei Stund lang spielt“, so resümiert Heiner Stuhlfauth, „dann lernt man sich richtig kennen - kameradschaftlich und charakterlich.“ Und welche echten Freundschaften ertragen schon das ewige Gejammere von Siegern und Besiegten?

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